Gewalt und Krawalle: Darum gilt Freiburg als Vorbild

Freiburg - Mehr Polizei, Razzien an Brennpunkten, Videoüberwachung sowie der verstärkte Einsatz von Sozialarbeitern: Nach der Krawallnacht in Stuttgart bringt das Land eine Sicherheitspartnerschaft ins Spiel. Vorreiter ist Freiburg. Hier wurde Gewalt auf diese Weise eingedämmt.

Oberbürgermeister der Stadt Freiburg, Martin Horn (parteilos), Thomas Strobl (CDU), Innenminister von Baden-Württemberg, und Polizeipräsident Bernhard Rotzinger (l-r) sprechen 2018 vor der Unterzeichnung eines Vertrages zur Fortschreibung der Sicherheitspartnerschaft mit Mitarbeitern des Kommunalen Ordnungsdienstes in Freiburg.
Oberbürgermeister der Stadt Freiburg, Martin Horn (parteilos), Thomas Strobl (CDU), Innenminister von Baden-Württemberg, und Polizeipräsident Bernhard Rotzinger (l-r) sprechen 2018 vor der Unterzeichnung eines Vertrages zur Fortschreibung der Sicherheitspartnerschaft mit Mitarbeitern des Kommunalen Ordnungsdienstes in Freiburg.  © Patrick Seeger/dpa

Den unrühmlichen Spitzenplatz in der landesweiten Kriminalstatistik hat die Stadt verlassen: Nach 16 Jahren in Folge ist Freiburg nicht mehr die kriminellste Stadt im Land. Die Zahl der Straftaten ist deutlich gesunken. Polizei, Land und Kommune führen dies unter anderem auf ihre gemeinsame Sicherheitspartnerschaft zurück. Ein solches Modell ist nach der Krawallnacht in Stuttgart auch für die Landeshauptstadt im Gespräch. Freiburg, das hierfür als Vorbild dient, zieht eine positive Bilanz.

"Mit manchen Titeln schmückt man sich nicht gerne", sagt Freiburgs Oberbürgermeister Martin Horn (parteilos): "Und daher freut es mich, dass Freiburg nicht mehr die kriminellste Stadt in Baden-Württemberg ist."

16 Jahre lang führte die viertgrößte Stadt im Land die Kriminalstatistik im Südwesten an. Nun liegen andere Städte wie etwa Mannheim vorne. Horn und Freiburgs Polizeipräsident Franz Semling sehen den Grund für den Rückgang der Verbrechen in der Stadt Freiburg in der Sicherheitspartnerschaft, die sie mit dem Land geschlossen hat.

Freiburg ist die erste Stadt im Südwesten, mit der das Land eine solche Partnerschaft vereinbart hat. Später folgte Heidelberg. Nach den Krawallen in Stuttgart hat Innenminister Thomas Strobl (CDU) diese Form der gemeinsamen Kriminalitätsbekämpfung von Land, Kommune und Polizei auch der Landeshauptstadt angeboten.

Morde an zwei jungen Frauen sorgen für Schlagzeilen

Eine Überwachungskamera in der Freiburger Innenstadt.
Eine Überwachungskamera in der Freiburger Innenstadt.  © Philipp von Ditfurth/dpa

Freiburg, Deutschlands südlichste Großstadt, geriet im Herbst 2016 in Unruhe. Der Mord an zwei jungen Frauen in Freiburg und im nicht weit entfernten Endingen innerhalb von nur drei Wochen sowie weitere Gewalttaten brachten Unruhe in die Stadt und die Region. "Das Sicherheitsgefühl der Menschen war erschüttert", sagt Horn. Die hohe Kriminalitätsrate sowie die verunsicherte Bevölkerung mischten sich. Die Antwort von Stadt, Land und Polizei war die Sicherheitspartnerschaft. Sie begann im März 2017, wurde nach der Gruppenvergewaltigung einer 18-Jährigen in Freiburg im Herbst 2018 erweitert und gilt bis heute.

"Die Sicherheitspartnerschaft hat sich als geeignetes Mittel bewährt, Kriminalität und Gewalt im öffentlichen Raum einzudämmen", sagt Horn. Sie ermöglichte mehr als 40 zusätzliche Polizisten in Freiburg: "Die Polizei kann so deutlich stärker sichtbar Präsenz zeigen." Zusätzlich sind auch die Reiterstaffel der Polizei und Ermittlungsassistenten im Einsatz. Hinzu kommen mehr Aufklärungsarbeit sowie verstärkte Razzien an Drogen- und Kriminalitätsschwerpunkten. Die Stadt verpflichtete sich, einen bis dahin fehlenden kommunalen Ordnungsdienst aufzubauen und die Straßensozialarbeit zu erweitern.

"Die erhöhte Polizeipräsenz und mehr Kontrollen führen zu einem spürbaren Rückgang der Gewalt", sagt der Polizeichef. 2017 und 2018 sank die Zahl der Straftaten um jeweils mehr als 10 Prozent, im vergangenen Jahr um 9 Prozent. In der als Kriminalitätsschwerpunkt geltenden Altstadt sei das Minus deutlich höher. Hier, im Zentrum der Stadt, ist die Polizei besonders stark präsent. 

"Das Konzept funktioniert, solange wir am Ball bleiben", sagt Semling. Ziehe sich die Polizei aus Risikogebieten zurück, könne sich die Lage schnell wieder verschärfen. Kampf gegen Gewalt sei eine langfristige Aufgabe.

Mehr Polizei alleine reiche nicht

Martin Horn, Bürgermeister von Freiburg.
Martin Horn, Bürgermeister von Freiburg.  © Patrick Seeger/dpa

"Eine Erkenntnis ist: Mehr Polizei alleine reicht nicht", sagt der Oberbürgermeister. Es brauche auch Straßensozialarbeit und Kriminalprävention, um die Ursachen von Gewalt und Verbrechen zu bekämpfen. Zudem arbeitet Freiburg daran, Parks und Wege besser zu beleuchten und neu zu gestalten. Dunkle Ecken, in denen sich Kriminalität breit macht, sollen so dauerhaft beseitigt worden. Ein Vorhaben, das auch in Stuttgart im Gespräch ist.

"Es braucht ein Bündel von Maßnahmen", sagt Horn. Ein Alkoholverbot in bestimmten Bereichen etwa bringe wenig, wenn nichts zusätzlich unternommen werde. Freiburg hatte ein solches Verbot, wie es nun in Stuttgart debattiert wird, 2007 für eine Party-Meile im Stadtzentrum erlassen und war mit diesem dann juristisch gescheitert.

"Wir planen derzeit keine Wiedereinführung eines Alkoholverbotes in der Innenstadt", sagt Freiburgs Ordnungsbürgermeister Stefan Breiter (CDU). Die Sicherheitspartnerschaft, die auch die Videoüberwachung im Stadtzentrum enthält, habe sich als besseres Mittel erwiesen.

Einfach auf andere Städte übertragen lassen sich Sicherheitskonzepte nicht, betont der Innenminister. Jede Stadt und jede Region brauche auf sich zugeschnittene Lösungen. Das Beispiel Freiburg zeige, dass gemeinsam mehr Sicherheit dauerhaft erreicht werden könne.

Titelfoto: Philipp von Ditfurth/dpa

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