Zwischen "Army go home" und "We love you": Der Truppen-Abzug im Ländle

Stuttgart - Der Teilabzug der US-Streitkräfte aus Deutschland ist nun beschlossene Sache (TAG24 berichtete), doch wo genau Soldaten abgezogen werden, ist noch unklar.

9500 GIs sollen Deutschland verlassen. (Symbolbild)
9500 GIs sollen Deutschland verlassen. (Symbolbild)  © Frank May/dpa

Dass Baden-Württemberg betroffen sein könnte, ist nicht unwahrscheinlich: Wenn 9500 GIs von 34.500 versetzt werden sollten, müssten nahezu alle Stützpunkte in anderen Bundesländern geräumt werden, damit die Garnison in Stuttgart mit 25.000 Soldaten, Zivilisten und Familienangehörigen unberührt bliebe.

Andererseits gehört Stuttgart mit den beiden einzigen Kommandozentralen außerhalb der USA - dem Eucom und dem Africom - zu den bedeutendsten amerikanischen Stützpunkten in Deutschland.

Zu den Abzugsplänen von US-Präsident Donald Trump schweigt sich die Garnison Stuttgart mit mehreren Kasernen und einem eigenen Flugplatz aus. Man sei nicht in der Position, sich dazu zu äußern, sagt ein Sprecher. Auch das Innenministerium hat keine weiteren Informationen. 

Das Pentagon will den Kongress in den kommenden Wochen über Einzelheiten unterrichten, im Anschluss dann auch die Nato-Partner. Der US-Kongress könnte aber den Abzug noch über den Militärhaushalt blockieren oder zumindest erschweren.

Die Pläne der US-Regierung rufen im Südwesten völlig unterschiedliche Reaktionen hervor: Friedensbewegten kann der Abzug gar nicht schnell genug gehen. Handel und Politik befürchten den Verlust Zehntausender Konsumenten - und schwierige Zeiten für die deutsch-amerikanischen Beziehungen.

Theologe würde Abzug begrüßen

Mitglieder der US-Streitkräfte gehen in den Patch Barracks nach dem Kommandowechsel des United States European Command (EUCOM) in Stuttgart am Hauptquartier vorbei.
Mitglieder der US-Streitkräfte gehen in den Patch Barracks nach dem Kommandowechsel des United States European Command (EUCOM) in Stuttgart am Hauptquartier vorbei.  © Sebastian Gollnow/dpa

"Army go home!" ist der Appell von Paul Russmann vom Beirat des Vereins Ohne Rüstung leben. "Die Stationierung ist ein Relikt des Kalten Krieges, das völlig obsolet geworden ist." 

Er weiß um die wichtige Rolle Stuttgarts für die Militärstrategie der USA: Die Kommandozentrale Eucom befehlige die US-Atomwaffen in Europa. Außerdem habe sie zum Beispiel die Angriffe gegen den Irak und Libyen sowie das Manöver "Rapid Trident" in der Ukraine befehligt. 

Die wichtigste Aufgabe bestehe darin, der Nato kampfbereite Truppen zur Verfügung zu stellen. Das Africom gebe unter anderem den Befehl für gezielte Tötungen mit Drohnen in Afrika.

Für eine Umnutzung hat der katholische Theologe bereits Ideen: Die gut erschlossenen Flächen der Militärs von 187 Hektar könnten die große Wohnungsnot in Stuttgart lindern helfen.

Dem "Army go home!" des Rüstungsgegners setzt Innenminister Thomas Strobl (CDU) ein "We love you" für die stationierten Soldaten und ihre Familien entgegen.

Abzug würde etwa das Handwerk treffen

Stuttgart: Ein Schild weist auf den Eingang der Patch Barracks der United States Army sowie auf das Hauptquartier der US-Streitkräfte in Europa hin.
Stuttgart: Ein Schild weist auf den Eingang der Patch Barracks der United States Army sowie auf das Hauptquartier der US-Streitkräfte in Europa hin.  © Sebastian Gollnow/dpa

Von US-Präsident Trump distanziert er sich hingegen deutlich. "Für diese Entscheidung des US-Präsidenten fehlt mir jegliches Verständnis. Das ist ein Dämpfer für die bisherige gute Zusammenarbeit", betont Strobl. Er hofft auf das Eingreifen des US-Kongresses.

Für Strobl geht es nicht nur um ideelle Werte wie die deutsch-amerikanische Freundschaft. Er sieht die Streitkräfte auch als Wirtschaftsfaktor. Die Standorte seien eine Stütze für die Wirtschaftskraft der jeweiligen Region. 

Der CDU-Politiker sagt: "Zivile Mitarbeiter finden hier Beschäftigung, die Unternehmen und der regionale Handel profitieren von der Nachfrage und den Investitionen der amerikanischen Streitkräfte und ihrer Soldaten."

Aus Sicht der Industrie- und Handelskammer Region Stuttgart würden mit den Soldaten auch wichtige Kontakte für die Wirtschaft - ein historisch gewachsenes Netzwerk - verloren gehen, womöglich zu Lasten von Investitionen in die Region.

Die USA sind ein herausragender Handelspartner: Die Ausfuhren Baden-Württembergs in die USA lagen 2019 bei rund 25 Milliarden Euro und erreichten damit den mit Abstand höchsten Wert unter den Zielländern der Exporte. Dem standen Einfuhren von knapp 13 Milliarden Euro entgegen.

Im Fall eines Abzugs pocht die Kammer darauf, dass auf den frei werdenden Flächen Gewerbe- und Wohnbebauung Platz haben.

Was geschieht mit den Flächen?

Auch der Einzelhandel würde leiden, wenn die Truppe abzöge. "Es gibt durchaus Läden, die von dieser Kundschaft erheblich profitieren", sagt Sabine Hagmann, Chefin des Einzelhandelsverbands Baden-Württemberg. So viel Auswahl wie in der Stadt könne es in den Shops auf der Army-Base gar nicht geben.

Auch die Energieversorger dürften einen Verlust eines Großkunden bedauern: Die EnBW beliefert nach eigenen Angaben einzelne Standorte mit Strom, Wärme und Wasser.

Die Stadt Stuttgart will sich derzeit zu dem Thema und zu möglichen Ideen für die künftige Nutzung der Flächen nicht äußern. Orientieren könnte sie sich im Fall eines Abzugs etwa an Mannheim. Dort entsteht auf dem Areal der US-Siedlung Benjamin Franklin Village und weiterer Kasernen bis 2025 ein neuer Stadtteil.

Auf dem 2014 vollständig von den Amerikanern geräumten Gebiet Franklin - mit 144 Hektar groß wie die Mannheimer Innenstadt - sollen einmal 9000 Menschen leben.

Titelfoto: Frank May/dpa

Mehr zum Thema Stuttgart: