Corona-Ausbruch vor einem halben Jahr: Wie geht es Heinsberg heute?

Gangelt/Heinsberg – Vor einem halben Jahr wurde die erste Corona-Infektion in Nordrhein-Westfalen nachgewiesen - und eine Gemeinde im tiefen Westen der Republik schlagartig bekannt. Eine Rückkehr dorthin, wo man wie wohl an keinem anderen Ort merkt, was die Pandemie angerichtet hat.

Sitzungspräsident Stefan Keulen (l) und Karnevalsvereinspräsident Wilfried Gossen stehen in der Halle des Bürgertreffs in Gangelt-Langbroich im Kreis Heinsberg. In dieser Halle fand im Februar die "Kappensitzung" statt, durch die sich der Coronavirus schnell verbreitete.
Sitzungspräsident Stefan Keulen (l) und Karnevalsvereinspräsident Wilfried Gossen stehen in der Halle des Bürgertreffs in Gangelt-Langbroich im Kreis Heinsberg. In dieser Halle fand im Februar die "Kappensitzung" statt, durch die sich der Coronavirus schnell verbreitete.  © dpa/Henning Kaiser

Ist das die Halle? Wilfried Gossen atmet ein und sagt: "Das ist die Halle." Auch für Gossen, Präsident des Karnevalvereins "Langbröker Dicke Flaa" erscheint die ganze Sache immer noch unwirklich, wie er sagt: "Dass ausgerechnet hier der erste Hotspot in ganz Deutschland war."

In der Halle im Ort Langbroich-Harzelt, der zur Gemeinde Gangelt gehört, hatte der Verein im Februar Karneval gefeiert, rund 300 Gäste waren da. 

Etwa eine gute Woche später, am 25. Februar, wird dann die erste Corona-Infektion in NRW bestätigt. Bis heute ist nicht klar, wo und wie sich der Mann ansteckte. 

Was aber schnell klar ist: Er hatte mitgefeiert in Langbroich-Harzelt. Und viele andere Gäste der Sitzung werden danach ebenfalls positiv getestet. 

Der Kreis Heinsberg, in dem Gangelt liegt, wird zum Corona-Hotspot und steht für einen historischen Wendepunkt: Die Pandemie hat endgültig Deutschland erreicht. 

Am Dienstag (25. August) liegt das ein halbes Jahr zurück.

Viele Betroffene im Kreis Heinsberg: Landrat Stephan Pusch wurde als Anpacker bekannt

Landrat Stephan Pusch in seinem Büro.
Landrat Stephan Pusch in seinem Büro.  © Henning Kaiser/dpa

Wie ist es den Bewohnern seither ergangen? Die ersten Wochen waren schwierig. "Wir sind überrannt worden", erzählt Gossen. Fernsehteams zogen durch die Straßen, es herrschte Quarantäne und die Schulen schlossen. Noch wusste man sehr wenig über die Seuche.

"Niemand konnte das Virus einschätzen, man hörte aber schon über diverse WhatsApp-Gruppen, wer ins Krankenhaus gekommen ist, wer infiziert ist", sagt Stefan Keulen, einer der zwei Sitzungspräsidenten. Alle hätten Angst gehabt, sich angesteckt zu haben - und für nicht wenige traf es zu. 

Ein paar Kilometer weiter sitzt Landrat Stephan Pusch in seinem Büro. "Ich glaube, dass die Heinsberger auch heute noch ein bisschen problembewusster sind für das Thema Coronavirus als Menschen aus Ecken, in denen es nie so schlimm eingeschlagen ist", sagt er. 

Vielen sei jemand bekannt, der gestorben ist oder beatmet wurde. Viele hätten Bekannte mit Spätfolgen. "Das ist anders als in Ostfriesland, wo die Leute sagen: Ja, wir hatten auch mal einen mit Corona hier."

Pusch selbst ist mit seiner anpackenden Art in der Pandemie zum bekanntesten Landrat des Landes aufgestiegen. "Papa Pusch" - das sind so Titel, die ihm verliehen wurden. Gerade war er im Urlaub, woran er im Februar überhaupt nicht hätte denken können. Mit Sport hat er sich fünf Kilo abtrainiert. Die Ärmel seines Hemdes sind hochgekrempelt, auf dem Schreibtisch stehen zwei leere Kaffeetassen.

Pusch plädiert für Realismus und glaubt nicht an Karneval

An der Bürotür von Landrat Pusch klebt ein Aufkleber mit dem Hashtag #hsbestrong.
An der Bürotür von Landrat Pusch klebt ein Aufkleber mit dem Hashtag #hsbestrong.  © Henning Kaiser/dpa

Mit der momentanen politischen Diskussion ist Pusch wenig zufrieden. 

Aus seiner Sicht wird viel zu viel über steigende Fallzahlen gesprochen und zu wenig darüber, dass sich das glücklicherweise noch nicht auf den Intensivstationen widerspiegele. Er erinnert sich noch gut an die Zeit, als unklar war, ob das Gesundheitssystem Corona standhält.

"Ich plädiere dafür, den Leuten einfach zu sagen, wie es ist: Wir müssen noch eine Zeit lang mit dem Mist klarkommen - ob wir es nun "zweite Welle" nennen oder nicht.»"Das Virus werde bleiben und man habe ein bisschen selbst in der Hand, wie viele Menschen sich infizieren. 

"Aber es besteht auch kein Anlass für Panik oder Wutausbrüche gegen Leute, die mal ihre Maske vergessen haben." Pusch sagt es so: "Das ist wie bei einer Schraube: Nach fest kommt kaputt."

Dass es Karneval 2020/2021 geben wird, daran glaubt Pusch nicht. Daran glaubt man genauso wenig bei der "Langbröker Dicke Flaa", auch wenn es noch nicht entschieden wurde. "Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass hier in dieser Halle 40 Leute auf Abstand sitzen und oben läuft Programm", sagt Sprecher Keulen. Das habe dann mit Karneval im eigentlichen Sinne nichts mehr zu tun. Was den Herzblut-Karnevalisten bleibt, ist vorerst die Erinnerung.

"Die Sitzung war spitze", sagt Präsident Gossen. Wenn man ein Programm mit eigenen Leuten bestücke, dann könne es schon einmal Hänger geben - das sei normal. Aber selbst das sei bei dieser Sitzung nicht so gewesen. "Sie war nicht zu lang und nicht zu kurz - fünf Stunden." Auf die Tage und Wochen danach hätte man gern verzichtet.

Titelfoto: dpa/Henning Kaiser

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