Impf-Neid: Lockerungen für Geimpfte und Genesene fair?

Deutschland - Am heutigen Sonntag treten Lockerungen für Geimpfte und Genesene in Kraft: Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen fallen weg. Bei Treffen mit anderen Personen werden sie nicht mitgezählt. Sie müssen in Läden oder beim Friseur keinen Test mehr vorlegen und nach einem Auslandsurlaub zumeist nicht mehr in Quarantäne. Und das alles, während andere noch sehnsüchtig auf einen Impftermin warten müssen. Ist das gerecht oder spaltet das die ohnehin schon aufgerührte Gesellschaft?

Nicht jeder hatte bereits die Möglichkeit, sich impfen zu lassen. Dadurch steigt auch der Neid.
Nicht jeder hatte bereits die Möglichkeit, sich impfen zu lassen. Dadurch steigt auch der Neid.  © Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa

"Aus Sicht eines Einzelnen, der aufgrund der bisherigen Priorisierungsregeln nicht geimpft wurde, ist ein gewisser Neid für mich absolut nachvollziehbar", gibt Erik Hahn (37) zu, Professor für Medizinrecht an der Hochschule Zittau/Görlitz.

"Bei Geimpften fallen jedoch eine Reihe von Gründen für Grundrechtseinschränkungen weg. Ihnen muss daher zwangsläufig wieder mehr gestattet sein. Zumindest solange die Impfung auch gegenüber Mutationen hilft, kann allein der Wunsch nach 'Solidarität' mit bisher ungeimpften Personen Quarantäne oder Testpflicht nicht rechtfertigen."

Insbesondere viele Jüngere müssen sich beim heiß ersehnten Impf-Pieks weiter gedulden. Dabei verzichten sie seit einem Jahr Pandemie solidarisch gegenüber Älteren, müssen jetzt erneut zurückstecken.

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Sie fänden es gerechter, wenn Lockerungen aufgeschoben und für alle gleichzeitig gestartet wären. Denn während sich ihre geimpften Freunde und Familienangehörige abends im Park treffen können, gelten für sie weiter Ausgangsbeschränkungen.

Doch welche Nachteile bringt es Ungeimpften eigentlich, wenn Geimpfte wieder mehr Freiheiten genießen dürfen? Sollte man sich nicht lieber mit ihnen freuen? Denn wenn dadurch Wirtschaft und (Schank-)Wirtschaften wieder schnell in Schwung kommen, profitieren alle davon.

Ist Neid vielleicht ein typisch deutsches Problem?

Bei einer Impf-Aktion in einer Kölner Ditib-Zentralmoschee wurden Leute im Akkord gespritzt.
Bei einer Impf-Aktion in einer Kölner Ditib-Zentralmoschee wurden Leute im Akkord gespritzt.  © Henning Kaiser/dpa

Die Deutschen gelten laut Studien als besonders neidische Nation. Insbesondere Ostdeutsche haben ein extrem negatives Bild von "Reichen", beschreiben sie als egoistisch, materialistisch und rücksichtslos.

Der Grund sei ein Teufelskreislauf: Kaum einer kennt wohlhabende Leute, Millionenerben oder Spitzenmanager. Diese spielen ihren Reichtum zudem in einer Atmosphäre des Neids herunter. Man bleibt lieber unter "seinesgleichen", um keine Missgunst zu provozieren. Wer dagegen selbst "Reiche" kennt, sieht eher die positiven Seiten: 71 Prozent bewerten sie als fleißig und intelligent, 58 Prozent billigen ihnen Einfallsreichtum zu.

In Frankreich ist Sozialneid gegen reiche Menschen (Definition: besitzen neben einer Immobilie noch mindestens eine Million Euro, Pfund oder Dollar Vermögen) noch stärker ausgeprägt, sogar doppelt so stark wie in Großbritannien.

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Bei Briten und Amerikanern genießen Millionäre eher hohes Ansehen (Ausnahme: junge US-Amerikaner). Das liegt auch daran, dass in diesen Ländern Reichtum eher zur Schau gestellt wird als hierzulande. In den USA bewundert man zudem die schon Geimpften, wenngleich die Impfbereitschaft vor allem unter Republikanern und Evangelikalen schrumpft.

In Israel kann niemand die deutsche Neiddebatte nachvollziehen. Zugegeben, dort gab es ausreichend Impfstoff. Über soziale Medien informierte man sich, in welchem Impfzentrum noch Vakzine vorrätig waren. Die Israelis haben verinnerlicht: Auch der Pieks der anderen dient langfristig dem eigenen Schutz.

Die Impfkultur des Landes ist legendär. Während die BRD 1961 die höchste Rate an Polioinfektionen verzeichnete, gab es in der DDR die Schluckimpfung gegen Kinderlähmung. Israel impfte bereits 1959 gegen Polio, nahm der Krankheit damit wie im gesamten Ostblock ebenso den Schrecken. Staatspräsident David Ben Gurion verlieh dem US-Vakzinerfinder und Virologen Jonas Salk sogar bei einem Staatsbesuch eine Ehrenmedaille.

Der deutsche Jude Paul Ehrlich - Namensgeber des Bundesinstituts für Impfstoffe - entwickelte ein Heilserum gegen Diphtherie.

Titelfoto: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa

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