"Wir rechnen stets mit einer zweiten Welle": Intensiv-Chefarzt im Interview

Esslingen - An das Wort "Coronavirus" haben sich die Menschen inzwischen gewöhnt, die Zahlen der Infizierten steigen nicht mehr so rasant an. Doch Zeit zum Aufatmen ist noch lange nicht. Berichte über Spätfolgen der Erkrankung und schwere Verläufe werden immer häufiger. Der Lockdown ist beendet und die Abstandsregelungen sind gelockert. Steht uns eine zweite Welle bevor? 

Im April hatte TAG24 mit dem Intensiv-Chefarzt am Klinikum Esslingen, Dr. Alexander Koch, über das Coronavirus und seine Behandlung gesprochen. Nun berichtet der behandelnde Arzt von seinen weiteren Erfahrungen und gibt uns eine Einschätzung über die Gefahren des Virus. 

Als Chefarzt der Intensivstation behandelt Dr. Alexander Koch mehrere Covid-19-Patienten.
Als Chefarzt der Intensivstation behandelt Dr. Alexander Koch mehrere Covid-19-Patienten.  © Klinikum Esslingen

TAG24: Das Klinikum Esslingen hat mehrere Covid-19-Patienten behandelt. Wie waren die Verläufe der Erkrankungen?

Dr. Alexander Koch: Als Klinikum der Zentralversorgung haben wir das gesamte Spektrum der Schweregrade der Erkrankung behandelt. Das heißt von nahezu keinen Symptomen bis hin zur schwersten Ausprägung mit hochgradiger Schocklunge, verbunden mit der Notwendigkeit einer Behandlung an einer künstlichen Lunge außerhalb des Körpers (ECMO).

TAG24: Haben sich manche Patienten besonders schnell erholt oder hatten einen besonders schweren Verlauf? Gibt es hierfür Gründe?

Dr. Alexander Koch: In Anlehnung an das oben genannte breite Spektrum der verschiedenen Schweregrade der Erkrankung, konnten Patienten mit leichten Verläufen schneller entlassen werden als Patienten mit schweren Verläufen, die teilweise drei oder mehr Wochen auf der Intensivstation und im Anschluss noch viele weitere Tage im Klinikum behandelt werden mussten. 

Eine schwer ausgeprägte Schocklunge bedarf grundsätzlich einer mehrtägigen Intensivtherapie, die COVID-19 assoziierte Schocklunge unterscheidet sich nochmal durch eine deutlich verlängerte Therapiebedürftigkeit. Risikofaktoren für einen schweren Verlauf stellen insbesondere hohes Lebensalter, männliches Geschlecht, Bluthochdruck, Diabetes, Herz- oder Lungen-Vorerkrankungen sowie Übergewicht dar. 

Allerdings gibt es auch tragische Verläufe bei jungen und vormals gesunden Patienten.

TAG24: Können derzeit bereits Langzeitfolgen des Coronavirus erkannt werden?

Dr. Alexander Koch: Schwere Verläufe können zu lebenslangen Schäden an der Lunge führen (Atemnot, reduzierte körperliche Belastbarkeit). Auch neurologische Langzeitschäden (Schwindel, Müdigkeit, Geruchs- und Geschmacksstörungen) sind ebenso beschrieben, wie das Herz betreffende zu vermuten sind. Zudem werden dauerhafte Nierenschädigungen beobachtet.

Die Hälfte der beatmeten Covid-19-Patienten stirbt

Das Coronavirus im Detail.
Das Coronavirus im Detail.  © cdc/zuma/press/dpa

TAG24: Hat sich Ihre Meinung über die Gefährlichkeit des Virus seit Beginn der Pandemie verändert?

Nein, nicht wesentlich. Ich hatte bereits vor der Pandemie großen Respekt vor dem Virus und halte ihn weiterhin für eine ernstzunehmende Bedrohung per se. So zeigen aktuelle Studienergebnisse aus Deutschland, dass etwa die Hälfte (53%) der COVID-19 Patienten, die beatmet werden müssen, versterben.

Unabhängig davon gibt es Hinweise darauf, dass die Menge an Viren, die im Rahmen einer Ansteckung übertragen werden, einen Einfluss auf den Schweregrad der Erkrankung haben könnte. Daher sind neben den Lockdown-Maßnahmen auch die alltäglichen Hygienemaßnahmen Abstand halten, Händehygiene, Alltagsmaske (AHA-Maßnahmen) von großer Bedeutung. Sie tragen zu einer Reduktion der Infektionsfälle und vermutlich auch deren Schweregrade bei. Daher müssen diese, auch während der Urlaubs- und Reisezeit, unbedingt weiter berücksichtigt werden.

TAG24: Der Shutdown ist beendet, viele Lockerungen umgesetzt. Rechnen Sie mit einer zweiten Welle?

Dr. Alexander Koch: Wir rechnen stets mit einer zweiten Welle. Solange diese flach bleibt, die Kliniken in Deutschland weiterhin hinsichtlich ihrer Kapazitäten vernetzt bleiben, und insbesondere das Personal vorhalten können, sollten wir jedoch in der Lage sein, diese zu beherrschen.

TAG24: Welche Befürchtungen haben Sie im Hinblick auf das Coronavirus?

Dr. Alexander Koch: Das Zusammentreffen einer schnell zunehmenden hohen zweiten Welle mit einem Gesundheitssystem, welchem es an Personalressourcen mangelt. Entsprechend hoffe ich, dass gesundheitspolitische Maßnahmen beide Aspekte berücksichtigen und angehen.

Titelfoto: cdc/zuma/press/dpa/ Klinikum Esslingen (Fotomontage)

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