Christian Drosten vs. Alexander Kekulé: Virologen streiten sich

Berlin - Bislang galten Forscher in der Regel als eher zurückgenommene, sachliche Zeitgenossen. Meinungsverschiedenheiten wurden meist in Fachjournalen oder auf Konferenzen ausgetragen. Doch in der Corona-Krise ändert sich das. Debatten finden in aller Öffentlichkeit statt. 

Virologe Christian Drosten (48). (Archivbild)
Virologe Christian Drosten (48). (Archivbild)  © dpa/dpa-pool/Michael Kappeler

Zwei der bekanntesten Forscher, die Virologen Christian Drosten (48) und Alexander Kekulé (61), beharken sich gerade intensiv. Das könnte die Wahrnehmung von Wissenschaft verändern.

Der Experte für Wissenschaftskommunikation Sven Engesser von der TU Dresden beobachtet, dass Rivalitäten zwischen Forschern nicht mehr intern geklärt, sondern nach außen getragen werden. "Das liegt auch daran, dass alle Beteiligten sehr exponiert sind und unter Druck stehen." 

Wissenschaftliche Ergebnisse hätten in der Corona-Krise viel mehr Relevanz als früher. "Es passiert Grundlagenforschern selten, dass eine unveröffentlichte Studie politische Entscheidungen beeinflusst."

Auslöser der aktuellen Diskussion sind von Drosten veröffentlichte, vorläufige Ergebnisse zur Ansteckungsgefahr durch Kinder und eine damit verbundene Warnung davor, Schulen und Kindergärten in Deutschland uneingeschränkt zu öffnen. An der Studie gibt es teils deutliche Kritik, wie etwa in der "Bild"-Zeitung zu lesen war. 

Drosten, Chef-Virologe der Berliner Charité, und sein Team haben die Untersuchung nach eigenen Angaben überarbeitet und wollen sie zur Veröffentlichung einreichen, wie der Wissenschaftler auch in einem am Freitag veröffentlichten "Spiegel"-Interview sagte.

Kekulé kritisiert Drosten öffentlich für "Schnellschuss"

Virologe Alexander Kekulé (61). (Archivbild)
Virologe Alexander Kekulé (61). (Archivbild)  © dpa/dpa-Zentralbild/Karlheinz Schindler

Die Kritik an Drostens Untersuchung griff auch Alexander Kekulé, Virologe am Universitätsklinikum Halle, auch in einem Gastbeitrag im "Tagesspiegel" auf. 

Darin schreibt er unter anderem: Das Beispiel der Charité-Vorveröffentlichung zeige, dass "mit Schnellschüssen am Ende weder der Politik noch der Wissenschaft gedient" sei. 

Es sei schwer nachvollziehbar, warum der "erfahrene Forscher und Politikberater die Vorveröffentlichung nicht einfach zurückgezogen" hat.

Drosten konterte daraufhin auf Twitter mit Sätzen wie: "Kekulé macht Stimmung. Seine Darstellung ist tendenziös", "Kekulé selbst könnte man nicht kritisieren, dazu müsste er erstmal etwas publizieren" und: "In unserer Community spielt er keine Rolle".

Dieser Ton unter Forschern ist ungewohnt. Wie öffentliche Debatten auf die Bevölkerung wirkten, sei schwer zu sagen, sagt Kommunikationsexperte Engesser. 

"Einige Menschen werden enttäuscht sein zu realisieren, dass Forscher fehlbar und menschlich sind. Andere werden genau das authentisch und sympathisch finden." Im Grunde sei es so: "Wer wissenschaftsfeindlich war, wird dadurch vermutlich noch wissenschaftsfeindlicher - und umgekehrt."

Dass es überhaupt zu solchen Diskussionen kommt, dürfte auch an einem anderen Phänomen liegen. In der Corona-Krise werden viele Studien auf sogenannten Preprint-Servern veröffentlicht, ohne dass sie vorher von Fachkollegen begutachtet und freigegeben wurden. Das spart Zeit, die im Kampf gegen Sars-CoV-2 dringend benötigt wird. 

Andererseits findet die Diskussion um Methoden und Ergebnisse dann eher öffentlich als in der Fachcommunity statt.

"Die Wissenschaft wird sich überlegen, ob das Konzept mit Preprint-Servern nochmal überarbeitet werden muss", sagt Sven Engesser. "Es gibt eben das Risiko, dass vorläufige Ergebnisse in die Medien kommen."

Titelfoto: dpa/dpa-Zentralbild/Karlheinz Schindler, dpa/dpa-pool/Michael Kappeler

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