Achterbahn als Einzelerlebnis: Hier können Adrenalin-Fans die Fahrt beeinflussen

Kirchheim bei München - Wer in der Achterbahn der Schnellste ist? Über Jahrzehnte spielte diese Frage keine Rolle. Je nach Gestaltung saßen die Fahrgäste im gleichen Zug, Boot oder Auto. Für Marco Hartwig ist diese Frage inzwischen aber immer öfter entscheidend.

Die interaktive Achterbahn "Sky Dragster" im Allgäu Skyline Park.
Die interaktive Achterbahn "Sky Dragster" im Allgäu Skyline Park.  © Karl-Josef Hildenbrand/dpa

"Höher, schneller, weiter ist gar nicht mehr der interessanteste Punkt", sagt der Achterbahn-Projektleiter der Firma Maurer Rides in Kirchheim bei München. "Es geht um den individuellen Charakter der Fahrt."

Statt miteinander rasen Achterbahn-Fans deshalb immer öfter gegeneinander. Sogenannte Spike Coaster können die Adrenalin-Fans innerhalb eines gewissen Rahmens selbst beschleunigen und abbremsen - und so um die Bestzeit auf der Strecke kämpfen.

Im Allgäu Skyline Park in Bad Wörishofen wurde im Jahr 2017 mit dem "Sky Dragster" die erste Achterbahn dieser Art eröffnet, inzwischen gibt es sie auch in Italien und auf einem Kreuzfahrtschiff in der Karibik. Das nächste Schiff mit Spike Coaster an Bord soll laut Hartwig am 6. November ablegen.

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Individualisierung habe "als gesellschaftlicher Megatrend" längst auch in der Freizeitwirtschaft Einzug gehalten, sagt Janek Schwedek, Sprecher des Verbands Deutscher Freizeitparks und Freizeitunternehmen (VDFU). Fahrgeschäfte würden künftig "durch Einstellungsmöglichkeiten immer breiteren Zielgruppen zugänglich gemacht".

Das gelte auch für Achterbahnen. "Je mehr Leute sich ein Fahrerlebnis durch verbundene Waggons teilen, desto schwieriger ist das natürlich zu realisieren."

Interaktive Achterbahn: Im Europa-Park läuft das Konzept bereits seit 2014

Die Achterbahn "Arthur" im Europa-Park in Rust.
Die Achterbahn "Arthur" im Europa-Park in Rust.  © Philipp von Ditfurth/dpa

In Deutschlands größtem Freizeitpark, dem Europa-Park in Rust bei Freiburg, setzt man auf einen Mittelweg: Abstimmung statt Wettrennen. Bei der Achterbahn "Arthur" können die zwölf Fahrgäste pro Zug seit 2014 über einen Knopf im Sicherheitsbügel entscheiden, in welche Richtung die Achterbahn fahren und wohin sie sich drehen soll.

"Je nach Ergebnis dreht sich der Wagen dann dementsprechend und eines von mehreren Fahrprofilen wird ausgewählt", sagt Maximilian Roeser, Sprecher des Herstellers Mack-Rides in Waldkirch im Breisgau.

Solche interaktiven Fahrgeschäfte würden "in der Tat immer häufiger nachgefragt", sagt Petra Probst, Sprecherin des Verbands der Freizeit- und Vergnügungsanlagenhersteller (VDV). "Höher, schneller, weiter ist keinesfalls aus der Mode gekommen, aber längst nicht mehr das allein Nachgefragte."

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Neben interaktiven Angeboten spielten auch Fahrgeschäfte mit virtuellen Elementen eine immer größere Rolle.

Wer allein oder zu zweit in einer interaktiven Achterbahn unterwegs sein will, muss aber meist zwangsläufig einen Nachteil in Kauf nehmen: Man muss mitunter lange auf den Start warten - auch beim "Sky Dragster" im Allgäu Skyline Park.

"Natürlich ist die Kapazität bei aktuell zwei Motorrädern nicht so hoch", sagt Sprecherin Diana Edmaier. "Auf einem Motorrad können zwei Gäste Platz nehmen. Hier kann es auch an gut besuchten Tagen zu längeren Wartezeiten kommen."

Energie-Krise und Inflation setzten Freizeitpark zu: "Die Situation ist dramatisch"

Per Knopfdruck können Fahrgäste in der Achterbahn "Arthur" entscheiden, wo es langgehen soll.
Per Knopfdruck können Fahrgäste in der Achterbahn "Arthur" entscheiden, wo es langgehen soll.  © Philipp von Ditfurth/dpa

Dafür könne man aber jede Fahrt anders gestalten, betont Achterbahn-Projektleiter Hartwig. Dadurch seien diese Fahrgeschäfte auch für Geschäftsmodelle außerhalb von Freizeitparks interessant. "Weil man das mehrfach fahren will, bindet das die Besucher mehr."

Wer pro Fahrt Geld verlangt, kann damit also mehr verdienen. Deshalb hätten sich neben Kreuzfahrt-Reedereien auch schon Hotelparks nach dieser Art Achterbahn erkundigt.

Ob aus solchem Interesse aber auch konkrete Aufträge für die deutschen Hersteller werden, ist unklar. Nach Schließungen während der Corona-Pandemie machen Freizeitparks und Schaustellern nun die steigenden Energiepreise und die Inflation zu schaffen.

"Die Situation ist dramatisch", sagt VDFU-Sprecher Schwedek. "Es fehlt nicht die Bereitschaft, aber durch die explodierenden Kosten trotz seriösen und erfolgreichen Wirtschaftens schlichtweg die Möglichkeit zur Investition." Wegen steigender Energiekosten gehe es mitunter um zusätzliche Kosten "im Millionenbereich".

Diese Situation sei "existenzgefährdend" und bedrohe "gerade im ländlichen Raum ganze touristisch geprägte Regionen im Einzugsgebiet der Freizeiteinrichtungen", betont Schwedek. Die Politik müsse die Betriebe deshalb entlasten.

Bei den deutschen Herstellern von Achterbahnen und Fahrgeschäften ist diese Unsicherheit bisher nicht angekommen. "Zum Glück haben sich die Freizeitparks durch die Pandemie-Auswirkungen nicht entmutigen lassen und haben weiter investiert", sagt VDV-Sprecherin Probst.

"Was allerdings durch die Auswirkungen einer sich aktuell abzeichnenden Energie- und Weltwirtschaftskrise noch auf uns zurollen könnte, vermag ich momentan noch nicht einzuschätzen."

Titelfoto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

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