"Sie schießen auf den Kopf": Proteste und Gewalt halten an in Kolumbien

Cali (Kolumbien) - Tumulte und Chaos sind momentan beinahe Alltag auf den Straßen in Kolumbien. Mehrere Menschen sind bei den Demonstrationen gestorben, viele davon durch Polizeigewalt. Der Präsident reagiert darauf anders, als viele es erwarten.

Demonstranten schützen sich vor Tränengas und Schüssen der Polizei. Die Gewalt hält an auf den Straßen Calis und in ganz Kolumbien.
Demonstranten schützen sich vor Tränengas und Schüssen der Polizei. Die Gewalt hält an auf den Straßen Calis und in ganz Kolumbien.  © Andres Gonzalez/AP/dpa

Die Bilder von entfesselter Gewalt in den Straßen kolumbianischer Großstädte halten an, und immer noch ist es die Polizei, die für viele der Verletzten mitverantwortlich ist. 800 sollen es inzwischen laut der Washington Post sein, die Schusswunden und Ähnliches davongetragen haben.

Die Menschen demonstrieren inzwischen nicht mehr nur wegen einer Steuerreform, die der Präsident Ivan Duque (44) durchsetzen wollte und die vor allem Arme und nicht die Großverdiener belasten sollte. Es geht um Polizeigewalt, Benachteiligung im Gesundheitssektor und Unterdrückung der Pressefreiheit.

Besonders intensiv sind die Proteste gerade in der sonst für den Salsa bekannten Stadt Cali. Indigene Gruppierungen wurden angegriffen, während die Polizisten die Autos von reichen Familien schützten. Acht von ihnen wurden allein am Sonntag durch Schüsse der Polizei verletzt, wie die dpa unter Berufung auf das kolumbianische RCN Radio mitteilte.

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Betroffene berichteten nun lateinamerikanischen Medien davon, dass die Polizei immer grausamer gegen die Demonstrierenden vorgehen würde: "Sie schießen auf den Kopf und das Gesicht, sie müssen verrückt sein!", klagte Andres, der am Protest teilnahm. Er hätte bereits eine Ladung Tränengas abbekommen, sei aber sonst unverletzt. Isabela, eine 20-jährige Demonstrantin, erzählte, die Polizei hätte sie "entführt", geschlagen und sexuell belästigt.

Mehr als 300 Menschen sollen laut verschiedenen Organisationen verschwunden sein.

Chaos auf den Straßen - die Polizei schützt nur die Privilegierten

Drogenkartelle sollen die unruhige Lage bestärken

Der Präsident Ivan Duque (44) verstärkt die Sicherheitskräfte auf den Straßen.
Der Präsident Ivan Duque (44) verstärkt die Sicherheitskräfte auf den Straßen.  © Externos/colprensa/dpa

Der Präsident reagiert bisher auf die Kritik mit zunehmender Härte: "Ich habe dem Verteidigungsminister, dem Innenminister und dem Regierungsteam, das in Cali ist, Anweisungen gegeben, den größtmöglichen Aufmarsch der Sicherheitskräfte zu gewährleisten und den Bürgern Sicherheit zu geben." Das schrieb er auf Twitter.

Als Duque die Metropole besuchte, traf er sich jedoch nicht mit Vertretern der Protestgruppen. Anstatt auf die Vorwürfe einzugehen, besuchte er Mitglieder der Arme und den Innenminister Palacios. Er wolle "die öffentliche Ordnung" stärken und so "im sozialen Dialog vorankommen". Er warf den Drogenkartellen vor, die Demonstranten mit Geldern zu unterstützen, um die unruhige Lage in Kolumbien zu bestärken.

Auch sein Vorgänger Uribe bekräftigte auf Twitter, dass hartes Durchgreifen der Polizei das einzige Mittel sei: "Das Recht der Kolumbianer, ohne Blockaden und ohne Gewalt zu leben, ist nicht verhandelbar, da gibt es nur ein Wort: Autorität."

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In Cali, einer Stadt mit 2,2 Millionen Einwohnern, ist die Schere zwischen Arm und Reich besonders hoch. Auch einige Drogenbosse wohnen in der Stadt, die zu den unsichersten in Kolumbien zählt. Kolumbien ist außerdem geprägt durch einen mehr als 65 Jahre andauernden Bürgerkrieg. Dieser endete erst vor fünf Jahren. Seitdem gibt es zumindest einen Friedensvertrag mit der größten Guerilla-Gruppe FARC, auch wenn die Lage in vielen Teilen des Landes noch instabil ist.

Die Ereignisse der vergangenen Tage und Wochen dürften da ein Rückschlag sein.

Titelfoto: Andres Gonzalez/AP/dpa

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