"Marvel's Avengers" im Test: Auf große Macht folgt Mittelmaß

Leipzig - Mit "Marvel's Avengers" bringen Publisher Square Enix und Entwickler Crystal Dynamics das aktuell wohl erfolgreichste Superhelden-Franchise nun auch auf die heimische Konsole sowie den PC (und ja, diesmal nicht in Legostein-Form). Dicker Story-Modus, Multiplayer und obendrein soll noch mit Loot-Spirale und regelmäßigen Updates der Games-As-A-Service-Markt erobert werden. Klingt fast zu ambitioniert? Ist es leider auch.

In "Marvel's Avengers" schlüpft Ihr in die Rollen von Iron Man und anderen Figuren des Superhelden-Franchises. Die Vorfreude war zunächst auch bei uns groß, wich jedoch schnell der Ernüchterung.
In "Marvel's Avengers" schlüpft Ihr in die Rollen von Iron Man und anderen Figuren des Superhelden-Franchises. Die Vorfreude war zunächst auch bei uns groß, wich jedoch schnell der Ernüchterung.  © Square Enix

Dabei wollen wir von vornherein klarstellen, dass "Marvel's Avengers" nicht gleich ein schlechtes Spiel ist. Im Gegenteil. 

Gerade die Story rund um Marvel's bekanntestes Helden-Gespann ist - besonders in den Videosequenzen - wahnsinnig gut in Szene gesetzt, die einzelnen Figuren unglaublich gut geschrieben.

In der Rolle der jugendlichen Ms. Marvel alias Kamala Khan, die Avengers wieder zusammenzubringen und ihr dabei zuzuschauen, wie sie schwierige Persönlichkeiten wie Bruce Banner immer wieder aus ihrer Komfortzone bringt, war für uns mitunter die reine Freude. Klar ist die Geschichte à la "Heldenteam bricht nach Tragödie auseinander und junges Mädchen bringt sie wieder zusammen, um endlich die Bösewichte umzuhauen" kein Kandidat für die Oscars, die Charakterzeichnung und -Entwicklungen haben uns dennoch überrascht. 

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Man hat mitunter das Gefühl, dass die Entwickler bei Crystal Dynamics an dieser Stelle ihre Stärken ausspielen konnten, die sie sich zuvor mit den letzten drei "Tomb Raider"-Teilen angeeignet haben - und wünscht sich sogleich im selben Moment, dass sie sich ausschließlich darauf konzentriert hätten.

Denn so gut die Videosequenzen und Figuren sind, offenbart die Kampagne bereits die ersten Schwächen von "Marvel's Avengers". Die Level sind schlauchförmige Set-Pieces, die Euch von Video zu Video und von Arena zu Arena führen. Die Steuerung wirkt schwammig, und die Kämpfe sind so vollgepackt mit Explosionen und Gegnerhorden, dass wir immer wieder die Übersicht verloren haben und einfach nur Buttons gesmasht (hehe, "Hulk Smash!") haben.

Das alles war für uns jedoch noch lange nicht so enttäuschend wie die Helden selbst.

Review zu "Marvel's Avengers": Hulk smasht nicht!

Einer der größten Kritikpunkte ist dabei leider das Kampfsystem: Die Steuerung fühlt sich ungenau an und gerade Helden wie Hulk und Thor wirken aufgrund des Service-Game-Charakters und "Bullet Sponges", als würden sie nur mit halber Kraft zuhauen. Wirkliches Helden-Gefühl kommt da nur selten auf.
Einer der größten Kritikpunkte ist dabei leider das Kampfsystem: Die Steuerung fühlt sich ungenau an und gerade Helden wie Hulk und Thor wirken aufgrund des Service-Game-Charakters und "Bullet Sponges", als würden sie nur mit halber Kraft zuhauen. Wirkliches Helden-Gefühl kommt da nur selten auf.  © Square Enix

Natürlich waren auch wir erst einmal begeistert, in die Haut von Thor, Captain America und Co. schlüpfen zu können. Bereits die Intro-Sequenz hinterließ bei uns jedoch einen bitteren Beigeschmack: Wir fliegen als Iron Man auf der Golden Gate Bridge herum und können nicht mal ausbrechen, um den Blick über die Stadt zu genießen? Wir sind der stärkste grüne Riese des Universums, brauchen aber plötzlich zwei bis drei Schläge, um auch den kleinsten Gegner wegzuboxen? Hat Hulk etwa sein Workout vergessen!?

Letztendlich hat es sich für uns immer wieder wie folgt dargestellt: Wir wollten uns endlich wie die mächtigsten Wesen des Universums fühlen, aber so richtig schien keiner unserer Helden mitspielen zu wollen.

Den Grund dafür hat die "Gamestar" interessant in ihrem Beitrag zusammengefasst: Square Enix wollte aus "Avengers" eben ein Games-as-a-Service-Spiel machen, samt Loot, Level-System und verbesserbarem Equipment. Wer schon mal "Destiny", "The Division" oder auch "Monster Hunter" gezockt hat, weiß, dass das auch stets sogenannte "Bullet Sponges" beinhaltet. Also Gegner, die besonders viel Schaden Eurerseits einstecken können. Ihr erhöht letztendlich Euer Level und verbessert Eure Ausrüstung, um diesen Übeltätern beim nächsten Mal schnell den Garaus zu machen. 

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Im Falle der genannten Titel mag das durchaus Sinn machen. Bei den Avengers führt es jedoch dazu, dass sich im Grunde alle Helden gleich anfühlen, was am Ende noch durch die unübersichtlichen Kämpfe verstärkt wird. Denn auf besondere Kombos haben wir uns da nie angewiesen gefühlt. Stattdessen prügeln wir uns, wie bereits erwähnt, immer mit den selben Attacken durch, ohne groß nachzudenken.

Wenn Agentin Black Widow einen Riesen-Roboter dann genau so schnell zerlegt, wie die Oberklopper Hulk und Thor, ist das schon ziemlich ernüchternd.

(Noch mehr) Kritik an "Marvel's Avengers": Loot-Spirale aus der Hölle

Im Multiplayer dürft Ihr Euch dann noch neben unübersichtlichen Kämpfen auch mit Performance-Problemen rumschlagen. So haben wir uns die Ankunft der Avengers leider nicht vorgestellt.
Im Multiplayer dürft Ihr Euch dann noch neben unübersichtlichen Kämpfen auch mit Performance-Problemen rumschlagen. So haben wir uns die Ankunft der Avengers leider nicht vorgestellt.  © Square Enix

Der aktuell größte Schwachpunkt von "Marvel's Avengers" ist jedoch der Multiplayer, bei dem sich zu den bereits genannten Problemen auch nur Performance-Einbrüche und repetitives Gameplay hinzugesellen. 

Im Grunde macht Ihr hier nichts anderes, als zusammen mit Euren Freunden in den immer gleichen Levels Gegnerhorden abzuwehren. Dass bei bis zu vier Helden samt Spezialfähigkeiten und jeder Menge Explosionen irgendwann die Bildrate schlapp macht, sollte wohl kaum jemanden überraschen.

Und falls Ihr Euch jetzt fragt: Nein, das Loot-System bietet an dieser Stelle auch keine Langzeit-Motivation. Die Items, die Ihr findet, machen Eure Figur zwar stärker, letztendlich ändert sich jedoch nur eine Zahl. 

Oder sie verändern Euer Aussehen, haben dann aber keine Wirkung auf die Stats. Warum sich die Entwickler für dieses System entschieden haben, ist uns tatsächlich ein Rätsel. Denn zum einen mussten wir am Anfang immer zweimal hinschauen, ob sich an unserem Helden etwas geändert hat. Gleichzeitig wird der aus Service-Games bekannte Grind damit nur noch anstrengender. Die unübersichtlichen Level-Menüs erwähnen wir mal nur am Rande.

An dieser Stelle wollen wir jedoch darauf hinweisen, dass wir vom "aktuell" schwächsten Part des Spiels sprachen. Denn immerhin ist "Marvel's Avengers" ein Service-Game, das natürlich noch immer verändert und somit auch verbessert werden kann. Das ist immerhin auch schon anderen Titeln, wie "The Division" oder "Star Wars: Battlefront II" gelungen.

Fazit:

Nein, "Marvel's Avengers" hat es zum Start wirklich nicht leicht. Das Potenzial ist durchaus da, was vor allem in der Story mit seinen großartigen Figuren deutlich wird. Gerade in den Kämpfen und im Multiplayer scheinen die einzelnen Teile - Service-Game, Superhelden-Fantasie und PvE-Brawler - nie ganz zusammenpassen zu wollen. So ganz wollen wir "Marvel's Avengers" dann aber doch nicht abschreiben. Immerhin ist es noch ein Service-Game und da wurden nach einem Fehlstart schon ganz andere Karren aus dem Dreck gezogen. Die Hoffnung ist also noch vorhanden, auch wenn da einiges an Arbeit auf Crystal Dynamics zukommt.

Titelfoto: Square Enix

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