Veranstalter bieten "Spritztouren" an: Sind Impfreisen praktisch oder dekadent?

Deutschland - Viele warten derzeit gespannt auf zwei Dinge: endlich wieder in ferne Länder in den Urlaub reisen zu können und baldmöglichst gegen Corona geimpft zu werden. Findige Reiseveranstalter verbinden jetzt das Angenehme mit dem Nützlichen und koppeln Urlaubsreisen mit einer Corona-Impfung. Zwei Sehnsüchte, ein Angebot - so nimmt der umstrittene Impftourismus langsam Fahrt auf. Der Begriff "Spritztour" bekommt dabei eine ganz neue Bedeutung.

Sputnik-Spritztour nach Moskau: Mit Aeroflot geht es ab Berlin an den Kreml.
Sputnik-Spritztour nach Moskau: Mit Aeroflot geht es ab Berlin an den Kreml.  © 123RF/sborisov

Bislang erforderten Impfreisen ein dickes Portmonee. Wohlhabende konnten sich in Golfstaaten wie zum Beispiel in Dubai für fünf- bis sechsstellige Summen eine "Spritztour" samt Injektion und Impfstoff buchen.

Für weniger gut Betuchte bietet der norwegische Veranstalter World Visitor ab 15. April Impfreisen an.

Man hat dabei die Wahl zwischen drei Möglichkeiten: Angeboten wird zum Beispiel eine 23-tägige Russland-Tour.

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Unmittelbar nach Reisebeginn wird dabei die erste Impfspritze gesetzt - in einer russischen Privatklinik. Die hat die Erlaubnis, auch Nicht-Russen impfen zu dürfen.

Zuvor gibt's das obligatorische Beratungsgespräch mit einem Impfarzt. Die Zweitdosis wird am Ende der Reise gespritzt. Zwischen beiden Pieksen liegt eine "Gesundheitsreise".

Es geht zum Beispiel an den Baikalsee, nach St. Petersburg oder Sotschi. Auch eine reguläre Stadtrundfahrt durch Moskau ist möglich, weil "Sputnik V" bereits nach der ersten Impfung zu 61 Prozent wirkt. Kostenpunkt (ohne touristische Abstecher): ab 2999 Euro.

Dazu kommt noch das Visum (65 Euro für einen einmaligen Besuch der Russischen Föderation). Bearbeitungszeit: bis zu 20 Arbeitstage.

Wer nicht mehrere Wochen bleiben will, kann zwei Kurztrips buchen

Russen können sich sogar wie im Moskauer Einkaufszentrum "Troika" impfen lassen, werden von Mitarbeiten mit Gesichtsmasken und Visieren empfangen.
Russen können sich sogar wie im Moskauer Einkaufszentrum "Troika" impfen lassen, werden von Mitarbeiten mit Gesichtsmasken und Visieren empfangen.  © imago images/ITAR-TASS

Wer nicht mehrere Wochen am Stück in Russland bleiben will, kann zwei Kurztrips hintereinander nach Moskau buchen.

Nach Ankunft am zweiten Tag finden Arzt-Gespräch und Impfung statt. Anschließend bleibt man noch einen Tag zur Beobachtung in Moskau, kann am Tag darauf wieder nach Hause fliegen.

Drei Wochen später beginnt das ganze noch einmal von vorn - für die Zweitimpfung. Gesamtpreis für den Doppeltrip: ab 1999 Euro.

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Aber Achtung, weil Russland derzeit als Corona-Risikogebiet eingestuft ist, muss man nach der Rückkehr jeweils zehn Tage in Quarantäne.

Eine dritte Option ist eine Kombi-Reise Moskau und Türkei.

Zwischen den Impfungen in Moskau fliegt man für elf Tage nach Istanbul und in ein 5-Sterne-Hotel an die Türkischen Riviera. Preis: ab 1799 Euro.

Geimpft wird jeweils mit dem russischen Impfstoff "Sputnik V", der in der EU noch nicht zugelassen ist. In Ungarn und der Slowakei wird er jedoch bereits eingesetzt. Bayern hat in dieser Woche über 2,5 Millionen Dosen dieses Impfstoffs vorbestellt.

Ebenso kann sich Gesundheitsminister Jens Spahn (40, CDU) vorstellen, "Sputnik V" für Deutschland zu bestellen.

Auch Fit Reisen, Europas führender Anbieter von Gesundheits- und Wellnessreisen, wollte Impfreisen anbieten - in Länder, die ihre Bevölkerung nahezu durchgeimpft haben. "Wir hatten vermehrt Kundenanfragen erhalten, ob man nicht einen Gesundheitsurlaub mit einer Covid-19-Impfung verbinden könnte", sagt Sprecherin Sarah Porrmann.

Doch inzwischen geht Fit Reisen davon aus, dass "mit der größeren Verfügbarkeit von Corona-Impfstoffen und dem für April geplanten starken Anstieg der Liefervolumina Impfreisen keinen bedeutenden Beitrag zur hiesigen Pandemiebekämpfung leisten können". Bleibt das Angebot unter: https://meine-impfreise.com

Branche nimmt wieder Fahrt auf

Erst impfen, dann losschippern. Auf Schiffen von Norwegian Cruise Line sind künftig alle Kreuzfahrer geimpft - natürlich auch die gesamte Crew.
Erst impfen, dann losschippern. Auf Schiffen von Norwegian Cruise Line sind künftig alle Kreuzfahrer geimpft - natürlich auch die gesamte Crew.  © imago images / ZUMA Wire

Ein Impfnachweis scheint wie der Reisepass oder Personalausweis künftig zur Voraussetzung für viele Auslandsreisen oder Kreuzfahrturlaub zu werden. Diese Woche hat Norwegian Cruise Line bekannt gegeben, mit Beginn der Sommersaison am 25. Juli im Mittelmeer nur noch geimpfte Passagiere an Bord zu lassen.

Die Vorschrift soll vorerst bis zum 31. Oktober 2021 gelten. Auch bei Royal Caribbean muss ab 10. Juli jeder Erwachsene einen Nachweis über eine vollständige Corona-Impfung erbringen. Bei Passagieren unter 18 Jahren genügt ein negativer Test. Ebenso läuft es bei Celebrity Cruises mit Saisonstart ab 19. Juni. AIDA, TUI Cruises und MSC planen aktuell noch keine Impfpflicht.

Die thailändische Urlauberinsel Phuket will Geimpften ab Juli quarantänefreies Reisen ermöglichen - als Modell für andere beliebte Urlaubsregionen des südostasiatischen Landes wie Pattaya, Chiang Mai und Krabi. Bis zum Sommer sollen auch 70 Prozent der lokalen Bevölkerung auf Phuket geimpft sein, um Herdenimmunität zu erreichen.

Voraussichtlich ab 31. Oktober können nur noch geimpfte Gäste in den 35 Allsun-Hotels des Düsseldorfer Reiseveranstalters Alltours auf Mallorca, den Kanaren und in Griechenland einchecken. Auch die australische Airline Qantas lässt vor internationalen Flügen nur noch geimpfte Passagiere einsteigen.

Impfung wird zum neuen Reisepass und erlaubt mehr Freiheiten

Bislang waren es nur Superreiche, die zu "Spritztouren" in die arabischen Emirate jetteten. Bald wollen Dubai (Foto) und Abu Dhabi ein offizielles Impftourismus-Programm starten.
Bislang waren es nur Superreiche, die zu "Spritztouren" in die arabischen Emirate jetteten. Bald wollen Dubai (Foto) und Abu Dhabi ein offizielles Impftourismus-Programm starten.  © 123RF / FIGURNITY

Die Corona-Impfung wird zum neuen Reisepass. Bis Juni will die EU einen digitalen europäischen Impfpass einführen, um Urlaubern wieder mehr Reisefreiheit zu ermöglichen. Herzstück ist ein QR-Code.

Damit können Grenzbeamte, Airlines, Hotels oder Restaurants den Status datenschutzkonform prüfen.

Zudem soll ein digitaler "Travel Pass" Flugreisen erleichtern und Quarantäne vermeiden. In der App lassen sich neben Tickets auch Impfnachweise und Testergebnisse speichern.

Singapur wird den digitalen Reisepass des Fluggesellschaften-Dachverbandes IATA (International Air Transport Association) ab 1. Mai 2021 weltweit als erster Staat akzeptieren.

Die App steht ab Mitte April für iOS und Ende April für Android bereit.

Bei Lufthansa kann man Covid-Testergebnisse in die international anerkannte App "CommonPass" eintragen und aktuell vom kostenfreien Lounge-Zugang profitieren.

Titelfoto: imago images/ITAR-TASS

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