Wie Pflegeheim-Bewohner in der Corona-Krise leiden müssen

Kassel - Lockdown, Lockerung und Teil-Lockdown – Birgit Inerle hat als Altenheim-Seelsorgerin alle Phasen der Corona-Pandemie mitgemacht.

Das Foto zeigt Birgit Inerle, Pfarrerin und Seelsorgerin eines Altenheims in Nordhessen.
Das Foto zeigt Birgit Inerle, Pfarrerin und Seelsorgerin eines Altenheims in Nordhessen.  © Swen Pförtner/dpa

Die 56-Jährige ist Pfarrerin der Evangelischen Kirche Kurhessen-Waldeck in Kassel. Sie weiß, was Heimbewohner bewegt und was ein Lockdown für diese bedeutet: "Da ist der Lebensraum, der eh so eingeschränkt ist, noch eingeschränkter."

Menschen in stationärer Pflege leiden unterschiedlich: "Wir haben fitte Bewohner. Für diese Menschen war der erste Lockdown wirklich unerträglich, das hatte schon Gefängnis-Charakter."

Für andere sei die Situation angenehmer gewesen. Wer nie Besuch bekomme, für den sei es leichter, wenn alle in der gleichen Situation seien. Am meisten Sorgen habe sie sich damals um die Demenzkranken gemacht, sagt Inerle. Diese hätten gespürt, dass etwas nicht stimmt, es kognitiv aber nicht einordnen können. Für alle Heimbewohner gelte: "Sie sehnen sich nach absoluter Normalität."

Diese Normalität kehrte im Sommer in Teilen zurück. Doch steigende Corona-Zahlen drehen in vielen Heimen die Uhr zurück. Für Bewohner und Angehörige ist die Situation unübersichtlich – auch mit Blick auf die Weihnachtstage: Wie wird in Einrichtungen gefeiert? Wer darf kommen? Wer darf gehen? Fast jedes Heim hat eigene Regeln – und einige schießen laut Bundesinteressengemeinschaft für alte und pflegebetroffene Menschen (Biva) übers Ziel hinaus.

"Ich kann mir vorstellen, dass es viele Einrichtungen gibt, die ein vernünftiges Besuchskonzept haben, aber die Masse an Beratungen zeigt, dass es auch sehr viele Einrichtungen gibt, wo es nicht läuft", sagt Anwalt Markus Sutorius von der Biva-Rechtsberatung.

Schilderungen von sozialer Isolation und Überwachung

Das Archivbild zeigt einen an den Rollstuhl gebundener Bewohner eines Altenpflegeheims.
Das Archivbild zeigt einen an den Rollstuhl gebundener Bewohner eines Altenpflegeheims.  © picture alliance / dpa

In einer Online-Befragung – auch mit Beteiligung aus Hessen – berichten Angehörige der Biva von den Besuchsbeschränkungen. Darunter sind Schilderungen von sozialer Isolation und Überwachung.

Bewohner dürften Heime nicht verlassen. Besuchszeiten und -begrenzungen würden Besuche von Berufstätigen oder Auswärtigen quasi ausschließen. Pflege finde kaum statt. Angehörige würden abgewimmelt.

Allerdings räumt die Biva ein, dass bei ihr vor allem Beschwerden vorgetragen werden.

Es sei klar, dass bei einem Infektionsgeschehen Maßnahmen verhängt werden müssten, sagt Sutorius. "Das ist aber nicht Sache der Heime, sondern das müssen die Gesundheitsämter machen – es sei denn die Corona-Verordnung des Landes sieht etwas anderes vor, was aber meist nicht der Fall ist."

Laut Biva kann Hausrecht niemals Grundlage für freiheitsentziehende Maßnahmen sein. Zudem gelte immer: "Maßnahmen müssen notwendig und angemessen sein." Die Heimaufsichten seien angehalten, das zu prüfen. "Aber das ist ein schwieriges Geschäft für alle Beteiligten. Viele sammeln aus Personalnot die Beschwerden nur. Dann muss der Bewohner auf Zulassung von Besuchen klagen."

Klagen bei Gericht seien selten. "Wir haben den Eindruck, dass viele Bewohner und Angehörigen nicht aufbegehren wollen, aus Angst, dass der Pflegeplatz gekündigt wird oder dass Pflege dann nicht mehr stattfindet." Angst vor Repressalien sei nachvollziehbar, man kenne Fälle, in denen nach Beschwerden Angehörige Hausverbot erhielten.

Schutzbedürfnisse der Bewohner und Bedarf nach Kontakten

Für viele Pflegeheim-Bewohner sind Kontakte zu Angehörigen äußerst wichtig (Symbolbild).
Für viele Pflegeheim-Bewohner sind Kontakte zu Angehörigen äußerst wichtig (Symbolbild).  © Daniel Karmann/dpa

Auch die Heime stehen unter Druck. Michael Schmidt von der Awo Nordhessen leitet den Arbeitskreis Pflege, Gesundheit und Senioren der Liga der freien Wohlfahrtspflege Hessen: "Es muss immer zwischen den Schutzbedürfnissen der Bewohner und dem Bedarf nach Kontakten abgewogen werden", erklärt er.

Die Pandemie sei ein Lernprozess: "Der Besuchsstopp damals wurde vom Land ausgesprochen. Das war zu dem Zeitpunkt nach damaliger Kenntnis der Dinge die richtige Entscheidung, weil wir es nicht besser wussten." Danach sei klar geworden: "Wir müssen die Besuche soweit wie möglich wieder zulassen."

Schmidt sagt: "Wir haben es in guten Abwägungsprozessen zu jedem Zeitpunkt im Interesse der Angehörigen und der Bewohner zu regeln versucht. Die meisten waren einsichtig und verständnisvoll, nur sehr wenige waren schwer mitzunehmen."

Wenn es Auseinandersetzungen über Besuchsbeschränkungen gab, habe man die Heimaufsicht eingeschaltet, die vermittelt habe. Außerdem seien die Heimbewohner über die gewählten Heimbeiräte beim Schreiben der Besuchskonzepte angemessen einbezogen worden.

Für die Biva sind Beiräte "oft ein sehr schwaches Organ", ihnen fehle die Mitbestimmung.

Nicht jeder Heimbewohner fürchtet um sein Leben

Einig sind Biva und Liga, dass es einen Rahmen für Besuch-Konzepte gibt – in Form der Corona-Landesverordnung: "Alle Bewohner haben das Recht, die Einrichtung zu verlassen – sofern keine Quarantäne angeordnet wurde", sagt Schmidt. Man bitte die Bewohner, vorsichtig zu sein und Corona-Verhaltensregeln einzuhalten. Das gelte auch mit Blick auf Weihnachten und dem Wunsch, mit der Familie zu feiern.

Die Evangelische Kirche Kurhessen-Waldeck will künftig mit "Corona-Kümmerern" Heimen bei Abwägungen wegen der Corona-Pandemie helfen und bei Konflikten vermitteln. Zwölf Pfarrer würden dazu geschult – Birgit Inerle ist eine davon. "Das hier ist ein ethisches Dilemma, ein ethisches Dilemma kann man nicht durch Prozesse lösen", sagt die Kasseler Bischöfin Beate Hofmann.

Dass nicht jeder Heimbewohner um sein Leben fürchtet, beweist Bruno Krause. Der 73-jährige Heimbeirat lebt im nordhessischen Hofgeismar in einer Einrichtung der Evangelischen Altenhilfe. Angst vor Covid-19 habe er nicht und auch die Situation setze ihm nicht zu. "Ich kann mich nicht beschweren, hier ist es immer schön."

Titelfoto: picture alliance / dpa

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