Familie Iqbali lebt in Angst: Nach vier Jahren droht die Abschiebung

Stuttgart - Nach der Flucht aus dem Irak hat sich Familie Iqbali nach rund vier Jahren in Stuttgart eingelebt. Die Kinder gehen zur Schule und in den Kindergarten, der Vater arbeitet. Nun der Schock: Die Familie soll abgeschoben werden. TAG24 hat mit den Iqbalis gesprochen.

Familie Iqbali soll abgeschoben werden - nach vier Jahren Integration in Deutschland.
Familie Iqbali soll abgeschoben werden - nach vier Jahren Integration in Deutschland.  © Maximilian Holley

"Für mich ist es wirklich ganz schwer. Wir sind schon vier Jahre hier. Die Kinder haben Freunde hier. Wir verlieren alles", sagt Gula Iqbali (39) mit ernster Stimme auf Deutsch.

Die Mutter von vier Kindern hat Angst, dass sie ihr neues Zuhause für immer verlieren. Im August erreichte sie der Bescheid, dass die kurdische Familie, die vor dem Krieg im Irak geflüchtet ist, nach Bulgarien abgeschoben werden soll.

Der Pfarrer Karl-Eugen Fischer (61) ist seit Jahren in der Flüchtlingshilfe tätig und kennt Familie Iqbali gut. Für ihn ist ihre geplante Abschiebung nicht nachvollziehbar: "Die Familie hat sich mit einer unglaublichen Energie versucht hier einzuleben, die Eltern machten Sprachkurse, die Kinder gehen in die Schule und den Kindergarten."

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Im Café Welcome, einem Begegnungs-Café für Geflüchtete und Nachbarn in der Brenzkirche, haben sich die Eltern "mit einer wahnsinnig großen Bereitschaft eingebracht", so der Pfarrer.

Die Familie Iqbali lebt seit zwei Jahren in einer Drei-Zimmer-Wohnung in Stuttgart-Botnang. Mutter Gula kümmert sich um die Kinder, Vater Sarbaz (39) arbeitet bei der Tafel. Die Kinder Muhamad (11), Mansa (10) gehen in die Schule, Mubin (7) wird im September eingeschult und Maria (2) soll im März in den Kindergarten kommen. "Sie sind wirklich zu Hause hier und angekommen", sagt Pfarrer Fischer.

Doch die Familie soll aus ihrem Leben in Deutschland gerissen werden. Das Gerichtsurteil besagt, dass sie nach Bulgarien abgeschoben werden sollen.

Familie flüchtete zu Fuß aus dem Irak

Mutter Gula und Vater Sarbaz Iqbali haben große Angst abgeschoben zu werden.
Mutter Gula und Vater Sarbaz Iqbali haben große Angst abgeschoben zu werden.  © Maximilian Holley

35 Tage waren sie unterwegs nach Deutschland, größtenteils zu Fuß und ab und zu wurden sie von Kleinbussen mitgenommen.

Vom Irak flüchteten sie in die Türkei. Von dort brachten sie Schlepper - gemeinsam mit etwa 40 weiteren Personen - in einem Lastwagen nach Serbien.

"Nachts in einem dunklen Wald haben wir uns verloren", berichtet Mutter Gula. Vater und Sohn Mubin wurden von der Polizei aufgegriffen und nach Bulgarien gebracht. "Die Polizei in Bulgarien hat meine Finger fast gebrochen", sagt Sarbaz, als er sich daran erinnert, wie sie ihm die Fingerabdrücke nahmen.

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Vater Sarbaz wurde registriert und auf diese Tatsache stützt sich nun das Gericht.

Das Urteil des Verwaltungsgerichts Stuttgart besagt, dass die sechsköpfige Familie abgeschoben werden soll. In dem Bescheid, der TAG24 vorliegt, begründen die Richter ihre Entscheidung mit der Dublin-III-Verordnung. Diese regelt, dass Asylbewerber in dem Land registriert werden, wo sie die EU betreten haben und dort der Asylantrag gestellt und bearbeitet werden muss.

Bulgarien habe bereits seine Zuständigkeit erklärt und will die ganze Familie in einem Asylverfahren aufnehmen. Die Familie klagt, seitdem ihr erster Antrag auf Asyl in Deutschland 2017 abgelehnt wurde. Da das Gericht "aufschiebende Wirkung" angeordnet hat, verfallen die Verjährungsfristen. Normalerweise geht das Asylverfahren nach sechs Monaten auf Deutschland über, wenn die Überstellung in den anderen Staat nicht stattgefunden hat.

Laut Urteil soll die Familie in Bulgarien in ein Aufnahmezentrum aufgenommen werden und dreimal am Tag ein abgepacktes Essen und Hygienepakete bekommen.

"Ich habe Epilepsie und in Bulgarien hätte ich große Angst", sagt Vater Sarbaz, der vor wenigen Tagen einen erneuten Epilepsie-Anfall hatte. Er meint, der Anfall wurde durch den Stress der drohenden Abschiebung ausgelöst. "Bulgarien wäre eine Katastrophe in Bezug auch auf die medizinische Versorgung. Viele Menschen dort flüchten selbst nach Deutschland", sagt Fischer. Das Gericht stellt jedoch keine systematischen Mängel in Bulgarien fest.

Laut dem Pfarrer habe die Familie große Angst vor der Abschiebung: "Sie haben in den Containern selbst gesehen, wie die Polizei nachts kam und Familien mitgenommen wurden."

Die Familie ist in der Gemeinde sehr beliebt

Die Kinder Muhamad (11), Mansa (10), Mubin (7) und Maria (2) haben sich in Deutschland eingelebt.
Die Kinder Muhamad (11), Mansa (10), Mubin (7) und Maria (2) haben sich in Deutschland eingelebt.  © Maximilian Holley

"Viele Leute setzen sich für sie ein", erklärt der Pfarrer. In einer Petition wurden schon über 12.000 Unterschriften gesammelt.

"Das sind Menschen, die bereichern unsere Gesellschaft", erklärt Fischer und hofft, dass die Familie, die sich in Deutschland zu Hause fühlt, auch hier bleiben darf. Denn sie würden nicht nur ihr Heim, sondern auch ihre Freunde verlieren. "Wir haben keinen Kontakt zu Ausländern, wir kennen nur Deutsche", sagt Gula.

Ein Spendenkonto für die Anwaltskosten wurde ebenfalls eingerichtet. "Ich wünsche mir, dass wir hier bleiben dürfen, lernen und arbeiten dürfen", sagt Gula und Vater Sarbaz ergänzt: "Meine Frau hat den Deutschkurs in B1 und ich habe A2."

"Deutschland bedeutet für mich eine große Liebe und mein Zuhause", sagt Gula Iqbali.

Die Familie hofft nun, dass ein Weg gefunden wird, auf dem Deutschland seine Zuständigkeit für die Familie Iqbali anerkennt und sie hier ein ordentliches Asylverfahren bekommt.

Titelfoto: Maximilian Holley

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