Todesfalle Kabul: IS-Anschlag fordert etliche Opfer, darunter auch Soldaten - weitere Evakuierungen

Kabul/Washington - Die schlimmsten Befürchtungen haben sich bestätigt: Vor dem Flughafen Kabul überschattet ein verheerender Terroranschlag mit mehreren Explosionen das Ende der Rettungsflüge nach Deutschland und in viele andere Nato-Staaten. Während die letzten Evakuierungsmaschinen der Bundeswehr am Donnerstag die Gefahr hinter sich lassen und auch die Fallschirmjäger, Sanitäter und Militärpolizisten an Bord haben, bleiben am Boden Verzweifelte zurück.

Die Explosion ereignete sich außerhalb des Flughafens Kabul, wo Tausende Menschen auf ihre mögliche Evakuierung aus Afghanistan warten.
Die Explosion ereignete sich außerhalb des Flughafens Kabul, wo Tausende Menschen auf ihre mögliche Evakuierung aus Afghanistan warten.  © Wali Sabawoon/AP/dpa

Bei einer Explosion außerhalb des Flughafens der afghanischen Hauptstadt Kabul hat es nach Angaben der USA etliche Tote und Verletzte gegeben.

Der Sprecher des US-Verteidigungsministeriums, John Kirby, schrieb am Donnerstag auf Twitter, das Pentagon könne bestätigen, dass die erste Explosion an einem der Flughafen-Tore "eine unbekannte Zahl von Opfern" verursacht habe.

CNN berichtete unter Berufung auf mehrere Beamte, dass auch US-Personal verletzt worden sei. Dies wurde inzwischen bestätigt.

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Das türkische Verteidigungsministerium berichtete außerdem von einer zweiten Explosion außerhalb des Flughafens.

Deutsche Soldaten waren von der Explosion einem Tweet des Einsatzführungskommandos zufolge nicht betroffen. "Nach bisherigen Erkenntnissen kam es heute Nachmittag gegen 15.20 Uhr MESZ zu einer Explosion im Außenbereich des Flughafens Kabul", teilte das Einsatzführungskommando am Donnerstag mit.

Zahlreiche potenzielle IS-Selbstmordattentäter in Kabul

Deutsche Soldaten und Helfer waren tagelang am Flughafen Kabul im Einsatz. Rund um den Flughafen Kabul harren weiter Tausende Menschen aus, in der Hoffnung auf einen Evakuierungsflug ins Ausland.
Deutsche Soldaten und Helfer waren tagelang am Flughafen Kabul im Einsatz. Rund um den Flughafen Kabul harren weiter Tausende Menschen aus, in der Hoffnung auf einen Evakuierungsflug ins Ausland.  © Stfw Schueller/Bundeswehr/dpa

Die Sicherheitslage rund um den Flughafen hatte sich in den vergangenen Stunden noch einmal deutlich zugespitzt. Die deutsche Botschaft in Afghanistan und andere Stellen hatten vor einer Terrorgefahr gewarnt.

Die US-Botschaft hatte US-Bürger, die sich am Abbey Gate, East Gate oder North Gate aufhielten, in der Nacht zu Donnerstag dazu aufgerufen, das Gebiet "sofort" zu verlassen.

Großbritanniens Staatssekretär im Verteidigungsministerium, James Heappey, sprach noch am Donnerstagmorgen von der Drohung eines "ernsthaften, unmittelbaren, tödlichen Angriffs" binnen Stunden auf den Flughafen oder die von westlichen Truppen genutzten Zentren.

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Am Donnerstagabend (Ortszeit) hoben die letzten Bundeswehr-Maschinen mit schutzbedürftigen Personen und Soldaten an Bord in Kabul ab.

Die Bundeswehr hatte bereits am Dienstag berichtet, das zunehmend potenzielle Selbstmordattentäter der Terrororganisation Islamischer Staat in Kabul unterwegs seien.

Ähnlich hatte sich US-Präsident Joe Biden (78) geäußert. Praktisch täglich versuche ein örtlicher Ableger des IS, den Flughafen anzugreifen, hatte er erklärt. Die Terrormiliz sei ein "erklärter Feind" der Taliban. Biden begründete unter anderem mit dieser Terrorgefahr auch sein Festhalten an dem Plan, die US-Truppen bis zum 31. August aus Afghanistan abzuziehen. Einige internationale Partner hatten die USA zu einer Verlängerung des Einsatzes aufgefordert. Der Militäreinsatz ist von den US-Truppen abhängig.

Taliban-Kämpfer sollen an ihren Kontrollstellen im Umfeld des Flughafens bereits mehrere Attentäter der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) abgefangen und getötet haben, heißt es aus Militärkreisen.

Update, 26. August, 22.16 Uhr: Ex-Präsident Trump: Anschlag in Kabul hätte "nie passieren dürfen"

Der Terroranschlag in Kabul hätte nach Ansicht von Ex-Präsident Donald Trump (75) "nie passieren dürfen". Er spreche den Familien der getöteten und verletzten Soldaten sowie den Angehörigen der zivilen Opfer sein Beileid aus, erklärte Trump am Donnerstag. "Diese Tragödie hätte nie passieren dürfen, was unsere Trauer noch größer und schwerer zu begreifen macht", erklärte Trump.

Seit der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan Mitte August hatte der Republikaner fast täglich Erklärungen verschickt, in dem er seinem Nachfolger, dem Demokraten Joe Biden (78), große Vorwürfe machte. In seiner jüngsten Stellungnahme zu dem Anschlag gab es aber keine offenen politischen Angriffe oder Schuldzuweisungen.

Update, 26. August, 22.14 Uhr: Noch rund 1000 Amerikaner in Afghanistan

In Afghanistan befinden sich nach Angaben des US-Außenministeriums noch rund 1000 amerikanische Staatsbürger. Die Regierung stehe mit ihnen in Kontakt, und rund zwei Drittel hätten erklärt, dass sie bereits Schritte unternähmen, um das Land zu verlassen, erklärte das Ministerium am Donnerstag.

Das Ministerium war am Mittwoch noch von bis zu 1500 US-Bürgern in Afghanistan ausgegangen. Inzwischen sei aber bestätigt, dass etwa 500 von ihnen bereits evakuiert worden seien. Insgesamt seien seit 14. August bereits 4500 Amerikaner ausgeflogen worden, hieß es weiter.

Update, 26. August, 22.12 Uhr: Bundeswehrverband-Chef kritisiert Afghanistan-Kurs der Regierung

Der Vorsitzende des Bundeswehrverbands, André Wüstner, hat mit Blick auf die Lage in Afghanistan ein besseres Zusammenspiel innerhalb der Bundesregierung angemahnt.

Er hielt der Regierung am Donnerstagabend in den ARD-"Tagesthemen" vor, "nur bedingt strategiefähig" zu sein. Der vernetzte Ansatz, das Zusammenwirken der Ressorts in der Strategiebildung und der Zieldefinition, "da muss man besser werden, das geht so nicht mehr", sagte Wüstner auch mit Blick auf das deutsche Engagement im Irak und in der Sahelzone. "Das können wir uns nicht mehr erlauben."

Zwei Selbstmordattentäter und bewaffnete Männer haben Menschenmengen in der Nähe des Flughafens von Kabul ins Visier genommen.
Zwei Selbstmordattentäter und bewaffnete Männer haben Menschenmengen in der Nähe des Flughafens von Kabul ins Visier genommen.  © Uncredited/Aśvaka News Agency/dpa

Update, 26. August, 22.05 Uhr: US-General: Riskante Körperkontrollen am Flughafen alternativlos

Das US-Militär sieht trotz des verheerenden Anschlags vor den Toren des Flughafens in Kabul keine Alternative für risikoreiche Körperkontrollen bei der Abfertigung von Passagieren für Evakuierungsflüge.

US-Kräfte müssten die Menschen durchsuchen, bevor sie auf das Flughafengelände gelassen würden, sagte General Kenneth McKenzie. Er betonte, US-Kräfte müssten sicherstellen, dass sich niemand mit einer Bombe auf das Gelände und in ein Evakuierungsflugzeug schmuggeln und mit einer Detonation dort noch weit mehr Menschen töten könne. Daher seien die intensiven Kontrollen an den Flughafentoren unerlässlich. "Es gibt wirklich keinen anderen Weg, das zu machen." US-Soldaten müssten dieses Risiko eingehen.

Update, 26. August, 21.52 Uhr: Weitere schwere Explosion

Die Nachrichtenagentur AFP meldet am späten Donnerstagabend eine weitere schwere Explosion. Weitere Informationen liegen dazu noch nicht vor.

Update, 26. August, 21.50 Uhr: Ableger der IS-Terrormiliz reklamiert Anschlag in Kabul für sich

Der in Afghanistan aktive Ableger der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hat den Anschlag am Flughafen von Kabul für sich reklamiert. Dies verlautbarte IS-Khorasan, wie der IS sich in Afghanistan und Pakistan nennt, am Donnerstagabend mit einer über das Internet verbreiteten Nachricht des IS-Sprachrohrs Amak.

Bei dem Anschlag wurden allein zwölf US-Soldaten getötet. Die BBC berichtete unter Berufung auf einen Offiziellen aus dem Gesundheitswesen von insgesamt 60 Toten.

Der IS war in Afghanistan Anfang 2015 aufgetaucht. Er will dort und auf pakistanischem Gebiet eine "Provinz" namens IS-Khorasan etablieren und hat Anschläge vor allem auf schiitische Ziele verübt. Die USA und afghanische Sicherheitskräfte griffen dessen Stellungen in vergangenen Jahren mitunter mehrmals wöchentlich an. Trotzdem verübte der IS weiter schwere Anschläge, intensivierte die Rekrutierung und versuchte, auch in Nordafghanistan Fuß zu fassen.

Mit den Taliban ist der IS trotz großer ideologischer Nähe verfeindet.

Update, 26. August, 21.38 Uhr: Norwegen sieht keine Chance für Evakuierung mehr

Nach dem Anschlag sieht die norwegische Regierung keine Möglichkeit mehr, ausreisewillige Personen aus Afghanistan zu evakuieren.

"Durch den Angriff ist wertvolle Zeit verloren gegangen", sagte Außenministerin Ine Eriksen Søreide am Donnerstagabend bei einer Pressekonferenz. "Wir haben leider nicht mehr die Möglichkeit, bei einer assistierten Ausreise zu helfen. Wir treten jetzt in eine neue Phase der Evakuierung ein."

Man wisse, dass sich immer noch Norweger in Afghanistan aufhielten, die wünschen, auszureisen, so Eriksen Søreide weiter. Nun könne aber nur noch ausgeflogen werden, wer sich bereits auf dem Flughafengelände befinde. "Wir beenden die Arbeit noch nicht, aber wir haben keinen Grund, unrealistische Erwartungen zu wecken, dass eine Evakuierung jetzt möglich sein wird", sagte die Außenministerin. Norwegen hat in den vergangenen Tagen rund 1000 Menschen aus Afghanistan evakuiert.

Update, 26. August, 21.26 Uhr: US-Militär rechnet mit weiteren Terroranschlägen in Kabul

Nach dem Anschlag außerhalb des Flughafens von Kabul rechnet das US-Militär mit weiteren Angriffen der Terroristen.

"Wir glauben, es ist ihr Wunsch, diese Angriffe fortzusetzen, und wir rechnen damit, dass sich diese Angriffe fortsetzen werden", sagte US-General Kenneth McKenzie. "Wir tun alles, was wir können, um auf diese Angriffe vorbereitet zu sein". Dazu gebe es auch Gespräche mit den Taliban, die für die Sicherheit außerhalb des Flughafens verantwortlich seien.

Es handle sich um eine "extrem aktive Bedrohungssituation" in der mit weiteren Angriffen zu rechnen sei, sagte der General weiter. Das US-Militär machte die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) für den Angriff in Kabul verantwortlich.

Update, 26. August, 21.22 Uhr: Zwei IS-Selbstmordattentäter und Schützen bei Angriff

Bei dem Terrorangriff am Flughafen in Kabul haben sich nach Angaben des US-Verteidigungsministeriums mindestens zwei Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt.

Nach den Detonationen hätten eine Reihe von Kämpfern der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) das Feuer auf Zivilisten und Soldaten eröffnet, sagte US-General Kenneth McKenzie in einer Videoschalte mit Journalisten im Pentagon.

Titelfoto: Wali Sabawoon/AP/dpa

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