Ein weiteres Jahr mit Corona: Arzt glaubt nicht an Rückkehr zur Normalität 2021

Esslingen - Seit mehr als einem Jahr wird über kaum etwas anderes als Corona geredet. Es ist das Thema des vergangenen Jahres und am meisten hat dieses sicher die Krankenhäuser beschäftigt. TAG24 hat mit Privatdozent Dr. Alexander Koch, Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin am Klinikum Esslingen, über das vergangene Jahr gesprochen, zurückgeblickt - und darüber hinaus einen Ausblick für 2021 gewagt.

Privatdozent Dr. Alexander Koch, Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin am Klinikum Esslingen.
Privatdozent Dr. Alexander Koch, Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin am Klinikum Esslingen.  © Klinikum Esslingen

TAG24: Wie war das Jahr aus Sicht eines Krankenhauses in einem Corona-Hotspot?

Dr. Alexander Koch: Das Jahr 2020 hat die Welt vieler deutscher Krankenhäuser grundlegend verändert. Das Pandemiemanagement bedarf einer engen Zusammenarbeit interner und externer Strukturen. Zum Beispiel Materialversorgung, bauliche Infrastruktur, Personalmanagement, Krankenhaushygiene, Krankenhausapotheke, Infektiologie, diagnostische Einheiten (z.B. Labore), pflegerische und ärztliche Berufsgruppen, Pressestellen, Vernetzung mit Krankenhäusern im regionalen und überregionalen Umfeld, Rettungsdienstorganisationen, Gesundheits- und Ordnungsämter, etc.

TAG24: Was waren besondere Herausforderungen im Pandemie-Jahr?

Dr. Alexander Koch: Ein wichtiger Aspekt ist die Vermeidung von Übertragungen innerhalb eines Klinikums. Daher werden erhebliche krankenhaushygienische Anstrengungen unternommen. Zum Beispiel Einlasskontrollen für Patientinnen/Patienten und Besucherinnen/Besucher. Covid-19 positiv getestete Patientinnen/Patienten werden strikt isoliert, sowohl auf den Normalstationen als auch auf Intensivstationen.

Am Klinikum Esslingen betreiben wir seit Beginn der Pandemie diverse Isolationsstationen. Zusätzlich stehen drei voneinander getrennte Erwachsenen-Intensivstationen zur Verfügung: eine kleine Untereinheit für Covid-19 Verdachtsfälle und zwei größere jeweils für Covid-19 positive und Covid-19 negative Patientinnen/Patienten.

Ein weiterer Kernaspekt ist der Schutz von Personal vor einer Infektion. Hierzu sind Schulungen zu etablieren und Schutzausrüstungen auszugeben. Wie auch die vorausgehenden Jahre war 2020 zu Beginn, bereits vor der Pandemie, von einem Fachkräftemangel im deutschen Gesundheitssystem gekennzeichnet. Intensivkapazitäten konnten phasen- und ortsabhängig nicht kontinuierlich und garantiert die Bedarfe abdecken. Diese Situation wurde durch die Covid-19 Pandemie auf das äußerste strapaziert. Insgesamt war das Jahr 2020 - aus der Sicht eines Krankenhauses - von einer enormen Belastung des Personals gekennzeichnet.

TAG24: Was haben Sie gelernt im Hinblick auf eine Pandemie?

Dr. Alexander Koch: Die Tatsache, dass eine möglichst vorausschauende Planung essenziell ist, war uns bekannt. Ebenso, dass diese Planung sich häufig dynamisch anpassen wird und muss sowie dass die Kommunikation mit allen beteiligten Berufsgruppen in diesem Kontext eine enorme Herausforderung darstellen wird. Die Praxis bestätigte all dies, stellte jedoch die Theorie in den Schatten.

TAG24: Das Klinikum konnte rasch Intensivbetten frei machen und Kapazitäten organisieren. Wo sehen Sie Stärken und Schwächen?

Dr. Alexander Koch: Kliniken in Deutschland verfügen technisch über eine höhere Anzahl an Intensivkapazitäten als personell betreibbar. Der oben bereits angesprochene Fachkräftemangel ermöglicht es nicht, Personalressourcen nennenswert aufzustocken. Demnach handelt es sich primär um Umverteilungsvorgänge. In der Folge mussten und müssen - zu Lasten der nicht von Covid-19 betroffenen Patientinnen und Patienten - Leistungen wie Untersuchungen, Operationen, planbare Intensivtherapien, etc. phasenweise mehr oder weniger eingeschränkt werden. Die Versorgung von dringenden Notfällen war und ist dennoch jederzeit gewährleistet.

Corona-Krise: Pflegepersonal durch Pandemie sehr belastet

Das Coronavirus ist eine enorme Belastung für die Pflegekräfte.
Das Coronavirus ist eine enorme Belastung für die Pflegekräfte.  © cdc/zuma/press/dpa

TAG24: Wie ist es Ärzten und Pflegekräften ergangen?

Dr. Alexander Koch: Die Pandemie fordert das Personal physisch und psychisch in einer bisher nicht bekannten Intensität und Dauer. Es handelt sich gewissermaßen um einen Dauerlauf des Gesundheitssystems ohne definierte Laufstrecke. Der Antrieb, Menschen in Not kompetent helfen zu wollen, ist hierbei die Energiequelle.

Derzeit gelingt es den meisten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, diese immer wieder aufzufüllen, im familiären Umfeld, aber nicht zuletzt auch im Team. Diese Kompensationsmechanismen sind enorm wichtig, nicht immer leicht zugänglich und in manchen Fällen versagen sie auch. In der Folge droht die Arbeitsunfähigkeit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Zusätzlich ist Krankenhauspersonal ebenfalls von Covid-19 Infektionen betroffen, bzw. werden zu Kontaktpersonen, wenn zum Beispiel im familiären Umfeld Covid-19 Infektionen auftreten. Auch dies hat Personalausfälle zur Folge und verstärkt Kapazitätsengpässe. Man kann dem Personal, welches 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche und auch an Feiertagen, unter diesen angespannten Verhältnissen ihren hochqualifizierten Dienst an hilfsbedürftigen Menschen erbringt nicht genug danken.

TAG24: Viele Menschen zollen Pflegekräften und Ärzten aktuell ihren Respekt. Wie ist Ihr Eindruck?

Dr. Alexander Koch: Die Wahrnehmung in der Bevölkerung, dass die Berufsgruppen - insbesondere zur Zeit - herausragendes leisten, ist grundsätzlich natürlich begrüßenswert. Insbesondere während der "ersten Welle" waren Sachspenden (z.B. Pizza, Imbiss, etc.) nahezu an der Tagesordnung. Mittel- bis langfristig werden hoffentlich strukturelle Veränderungen zu einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen und damit zu einer Stabilisierung der Fachkräftepersonalsituation führen.

TAG24: Was sollte die Politik aus der Pandemie-Erfahrung aus Ihrer Sicht mitnehmen?

Dr. Alexander Koch: Maßnahmen zur Akquise und Bindung von Fachkräften müssten verbessert werden. Hierbei sollten die Bedürfnisse von bereits Beschäftigten und potenziellen Anwärtern Berücksichtigung finden. Die Pandemie hat den Gesundheitssystemen eindrücklich die elementare Bedeutung von Fachkräften aufgezeigt. (Beatmungs-)Geräte, Räumlichkeiten, Betten und weitere materielle Infrastruktur sind/ist wichtig, aktuell jedoch nicht die Engstelle. Ohne Personal sind Krankenhäuser nicht betreibbar.

TAG24: Was erwarten Sie im kommenden Jahr und was ist Ihr Wunsch für das Jahr 2021?

Dr. Alexander Koch: Vermutlich wird ein Nachlassen der Pandemie-bedingten Belastungen ab März/April zu verzeichnen sein. Mutmaßlich hält diese Situation den Sommer über an. Spannend wird dann zu beobachten, wie sich die Situation zum Herbst 2021 hin darstellt. Verschiedene Faktoren wie Impfstatus, Herdenimmunität, Einhaltung von Hygienemaßnahmen (z.B. auch Urlaubs-/Reiseverhalten), etc. sind die nur unscharf zu prognostizierenden Einflussfaktoren.

Wünschen darf man sich eine Annäherung zur "Normalität", wenngleich eine vollständige Rückkehr dorthin im Jahr 2021 mutmaßlich noch nicht eintreten wird. Auch kann dies nur schrittweise und kontrolliert erfolgen, zudem bedarf es der geschlossenen Beteiligung der Bevölkerung.

Titelfoto: cdc/zuma/press/dpa/ Klinikum Esslingen (Fotomontage)

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