Brisante Entdeckung: Versteckte AstraZeneca seinen Impfstoff für geheimen Export?

Rom/Brüssel - Der Hersteller AstraZeneca lagert in Italien 29 Millionen Dosen Corona-Impfstoff - und das, obwohl er mit seinen vertraglich zugesicherten Lieferungen an die Europäische Union massiv im Rückstand ist und Impfstoff in der EU überall fehlt.

Der Impfstoff-Hersteller AstraZeneca soll etliche Millionen Dosen seines Vakzins in Italien eingelagert haben.
Der Impfstoff-Hersteller AstraZeneca soll etliche Millionen Dosen seines Vakzins in Italien eingelagert haben.  © Soeren Stache/dpa

Dieser Bericht der italienischen Zeitung "La Stampa" klingt erstmal unwahrscheinlich, wurde aber am Mittwoch aus mehreren Quellen bestätigt. Nur das britisch-schwedische Unternehmen schwieg auf Anfrage vorerst.

So gab es von AstraZeneca auch zunächst keine Erklärung, was hinter der großen Lagerung steckt und an wen der Impfstoff genau geliefert werden soll.

Weniger zurückhaltend traten die Kritiker des Herstellers auf, der nun zum x-ten Mal aus unterschiedlichen Gründen in den Schlagzeilen ist. "Das ist völlig inakzeptabel", schrieb der CSU-Europapolitiker Manfred Weber auf Twitter. "Ich kann mir keinen Grund denken, warum man in dieser Pandemielage Impfstoffe auf Halde legen würde", sagte ein EU-Vertreter.

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"La Stampa" schildert die Abläufe so: EU-Binnenmarktkommissar Thierry Breton, inzwischen eine Art Impfstoff-Beauftragter von Kommissionschefin Ursula von der Leyen (62), habe Anfang März die Fabrik Halix im niederländischen Leiden besucht, die für AstraZeneca Corona-Impfstoff herstellt.

Dort sei der Kommissar misstrauisch geworden. Er habe die italienischen Behörden unterrichtet. Denn AstraZeneca lässt seinen Impfstoff unter anderem in Italien abfüllen und verpacken.

Die italienische Regierung bestätigte am Mittwoch, dass eine Anlage von Catalent in Anagni in der Region Latium auf Bitten der EU-Kommission inspiziert wurde. Laut "La Stampa" wurden dabei in den Kühlkammern die 29 Millionen Dosen entdeckt. In der Zeitung hieß es, die Impfstoffe seien für den Export nach Großbritannien gedacht.

Ein EU-Beamter schloss auch andere Ziele nicht aus. Die Regierung von Ministerpräsident Mario Draghi erklärte in Rom, Ziel der inspizierten Impfstoffe sei Belgien gewesen - was weitere Fragen aufwarf.

Seit 1. Februar gelten Exportkontrollen

AstraZeneca hat der EU immer wieder Hiobsbotschaften übermittelt: Leider könne man viel weniger Corona-Impfstoff liefern als gedacht. Dabei liegen Millionen Dosen auf Halde. Das alles sei ziemlich rätselhaft.
AstraZeneca hat der EU immer wieder Hiobsbotschaften übermittelt: Leider könne man viel weniger Corona-Impfstoff liefern als gedacht. Dabei liegen Millionen Dosen auf Halde. Das alles sei ziemlich rätselhaft.  © Arne Immanuel Bänsch/dpa

Dazu muss man wissen, dass AstraZeneca derzeit praktisch keine Chance hat, die Impfstoffe aus der EU heraus zu bringen. Denn bereits seit 1. Februar gelten Exportkontrollen.

Herstellern, die EU-Verträge nicht erfüllen, kann die Ausfuhr untersagt werden. Und AstraZeneca ist bisher die einzige Firma, bei der dieses Möglichkeit einmal angewendet wurde: Italien stoppte 250.000 Impfdosen für Australien.

Am Mittwoch verschärfte die EU-Kommission den Exportmechanismus mit dem Ziel, häufiger Nein sagen zu können, wenn Empfängerländer nicht auch Exporte in die EU zulassen.

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AstraZeneca hatte der EU nach Brüsseler Angaben im ersten Quartal ursprünglich 120 Millionen Impfdosen zugesagt - und dies dann auf 30 Millionen gekürzt. "Aber sie sind Stand heute noch nicht einmal in der Nähe dieser Zahl", sagte EU-Kommissionsvizepräsident Valdis Dombrovskis am Mittwoch.

Im zweiten Quartal stellt Astrazeneca nun offiziell 70 Millionen Dosen in Aussicht - statt der vereinbarten 180 Millionen.

Der britisch-schwedische Hersteller hat auch und vor allem umfassende Lieferpflichten an Großbritannien, was seit Wochen für Spannungen zwischen Brüssel und London sorgt.

Dabei geht es auch immer wieder um die Fabrik in Halix. Diese produziert nach Angaben der EU-Kommission seit geraumer Zeit. Sie hat aber bisher keine EU-Zulassung - nach Darstellung aus EU-Kreisen, weil das Unternehmen den Antrag nicht vorantrieb.

Für wen und wie viel produziert Halix?

Die für die Zulassung der Anlage in Halix zuständige EU-Arzneimittelbehörde EMA wollte sich bislang nicht zu dem Verfahren äußern.
Die für die Zulassung der Anlage in Halix zuständige EU-Arzneimittelbehörde EMA wollte sich bislang nicht zu dem Verfahren äußern.  © -/kyodo/dpa

Die für die Zulassung der Anlage zuständige EU-Arzneimittelbehörde EMA wollte sich diese Woche auf dpa-Anfrage über Details des Verfahrens nicht äußern.

In jedem Fall wird schon länger gerätselt, wie viel und für wen Halix produziert.

Großbritannien hofft dem Vernehmen nach, den Großteil des dort hergestellten Impfstoffs zu bekommen.

Aus deutschen Regierungskreisen hieß es, man habe sich erstmal gefreut, "dass da 29 Millionen Dosen offensichtlich sind". Schließlich hänge AstraZeneca mit den Lieferungen an die EU um ein Vielfaches zurück. "Vielleicht gibt es jetzt die Möglichkeit, die Lieferungen deutlich aufzustocken."

EU-Vertreter in Brüssel wollten sich über Herkunft, Ziel und den weiteren Umgang des in Italien gelagerten Impfstoffs nicht äußern - dazu müsse man die Firma fragen, hieß es.

Rom jedenfalls stellte am Mittwoch klar, dass die für den Gesundheitsschutz zuständigen Carabinieri von nun an alle ausgehenden Impfstoff-Partien bei dem Betrieb in Anagni kontrollieren würden.

Update, 24. März, 16.37 Uhr: AstraZeneca streitet Vorwürfe ab

Der britisch-schwedische Impfstoffhersteller AstraZeneca hat Berichte über die Vorratslagerung von 29 Millionen Impfdosen in einem Werk in Italien als nicht korrekt zurückgewiesen.

Es handle sich um verschiedene Kontingente des Impfstoffs, die auf die Freigabe durch die Qualitätskontrolle warteten, teilte eine Sprecherin am Mittwoch auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur mit. Davon seien 13 Millionen Dosen für arme Länder im Rahmen des Covax-Programms bestimmt. Sie seien außerhalb der EU hergestellt und in dem Agnani-Werk in Fläschen abgefüllt worden. Weitere 16 Millionen sollten nach der Freigabe nach Europa gehen, ein großer Teil davon noch im März. Derzeit seien keine Exporte außer in Covax-Länder geplant.

"Es ist nicht korrekt, dies als einen Vorrat zu bezeichnen", so die Sprecherin. Der Prozess der Herstellung von Impfstoffen sei sehr komplex und zeitaufwendig. Insbesondere müssten die Impfstoffdosen auf die Freigabe durch die Qualitätskontrolle warten, nachdem die Abfüllung der Fläschchen abgeschlossen sei, hieß es weiter.

Titelfoto: Soeren Stache/dpa

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