Zehntausende gehen gegen Rassismus auf die Straße: Aus Idee wurde eine Bewegung

Stuttgart - Es fing mit dem Plan einer jungen Stuttgarterin an, schließlich gingen in Deutschland Zehntausende gegen Rassismus auf die Straße. Die 22-jährige Nadia Asiamah hatte die Idee zu den "Silent Demos". Sie will so lange weitermachen, bis es Veränderungen gibt.

Ein Demozug ging im Anschluss durch Stuttgart.
Ein Demozug ging im Anschluss durch Stuttgart.  © Christoph Schmidt/dpa

Als Nadia Asiamah am Samstag um kurz vor 14 Uhr in Stuttgart auf die Bühne der "Silent Demo" gegen Rassismus steigt, blicken ihr Tausende erwartungsvolle Gesichter entgegen. 

"In dem Moment war ich sehr stolz und sehr froh, dass Stuttgart so zusammenhält", erzählt die Organisatorin der Kundgebung danach. 

Eine Demo hatte die 22-Jährige noch nie veranstaltet - anfangs hatte sie nur 20 Mitstreiter für den Protest gegen Rassismus gesucht. Richtig emotional sei sie aber erst abends geworden, als sie in den Nachrichten sah, welche Wellen ihr Engagement geschlagen hatte: In mehr als 20 Städten in Deutschland folgten Zehntausende ihrem Vorbild und gingen bei "Silent Demos" auf die Straße. Aus ihrer Idee war eine bundesweite Bewegung geworden.

Anlass der Demonstrationen war der Tod des Afroamerikaners George Floyd, der am 25. Mai in den USA starb, nachdem ihm ein Polizist minutenlang ein Knie auf den Hals gedrückt hatte. 

Das Video seines Todeskampfs habe sie sehr mitgenommen, erzählt Asiamah. "Ich habe mir vorgestellt: Das könnte mein Vater, das könnte mein Bruder sein. Für mich war es nicht genug, wenn man auf Social Media postet. Man muss mehr dafür tun", sagt Asiamah. Denn "Rassismus ist auch in Deutschland aktiv". Ihre Idee: eine "Silent Demo" gegen Rassismus mit schweigendem Gedenken an Floyd.

Eine Mitstreiterin fand sie in ihrer Bekannten Perla Londole, auch 22, auch ohne Demo-Erfahrung. "Ich habe gesagt, dass ich auf jeden Fall was verändern will", erzählt die Mainzerin Londole. "Dann haben wir ein Team gegründet." Über soziale Medien fanden sie Gleichgesinnte in ganz Deutschland. Die Demos in München, Berlin, Hamburg und rund 20 anderen Städten wurden jeweils von Aktivisten dort angemeldet. Die zentrale Koordination übernahm ein Kernteam um Londole und Asiamah.

Die Organisatorin der Düsseldorfer Demo, die 23-jährige Sephora Bidiamba, sagt: "Ich finde es echt toll, dass Nadia und Perla die Initiative ergriffen haben, um uns eine Stimme zu geben." Sie sei sehr stolz auf die beiden. "Ich denke, dass wir in unserer Schwarzen Community zu lange still gewesen sind." Viele aus den Organisations-Teams sind Afrodeutsche, die meisten sind junge Erwachsene, unter ihnen viele Frauen.

Anstatt der angemeldeten 700 Teilnehmer kamen 10.000 Leute

Nadia Asiamah, Initiatorin der Stuttgarter "Silent Demo", einer Demonstration gegen Rassismus und Polizeigewalt, hebt im Oberen Schlossgarten die Faust in die Höhe.
Nadia Asiamah, Initiatorin der Stuttgarter "Silent Demo", einer Demonstration gegen Rassismus und Polizeigewalt, hebt im Oberen Schlossgarten die Faust in die Höhe.  © Christoph Schmidt/dpa

In Stuttgart meldete Asiamah 700 Teilnehmer an. Doch es strömten laut baden-württembergischen Innenministerium um die 10.000 in den Oberen Schlossgarten vor der Oper. 

"Ich war sehr, sehr nervös", berichtet Asiamah von ihren ersten Momenten auf der Bühne. Ihre Nervosität sei aber verflogen, als sie zum ersten Mal zur Menge gesprochen habe und die Leute auf sie gehört hätten. Die Teilnehmer der Demo schwiegen für acht Minuten und 46 Sekunden - so lang dauerte der Todeskampf Floyds.

Der große Zuspruch stellte die Organisatoren auch vor Probleme. 

Gerade vor der Bühne standen viele Teilnehmer eng an eng - trotz der Aufforderung Asiamahs, weiter auseinanderzugehen. Das sei schade gewesen, sagt die 22-Jährige. "Natürlich ist Corona immer noch da." 

Ein Problem sei gewesen, erzählt sie, dass die Veranstalter die Bühne kurzfristig um einige Meter verlegen und ihren eigentlichen Platz mit Markierungen für den richtigen Abstand aufgeben mussten. Die Verstöße gegen die Abstandsregeln brachte den Organisatoren Kritik ein.

Nach der Demo warfen Teilnehmer Steine auf ein besetztes Polizeifahrzeug. Außerdem bildeten sich spontan Protestzüge durch die Stadt. 

Die eigentliche Demo verlief aber ruhig. Die Polizei meldete lediglich einen Teilnehmer, der sich aggressiv gegenüber anderen Besucher verhielt. Nadia Asiamah sagt: "Die Mehrheit war artig und friedlich." Das Organisations-Team habe die Protestzüge durch die Stadt zwar mitbekommen, sich daran aber nicht beteiligt. "Die Polizei war auch sehr lieb, wir haben sehr gut kooperieren können", sagt Asiamah. Die Veranstalter seien von der Polizei gelobt worden, berichtet sie. Es sei ihnen gesagt worden, sie hätten das Beste versucht, was die Abstandsregeln angeht, und seien nicht schuld an den Vorfällen nach der Demo.

Für die nächsten Male habe man aber dazugelernt, erzählt Asiamah. Denn es soll weitere Demos geben - wenn auch nicht schon am nächsten Wochenende. "Wir haben uns jetzt überlegt, einen Verein oder eine Organisation zu gründen", sagt die junge Aktivistin. "Denn mit einem Mal ist es natürlich noch nicht getan. Bis es noch keine Veränderungen gibt, müssen wir weitermachen."

Titelfoto: Christoph Schmidt/dpa

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