Corona macht vor Sachsen nicht halt: So brutal hat uns das Virus erwischt

Dresden - Vor einem halben Jahr wurde in Sachsen der erste Corona-Patient registriert. Seitdem gab es im Freistaat 5 930 positive Tests auf SARS-CoV-2. Schätzungsweise 5 500 Patienten gelten inzwischen als genesen. Doch sind sie wirklich wieder gesund? Viele leiden unter tückischen Spätfolgen. Gleichzeitig schwächelt die Wirtschaft und die Einsicht in Schutzmaßnahmen bröckelt. Zeit für eine Zwischenbilanz nach einem halben Jahr mit Corona: Noch hat das Virus uns voll im Griff!

Patientin hatte Angst, nicht mehr aufzuwachen

Wurde deutschlandweit als erste Patientin mit Remdesivir behandelt: Jenny Fischer (53) mit ihrem behandelnden Arzt Prof. Dr. Peter Spieth (42).
Wurde deutschlandweit als erste Patientin mit Remdesivir behandelt: Jenny Fischer (53) mit ihrem behandelnden Arzt Prof. Dr. Peter Spieth (42).  © Ove Landgraf

"Ich bin bis heute nicht gesund", sagt Corona-Patientin Jenny Fischer (53) aus Rietschen (bei Niesky). Sie hat sich am Gründonnerstag auf Arbeit angesteckt - im Krankenhaus Emmaus Niesky, wo sie als Dauernachtschwester arbeitet. "Wir hatten gerade viele Corona-Patienten aus dem Altersheim aufgenommen. Auch zehn Schwesternkolleginnen und Ärzte wurden infiziert."

Jenny Fischer bekam erst Kopf- und Gliederschmerzen, Sehstörungen und Fieber, litt unter Appetitlosigkeit und Durchfall. "Es ging mir von Tag zu Tag schlechter." Als in häuslicher Quarantäne auch noch Luftnot dazukam und der Hausarzt beim Abhorchen Knistern in der Lunge hörte, wurde sie ins Görlitzer St. Carolus Krankenhaus eingewiesen. 

Als Blutwerte und Zustand schlechter wurden, hat man sie in die Dresdner Uniklinik verlegt.

Nebenwirkung: Haarausfall

"Ich genieße das Leben mit meiner Familie jetzt intensiver": Corona-Patientin Jenny Fischer (53) mit Ehemann René (57).
"Ich genieße das Leben mit meiner Familie jetzt intensiver": Corona-Patientin Jenny Fischer (53) mit Ehemann René (57).  © Ove Landgraf

Dort wurden zudem Mikroembolien in der Lunge und eine tiefe Beinthrombose diagnostiziert. Sie wurde vier Tage ins Koma versetzt, sieben Tage künstlich beatmet. "Ich habe noch gedacht, was ist, wenn ich nicht mehr aufwache, meine Familie allein ist?"

Nach 14 Tagen auf der Intensivstation ging es für vier Wochen zur Reha-Kur nach Bad Salzungen (Thüringen). Doch damit war Corona nicht überstanden. "Im Juni bekam ich plötzlich Haarausfall wie bei einer Chemotherapie - offenbar eine Nebenwirkung des Ebola-Medikaments Remdesivir, mit dem ich behandelt wurde."

Auf der Haut bildeten sich juckende Ekzeme, Oberbauchschmerzen quälten sie. "Ich ermüde schnell, brauche für Hausarbeiten doppelt so lange wie früher und bin danach k.o." Sie hat 10 Kilo abgenommen, ist bis heute krankgeschrieben!

"Wenn ich jetzt Menschen ohne Maske im Markt sehe, spreche ich sie an und frage 'Warum schützen Sie mich nicht?'"

Die Krankheit bleibt mysteriös

Prof. Dr. Dirk Koschel.
Prof. Dr. Dirk Koschel.  © PR

Prof. Dr. Peter Spieth (42) betreut Corona-Patienten und interessiert sich für die Spätfolgen der Erkrankung. Der stellvertretende Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Intensivtherapie an der Dresdner Uniklinik behandelte 13 Covid-19-Patienten auf der Corona-Intensivstation (zwei Frauen, elf Männer) im Alter zwischen 50 und 85 Jahren. Alle mussten im Schnitt 15 Tage künstlich beatmet werden, einer sogar 22 Tage. Vier verstarben.

"Meistens verläuft die Krankheit bei Männern schwerer", weiß Prof. Spieth. "Alle meine Patienten leiden unter Folgebeschwerden, keiner ist inzwischen wieder arbeitsfähig. Frau Fischer ist unter ihnen noch die fitteste."

Inzwischen ist klar: Wer eine Covid-19-Erkrankung überlebt, ist zwar genesen, aber nicht geheilt. Denn der SARS-CoV-2-Erreger kann auch Muskelschwäche und Blutgerinnsel verursachen. 

Prof. Spieth: "Wir halten inzwischen mit einer straffen Gerinnungsdiagnostik und -therapie dagegen." Weitere Langzeitfolgen sind Nieren- und Herzschädigungen. Manche Patienten leiden auch unter psychischen Folgen wie Gedächtnisproblemen, Konzentrationsschwierigkeiten, chronischer Müdigkeit und depressiven Phasen.

"Zudem ist unklar, wie schnell und ob sich Lungenveränderungen überhaupt vollständig zurückbilden oder Narben zurückbleiben - sogenannte Fibrose", sagt Prof. Dr. Dirk Koschel (51), Chefarzt für Pneumologie am Lungen-Fachkrankenhaus Coswig und an der Uniklinik Dresden. 

"Ich habe sehr dramatische Krankheitsverläufe gesehen." Er empfiehlt: "Wer einen schweren Corona-Verlauf hatte, sollte sich in jedem Fall in lungenfachärztliche Nachkontrolle begeben."

Fahrlässig, wenn die Ansteckungsgefahr herunterspielt wird: Corona-Tests wie hier mit Ärztin Yasmine Coressel (30) am Dresdner Flughafen werden noch lange Alltag bleiben.
Fahrlässig, wenn die Ansteckungsgefahr herunterspielt wird: Corona-Tests wie hier mit Ärztin Yasmine Coressel (30) am Dresdner Flughafen werden noch lange Alltag bleiben.  © Thomas Türpe

Erholung der Wirtschaft dauert

Corona hat 6,4 Prozent Wirtschaftsleistung gekostet: Wirtschaftswissenschaftler Prof. Joachim Ragnitz (59) vom Dresdner ifo-Institut.
Corona hat 6,4 Prozent Wirtschaftsleistung gekostet: Wirtschaftswissenschaftler Prof. Joachim Ragnitz (59) vom Dresdner ifo-Institut.  © Thomas Türpe/dpa/Hendrik Schmidt

"Sachsen ist durch die Corona-Krise in eine tiefe Rezession geschlittert", sagt Prof. Joachim Ragnitz (59), Vize-Chef des Dresdner ifo-Instituts, das regelmäßig den Geschäftsklimaindex erhebt. "Das sächsische Bruttoinlandsprodukt wird in diesem Jahr um 6,4 Prozent sinken, das gesamtdeutsche BIP sogar um 6,7 Prozent."

Die sächsische Wirtschaft geht davon aus, dass Einschränkungen im öffentlichen Leben noch mindestens sieben Monate anhalten werden. Bis sich ihre Geschäftslage wieder normalisiert hat, geben unterschiedliche Branchen unterschiedlich lange Zeiträume an. Am pessimistischsten sind dabei die sächsischen Handelsunternehmen. 

Sie glauben, das würde erst in 11,8 Monaten der Fall sein. Die Baubranche geht von 11,1 Monaten aus, Dienstleistung und verarbeitendes Gewerbe von jeweils 11,6 Monaten.

Doch es gibt auch gute Nachrichten. "Im nächsten Jahr gehen wir in Sachsen von einem Wirtschaftswachstum von 6,3 Prozent aus", hat Prof. Ragnitz berechnet. "Das Vorkrisenniveau wird jedoch frühestens Ende 2021 erreicht." Doch morgen werden erst einmal die aktuellen Arbeitslosendaten veröffentlicht. Im Juli 2020 betrug die Quote in Sachsen 6,3 Prozent, im März lag sie noch bei 5,4 Prozent.

Titelfoto: Thomas Türpe

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