Corona doch ungefährlich? "85 Prozent sind immun gegen das Virus"

Deutschland - Einem Facebook-Post zufolge hat ein ehemaliger Forscher angeblich die Gefährlichkeit des neuen Coronavirus in Frage gestellt.

Medizinisches Personal arbeitet auf der Intensivstation für Corona-Patienten im CHR-Krankenhaus Citadelle. In Belgien ist die Lage aktuell wieder dramatisch.
Medizinisches Personal arbeitet auf der Intensivstation für Corona-Patienten im CHR-Krankenhaus Citadelle. In Belgien ist die Lage aktuell wieder dramatisch.  © Francisco Seco/AP/dpa

"85 Prozent sind immun gegen das Virus", soll der emeritierte Mikrobiologe Sucharit Bhakdi einem Zitat-Bild zufolge gesagt haben, das im Netz verbreitet wird. Bhakdi soll außerdem dafür plädiert haben, die Zahl der Toten und schwer Erkranken in den Blick zu nehmen - und nicht Infektionszahlen. 

"Die Sterberate beträgt so lediglich 0,1 bis 0,2 Prozent der Erkrankten", heißt es.

Schaut man sich die ganze Sache aber etwas genauer an, kommen sehr viele Fragen auf.

Die Zitate stammen aus einem Zeitungsinterview. Im Original sagt Sucharit Bhakdi dort zum Thema Immunität: "Bei Corona ist es so, dass 85 Prozent der Infizierten nicht schwer erkrankt sind. Diese Menschen sind also immun gegen das Virus." Es geht demnach eindeutig nur um die bereits Infizierten und nicht um alle Menschen.

Unabhängig davon ist noch nicht erwiesen, wie immun eine genesene Person gegen eine erneute Covid-19-Erkrankung ist oder wie lange eine Immunität anhält. "Der Wissensstand ist kontrovers", sagte Uwe-Gerd Liebert, Direktor des Instituts für Virologie an der Uniklinik Leipzig, der Deutschen Presse-Agentur bereits im August.

Zwei aktuelle Studien in der Fachzeitschrift "Science Immunology" schlussfolgern, dass die Immunantwort des Körpers nach einer Corona-Infektion mindestens drei Monate anhält. Andere Studien, die Antikörper gegen Sars-CoV-2 bei bisher nicht erkrankten Menschen nachweisen konnten, warnen davor, diese Erkenntnisse mit Immunität gleichzusetzen.

Wie tödlich das Coronavirus tatsächlich ist, erforschen Wissenschaftler nach wie vor. Viele Faktoren beeinflussen, wie schwer jemand an Corona erkrankt und ob er daran stirbt. Dies kann sich von Land zu Land unterscheiden und hängt etwa von der Einwohnerzahl, der Altersstruktur, dem Gesundheitssystem oder dem Stadium der Ausbruchswelle ab.

Von Land zu Land stark abweichende Ergebnisse

Noch wurde kein Impfstoff gefunden, der effektiv gegen das Coronavirus wirkt.
Noch wurde kein Impfstoff gefunden, der effektiv gegen das Coronavirus wirkt.  © Kateryna Kon/123RF

Die sogenannte Fallsterblichkeit (Case Fatality Rate) legt das Verhältnis von Todesfällen und gemeldeten Infektionsfällen zugrunde. 

Je nach Land schwanken hier die Zahlen zwischen knapp über 0 und 10 Prozent. Da die gemeldeten Infektionsfälle jedoch auch von Testkapazitäten abhängen, geben diese Zahlen kein genaues Bild über die Tödlichkeit des Coronavirus.

Die sogenannte Infektionssterblichkeit (Infection Fatality Rate) betrachtet das Verhältnis von Todesfällen und allen tatsächlich Infizierten. 

Das Robert Koch-Institut (RKI) macht dazu aber keine Angaben, weil sich nicht exakt bestimmen lasse, wie viele Menschen sich tatsächlich mit dem Coronavirus infiziert haben. 

Mehrere Studien haben genau dies jedoch mit verschiedenen Methoden versucht.

In Stockholm errechneten Forscher so eine Sterblichkeitsrate von 0,6 Prozent. Die Heinsberg-Studie in der Gemeinde Gangelt (NRW) ermittelte eine Rate von 0,37. Für die USA kommt eine Metastudie auf eine Infektionssterblichkeit von 0,8 Prozent. 

Nach der Auswertung von Daten aus der ganzen Welt geht eine Metastudie von einer durchschnittlichen Sterblichkeit von 0,23 Prozent aus. Eine andere Metastudie errechnete eine Infektionssterblichkeit von 0,68 Prozent im Mittel. Diese von Land zu Land stark abweichenden Ergebnisse zeigen, weshalb Aussagen zu einer globalen Sterberate nur sehr bedingt möglich sind.

Fazit: Bhakdis Zitat zum Thema Immunität wird hier verkürzt und damit verfälscht wiedergegeben. Die Rede war von 85 Prozent der Infizierten, nicht von 85 Prozent aller Menschen. Zur Immunität gibt es überdies noch keine gesicherten Erkenntnisse. Die von Bhakdi angegebene Sterberate deckt sich nicht mit bisherigen internationalen Studien, die von höheren Werten ausgehen.

Titelfoto: Francisco Seco/AP/dpa

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