Bioinformatiker: Nur etwa jeder zweite Infizierte durch Schnelltests erkannt

Greifswald - Für Bioinformatiker und Regierungsberater Lars Kaderali sind deutlich steigende Infektionszahlen nur eine Frage der Zeit - auch wegen der angekündigten Lockerungen. Bei Corona-Schnelltests sieht er einen Haken.

Der Bioinformatiker Lars Kaderali von der Universität Greifswald sieht wieder deutlich steigende Infektionszahlen nur als eine Frage der Zeit an.
Der Bioinformatiker Lars Kaderali von der Universität Greifswald sieht wieder deutlich steigende Infektionszahlen nur als eine Frage der Zeit an.  © Stefan Sauer/dpa

"Wir haben aktualisierte Simulationen gerechnet", teilte der Leiter der Bioinformatik der Universitätsmedizin Greifswald auf Anfrage mit.

Den Effekt der am Mittwoch auf der Bund-Länder-Konferenz beschlossenen Lockerungen könne man zwar noch nicht genau abschätzen. Die Lockerungen würden aber zu mehr Kontakten und mehr Infektionen führen. "Die Frage ist nicht ob, sondern wie schnell das passiert".

Die Zahlen könnten sich laut Kaderali, der mit seinen Simulationen die Landesregierung berät, am Monatsende "wieder auf dem Niveau wie um Weihnachten bewegen". Vor Weihnachten hatte die Sieben-Tages-Inzidenz im Land etwas unter 100 gelegen und war über die Feiertage unter 80 gesunken.

Das Robert Koch-Institut hatte darauf hingewiesen, dass möglicherweise weniger Fälle gemeldet wurden, weil zu Weihnachten weniger Menschen einen Arzt aufsuchten und sich testen ließen.

Neben den Lockerungen spielen laut Kaderali zwei weitere Faktoren eine wichtige Rolle: "Dass der Anteil des mutierten Virus weiter ansteigen wird, ist sicher und wird sich nicht mehr verhindern lassen." Dadurch werde es auch insgesamt zu einem Anstieg der Infektionszahlen kommen.

Lars Kaderali: "ein 'Freitesten' ist mit den Schnelltests eben nicht möglich."

Ein Schnelltest, wie er schon jetzt in vielen Supermärkten und Apotheken erhältlich ist. Bioinformatiker Kaderali warnt jedoch vor einem Problem im Zusammenhang mit den Tests.
Ein Schnelltest, wie er schon jetzt in vielen Supermärkten und Apotheken erhältlich ist. Bioinformatiker Kaderali warnt jedoch vor einem Problem im Zusammenhang mit den Tests.  © Christophe Gateau/dpa

Außerdem zeigten Mobilitätsdaten, dass sich die Menschen wieder deutlich mehr bewegten. Die Mobilität liege auf einem Niveau wie im November nach dem Teil-Shutdown. Mögliche Gründe seien die gesunkenen Inzidenzen im Januar und die Diskussionen um Lockerungen.

Schnelltests könnten zwar helfen, das Infektionsgeschehen zu kontrollieren. Kaderali verwies allerdings auf eine Studie, an der er beteiligt gewesen sei.

Danach würden nur etwa die Hälfte der Infizierten tatsächlich durch einen Schnelltest als infiziert erkannt. "Die Daten bedeuten, dass bei einem Schnelltest am Eingang eines Restaurants von zwei Infizierten nur einer richtig erkannt wird."

Jeder gefundene Infizierte verringere zwar die Zahl der Folgeinfektionen, weshalb Schnelltest wichtig seien. "Aber ein 'Freitesten' ist mit den Schnelltests eben nicht möglich."

Auch ein "Herausimpfen" aus der dritten Welle sei beim gegenwärtigen Tempo nicht möglich. Es sei noch kein starker Effekt zu sehen. Auch das Argument, die Pflegeheime seien durchgeimpft, ließ er nicht gelten. Nur ein kleiner Teil der Menschen, die älter als 60 Jahre sind, sei tatsächlich geimpft. Je nach Definition zählten zwischen 25 und 50 Prozent der Bevölkerung zur Risikogruppe. Insgesamt seien aber nur etwa vier Prozent geimpft.

Titelfoto: Christophe Gateau/dpa, Stefan Sauer/dpa (Bildmontage)

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