Krawall-Nacht: Dieser junge Grüne brachte den Stammbaum ins Spiel

Stuttgart - Die Stuttgarter Krawalle Hunderter junger Männer vornehmlich mit Migrationshintergrund (TAG24 berichtete) sind derzeit in den Hintergrund getreten, besonders auf Twitter arbeitete sich die zwitschernde Gemeinde am Wort "Stammbaumforschung" ab (TAG24 berichtete). Das brachte aber ein Grüner ein, nicht die Polizei.

Die Nacht auf den 21. Juni: Junge Menschen rund um den Schlossplatz.
Die Nacht auf den 21. Juni: Junge Menschen rund um den Schlossplatz.  © 7aktuell.de/Simon Adomat

Doch der Reihe nach. Das soziale Netzwerk Twitter fungiert gerne wie ein riesiger Ofen: Jemand wirft Holz rein, es wird warm. Immer mehr Leute geben dem Feuer Nahrung... und irgendwann wird es richtig heiß.

Der Brennstoff, das sind die Hashtag-Postings. Und wenn das Ganze richtig an Temperatur gewinnt, dann gehen die Hashtags viral und trenden.

So war es auch mit dem Wörtchen #Stammbaumforschung. Das tänzelte am Sonntag immer wieder mal auf dem Spitzenplatz der Twitter-Trends.

Grund dafür waren Recherchen der Stuttgarter Polizei. Nachdem ein gewalttätiger Mob von Hunderten jungen Männern in der Nacht auf den 21. Juni die Innenstadt verwüstete, Geschäfte plünderte und Polizisten angriff, da ging eine Schockwelle durchs Land. Selbst im Ausland wurde über die Randale in der eher spießigen Hauptstadt Baden-Württembergs berichtet.

Es dauerte auch nicht lange, bis zig Videos der Krawalle im Netz die Runde machten. Zu sehen (und zu hören) sind überwiegend Männer mit Migrationshintergrund. Mal wird "Allahu Akbar" gerufen, mal "Fuck the Police". An anderer Stelle werden die Ordnungshüter direkt als "Hurensöhne" beschimpft. Insgesamt 32 Beamte wurden verletzt, 40 Tatverdächtige ermittelt, 14 Männer sitzen in Haft.

Auf die Randalierer angesprochen, berichtete die Polizei später von einer "Event- und Partyszene", die in der Innenstadt unterwegs gewesen sei. Beide Begriffe werden mittlerweile im Netz höhnisch als Synonym für kriminelle Ausländer benutzt. Übrigens auch gerne als Hashtag auf Twitter.

Polizei recherchiert bei Standesämtern

Polizeipräsident Franz Lutz steht seit Donnerstag im Kreuzfeuer.
Polizeipräsident Franz Lutz steht seit Donnerstag im Kreuzfeuer.  © Edith Geuppert/dpa

Neues Feuer bekam die Twitter-Gemeinde nach einer Sitzung des Stuttgarter Gemeinderats. Polizeipräsident Franz Lutz (65) berichtete dort über den Stand der Dinge (den Wortlaut könnt Ihr HIER nachlesen). 

Zu dem Zeitpunkt gab es 39 Tatverdächtige. "24 der 39 Tatverdächtigen sind deutsch", so Lutz. Demnach hätten elf von diesen 24 gesichert einen Migrationshintergrund. "Davon im Übrigen vier eine doppelte Staatsangehörigkeit: Türkei, Sri Lanka, Mosambik und Griechenland."

Jedoch: "Bei weiteren elf deutschen Staatsangehörigen mit Migrationshintergrund steht dieser Migrationshintergrund noch nicht gesichert fest."

In der Vernehmung hatten die Männer Angaben zur Herkunft verweigert. "Und das bedeutet letztendlich Recherchen bundesweit bei den Standesämtern, um letztendlich diese Frage festzustellen."

Der 65-Jährige stellte klar: "Das ist nicht primär polizeiliche Aufgabe in Ermittlungsverfahren, sondern ist jetzt im Prinzip genau diesem Verfahren hier in Stuttgart geschuldet, dass diese Ermittlungen so geführt werden." Das dürfte dem Wunsch der Politik entsprechen, mehr Informationen über die Randalierer zu bekommen.

Wir erinnern uns: Ministerpräsident Winfried Kretschmann (72, Grüne) wollte genau das nach den Ausschreitungen haben. "Wenn das bestimmte Milieus sind, die jetzt aus Migranten-Communitys oder so kommen - das sind wichtige Dinge, mit denen kann man dann was anfangen", so der 72-Jährige (TAG24 berichtete).

Zudem hatte der Landesvater von der Polizei erfahren, dass nicht wenige der jungen Männer "mit riesigen Schlitten" angefahren gekommen sind. Das weise auf bestimmte Strukturen und Milieus hin.

Um künftig gezielter agieren zu können, brauche es also gutes Faktenwissen. Und das wollte die Polizei offenbar durch Recherchen bei den Standesämtern liefern. Nicht durch Stammbaumforschung.

Grünen-Stadrat bringt Stammbaum ins Spiel

Der Begriff "Stammbaumrecherche" ist in den Augen von Marcel Roth "etwas zugespitzt".
Der Begriff "Stammbaumrecherche" ist in den Augen von Marcel Roth "etwas zugespitzt".  © Bernd Weissbrod/dpa

Den Stammbaum brachte der junge Grünen-Stadtrat Marcel Roth ins Spiel. 

In einem Facebook-Beitrag vom vergangenen Freitag schrieb er: "Gehorsam hat Polizeipräsident Lutz detailliert jeden Migrationshintergrund der Tatverdächtigen referiert mit der Ankündigung, man werde noch deutschlandweit mithilfe der Landratsämter Stammbaumrecherche betreiben für die Deutschen mit Pass, deren Migrationshintergrund man nicht genau kenne."

So kam der Stammbaum in die Debatte. Und in die sozialen Netze. Darauf angesprochen, sagte Marcel Roth der Stuttgarter Zeitung: "Ich habe mir erlaubt, den Ausführungen von Lutz einen Namen zu geben und das zugegebenermaßen etwas zugespitzt. Aber es geht um die Sache und nicht um den Begriff."

Derweil wies der Polizeipräsident das Wort im Gespräch mit den Stuttgarter Nachrichten deutlich zurück: "Ich habe diesen Begriff definitiv nicht verwendet, weder wörtlich, wie es behauptet wird, noch indirekt. So ein Wort widerspricht meiner Einstellung und gehört auch nicht zu meinem Vokabular."

Auf Twitter scherte es aber viele User nicht, was wirklich gesagt worden war und was nicht. Da wurde schnell von der Standesamt-Recherche der Salto zum Dritten Reich und gar zum Ariernachweis geschlagen. Alles irgendwie Nazi, bei der Polizei in Stuttgart. Da war man sich einig. Auch verlangten viele den Rauswurf des Polizeipräsidenten.

Derweil stellten sich Innenminister Thomas Strobl (60, CDU) und Landesvater Kretschmann hinter die Ordnungshüter. "Die Feststellung der Lebens- und Familienverhältnisse ist ein Teil der polizeilichen Ermittlungen, das ist eine Selbstverständlichkeit in einem Strafverfahren", sagte Strobl am Montag (TAG24 berichtete).

Grünen-Fraktion entschuldigt sich bei Polizei

Laut dem 60-Jährigen lassen die "Ausschreitungen in Stuttgart (...) ein bislang unbekanntes Gewalt- und Eskalationspotential der Beteiligten erkennen." 

Daran richteten sich auch die Maßnahmen zur justiziellen und polizeilichen Aufarbeitung aus und deswegen würden alle Umstände in die Bewertung einbezogen, "die für die Sanktionierung, aber auch die Prävention von Bedeutung sind".

Kretschmann sagte am Dienstag: "Ich kann kein Fehlverhalten der Polizei erkennen." Durch den falsch transportierten Stammbaum-Begriff sei eine "völlig vergiftete Debatte" aufgekommen.

Es sei demnach wichtig, mehr über die mutmaßlichen Täter der Stuttgarter Krawallnacht und auch über ihre Lebensumstände zu erfahren - "und das ohne Ansehen der Person." Das sei auch nicht problematisch, solange man sich an das Gesetz halte.

Übrigens: Die Grünen-Fraktion im Stuttgarter Stadtparlament hat sich mittlerweile für die Wortwahl von Marcel Roth entschuldigt: "Wir bedauern, dass ausgehend von einem Mitglied unserer Fraktion die Arbeit der Polizei in Stuttgart in ein schlechtes Licht gerückt wurde."

Titelfoto: Bernd Weissbrod/dpa

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