Ein Tag hinter den Kulissen eines FIFA-eSportlers: Der Kampf gegen den eigenen Kopf

Altensteig - Ein wunderschöner Nachmittag im Kreis Calw: Der wolkenfreie Himmel gepaart mit Sonnenschein präsentieren den herbstlichen Nordschwarzwald von seiner schönsten Seite. In Altensteig spielt eSportler Niklas Luginsland (25) im Garten noch mit Hund Pelle, bevor er seinen Livestream startet und sich im Fußballspiel "FIFA 22" in den virtuellen Wettkampf begibt. TAG24-Redakteur David Frey hat ihn besucht und Mäuschen gespielt.

Voll fokussiert bestreitet Niklas Luginsland (25) die Weekend League in FIFA 22. An jedem Wochenende messen sich zahlreiche Spieler, darunter die besten der Welt, in dem Wettkampf, bei dem man starke Belohnungen erspielen kann.
Voll fokussiert bestreitet Niklas Luginsland (25) die Weekend League in FIFA 22. An jedem Wochenende messen sich zahlreiche Spieler, darunter die besten der Welt, in dem Wettkampf, bei dem man starke Belohnungen erspielen kann.  © TAG24

Die Handgriffe bei dem als "niklugi" bekannten Profi von Leno eSports - dem Team von Nationalkeeper Bernd Leno (29) - sitzen und gleichen einem Ritual: Ohne einen guten Espresso vor dem Stream auf der Plattform Twitch geht erstmal gar nichts.

Danach werden im Zimmer die Lichtverhältnisse angepasst, die PlayStation 5 sowie der PC hochgefahren und die Kamera ausgerichtet. Schnell noch eine Instagram-Story drehen, damit die Community auch weiß, dass die Show gleich beginnt.

Luginsland, der seit seiner Geburt die Glasknochenkrankheit hat und im Rollstuhl sitzt, bringt sich vor seinem optimal eingestellten Schreibtisch in Position. Er blickt auf drei Monitore: Rechts kann er den Livechat während des Streams lesen, links die Übertragung kontrollieren und auf dem mittleren geht letztlich dann die Post ab.

Immer mehr Zuschauer versammeln sich im Warteraum, Niklas atmet noch einmal tief durch und startet dann die Kamera. "Hallo Freunde, was geht ab?", fragt er mit einem Lächeln im Gesicht einen Bruchteil seiner inzwischen mehr als 54.000 Follower.

"niklugi" ist trotz seines Handicaps ein Meister am Controller

Niklas' Hände sind aufgrund seiner Glasknochenkrankheit kleiner, weshalb er mit einer speziellen Technik den Playstation-Controller bedienen muss. Außerdem liegen immer Wärmepads für die Finger sowie Traubenzucker parat.
Niklas' Hände sind aufgrund seiner Glasknochenkrankheit kleiner, weshalb er mit einer speziellen Technik den Playstation-Controller bedienen muss. Außerdem liegen immer Wärmepads für die Finger sowie Traubenzucker parat.  © TAG24

Nach einem kurzen Smalltalk wird das Programm des Tages erklärt. Es geht ins Finale der "Weekend League" (dt. Wochenendliga), die an jedem Wochenende stattfindet und für die man sich unter der Woche qualifizieren muss. 20 Spiele werden absolviert; gewinnt man 16 von ihnen gehört man zu den wirklich starken Spielern und bekommt die besten Belohnungen.

Die Ausgangslage ist nahezu perfekt: Nach den ersten neun Games steht Luginsland bei acht Siegen und nur einer Niederlage. Dementsprechend motiviert und fokussiert geht er ans Werk und kann das erste Spiel trotz nicht optimaler Leistung für sich entscheiden.

Interessant ist dabei sein Verhalten zu beobachten: Teilweise geht dem geübten Spieler die "Arbeit" so leicht von der Hand, dass er währenddessen die Chatnachrichten lesen kann. Dabei ist der FIFA-Profi stets bemüht, so viele Fragen wie möglich von seinen treuen Fans zu beantworten.

Apropos Hand: Aufgrund seines Handicaps sind Niklas' Hände deutlich kleiner, was bei dem großen Playstation-Controller unvorteilhaft ist. Umso faszinierender ist es, wie der 25-Jährige damit umgeht: Er legt das Spielgerät auf dem Tisch ab und lässt seine Finger mit großer Präzision über die Tasten fliegen, wobei er selbst komplexe Kombinationen abrufen kann.

Niklas Luginsland will nach sechs verlorenen Entscheidungsspielen härter trainieren als je zuvor

Das Setup von "niklugi": Großes Frontlicht, Kamera, Mikrofon und drei Monitore (links Stream-Kontrolle, Mitte Spielbildschirm und rechts Livechat).
Das Setup von "niklugi": Großes Frontlicht, Kamera, Mikrofon und drei Monitore (links Stream-Kontrolle, Mitte Spielbildschirm und rechts Livechat).  © TAG24

FIFA über einen längeren Zeitraum auf hohem Niveau zu spielen ist anstrengend - für Geist und Körper. Der eSportler beugt einem Verschleiß vor, indem er zwischen den Games mit Wärmepads seinen Fingern etwas Gutes tut und Traubenzucker zu sich nimmt.

Nach einem teilweise turbulenten Verlauf der nächsten Partien steht der VfB-Fan bei einer Bilanz von 15:2. Er braucht aus den letzten drei Partien also noch einen Sieg, um das bestmögliche Ergebnis in der Weekend League zu erzielen. Ein Erfolg, der ihm bislang noch nie gelang.

Doch plötzlich scheint alles gegen ihn zu laufen! Kurios spielende Gegner, scheinbar sichere Tore, die doch nicht fallen sowie viel Pech in entscheidenden Spielsituationen - es entsteht das Gefühl, Luginsland kämpfe gegen Windmühlen.

Nach einem unverdienten 0:1 gegen eSportler "artyis" und zwei bitteren Niederlagen im Elfmeterschießen nach Verlängerung blickt Niklas wie versteinert auf das Ergebnis: 15:5, drei Matchbälle vergeben. Das Tragische: Die Grauen der Vorwoche holten ihn ein, denn da passierte ihm bei der Weekend League genau dasselbe.

"Wenn man sechs Entscheidungsspiele hat und alle verliert, dann fehlen einem die Worte. Ich bin wieder an meinem eigenen Kopf gescheitert. Ich schaffe es einfach nicht, meine starke Leistung am Ende eiskalt über die Ziellinie zu bringen", so der bitter enttäuschte 25-Jährige.

In FIFA-Kreisen gibt es nach solchen bitteren Niederlagen die Phrase "ins Loch fallen". Doch Luginsland, dessen Lebensmotto "Never give up" (dt. Gib niemals auf) lautet, glaubt weiter fest daran, dass es eines Tages mit dem 16. Sieg klappen wird. Er kündigte an, noch härter als jemals zuvor trainieren zu wollen und startete bereits am Tag darauf wieder mit dem nächsten Livestream - denn das Wort "aufgeben" kommt in seinem Wortschatz nicht vor.

Titelfoto: TAG24

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