Corona Dunkelziffer: Studie in Heinsberg wagt deutschlandweite Schätzung

Bonn – In Deutschland könnten sich nach Ergebnissen der sogenannten Heinsberg-Studie mittlerweile möglicherweise 1,8 Millionen Menschen mit dem Coronavirus infiziert haben.

In der Heinsberg-Studie haben sich die Forscher um den Virologen Hendrik Streeck auch mit der möglichen Dunkelziffer an Corona-Infizierten beschäftigt (Archivbild).
In der Heinsberg-Studie haben sich die Forscher um den Virologen Hendrik Streeck auch mit der möglichen Dunkelziffer an Corona-Infizierten beschäftigt (Archivbild).  © Federico Gambarini/dpa

Dies ergebe eine Schätzung auf der Grundlage einer Modellrechnung, teilte die Universität Bonn am Montag mit. 

Die Forscher um den Virologen Hendrik Streeck zogen für ihre Schätzung die Dunkelziffer der Infizierten in der untersuchten Gemeinde Gangelt im Kreis Heinsberg und die dort errechnete Sterblichkeitsrate bei einer Corona-Infektion heran. Daraus errechneten sie eine theoretische Zahl für Deutschland.

Ein Forscher-Team um Streeck hatte in der Ortschaft 919 Einwohner in 405 Haushalten befragt und Corona-Tests vorgenommen. In dem Ort hatten sich nach einer Karnevalssitzung Mitte Februar viele Bürger mit dem neuartigen Virus infiziert. Die Gemeinde gilt daher als Epizentrum des Virus. 

Die Situation ist nur bedingt vergleichbar mit anderen Regionen Deutschlands. Darauf weisen die Forscher in ihrer Studie auch hin.

"Welche Schlüsse aus den Studienergebnissen gezogen werden, hängt von vielen Faktoren ab, die über eine rein wissenschaftliche Betrachtung hinausgehen", sagte Streeck. "Die Bewertung der Erkenntnisse und die Schlussfolgerungen für konkrete Entscheidungen obliegen der Gesellschaft und der Politik."Die Studie war im Auftrag der NRW-Landesregierung entstanden.

Update, 13.27 Uhr: Weitere Erkenntnisse der Studie

Die Forscher haben etwa 400 Haushalte in Gangelt im Kreis Heinsberg befragt und untersucht.
Die Forscher haben etwa 400 Haushalte in Gangelt im Kreis Heinsberg befragt und untersucht.  © Roberto Pfeil/dpa

Gérard Krause, Leiter der Abteilung Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig, warnte in einer Videokonferenz mit Journalisten davor, die Zahlen aus Gangelt auf ganz Deutschland zu übertragen. "Ich bin da doch eher zurückhaltend", sagte er.

Die Situation ist nur bedingt vergleichbar mit anderen Regionen Deutschlands - etwa ist die Zahl der Infizierten höher. Darauf weisen die Forscher in ihrer Studie auch hin. In die Berechnung der Sterblichkeitsrate flossen sieben Todesfälle ein. In der Stichprobe waren Kinder etwas unter-, ältere Menschen etwas überrepräsentiert.

Im Zentrum der Studie stand laut Uni Bonn die Sterblichkeitsrate (IFR), die den Anteil der Todesfälle unter den Infizierten angibt. Laut der Studie waren in Gangelt 15 Prozent der Menschen infiziert - die Infektionssterblichkeit liege bei 0,37 Prozent. Diese Sterblichkeitsrate könne man "als Schätzwert benutzen, um das auf Deutschland hochzurechnen", sagte Streeck der dpa.

Den Ergebnissen zufolge zeigten in Gangelt 22 Prozent der Infizierten "gar keine Symptome". Sie wussten bis zum Test teilweise nicht, dass sie überhaupt krank waren. 

Martin Exner, Leiter des Instituts für Hygiene und öffentliche Gesundheit und Co-Autor der Studie, sagte laut Mitteilung: "Jeder vermeintlich Gesunde, der uns begegnet, kann unwissentlich das Virus tragen. Das müssen wir uns bewusst machen und uns auch so verhalten." Dies bestätige die Wichtigkeit der allgemeinen Abstands- und Hygieneregeln in der Corona-Pandemie.

Weitere Untersuchungen zur Virusübertragung

Ein weiterer Punkt, der für die Praxis interessant sein könnte, sei die starke Verbindung mit der Karnevalssitzung, sagte Streeck. Auffallend war, dass Personen häufiger Corona-Symptome hatten, die an der Karnevalssitzung teilgenommen hatten.

Im Raum steht daher die Frage, ob körperliche Nähe zu anderen Feiernden und eine erhöhte Tröpfchenbildung durch lautes Sprechen und Singen zu einem stärkeren Krankheitsverlauf beigetragen haben. Dazu plane man weitere Untersuchungen, erklärte Gunther Hartmann, Co-Autor der Studie und Direktor des Instituts für Klinische Chemie und Klinische Pharmakologie an der Uni Bonn.

Titelfoto: Federico Gambarini/dpa

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