Plötzlich Burger-Taxi: Gastronomen stellen quasi über Nacht auf Lieferdienst um

Gießen - Die Tresen und Tische sind verwaist, doch in einigen hessischen Restaurantküchen geht es trotz Corona-Schließung heiß her. Quasi über Nacht sind zahlreiche Gastronomen ins Liefergeschäft eingestiegen, um ihre Existenzen zu sichern, jetzt, da sie keine Gäste mehr in ihren Lokalen bewirten dürfen.

Ein Mitarbeiter des Gießener Burger-Restaurants "Gutburgerlich" bringt mit einem Lastenfahrrad Essen zu Kunden.
Ein Mitarbeiter des Gießener Burger-Restaurants "Gutburgerlich" bringt mit einem Lastenfahrrad Essen zu Kunden.  © dpa/gutburgerlich

"Es ist Learning by Doing", erzählt Shadi Souri, der in der Uni-Stadt Gießen die Pizzeria "Pizza Wolke" betreibt. 

Und ein Kraftakt: Die ersten vier Stunden als Lieferdienst seien anstrengender gewesen als 16 Stunden in der Küche zu stehen.

Doch der Zuspruch der Kunden sei groß. Und damit auch die Hoffnung, die Krise zu überstehen.

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Seit dem vergangenen Samstag sind die Lokale in Hessen geschlossen. Die Zwangspause gehört zu den Maßnahmen, mit denen Kontakt eingeschränkt und das Coronavirus ausgebremst werden soll.

Gastronomen dürfen Essen aber noch abgeben oder ausliefern. "Das Schwierigste war, die Touren zu planen. Wo fährst du jetzt als Erstes hin, damit es am besten passt?", erzählt der 29-jährige Souri von den ersten Erfahrungen im mobilen Geschäft.

Alles an der schnellen Umstellung auf den Außer-Haus-Betrieb sei eine große Herausforderung, berichtet auch Minas Adis vom Gießener Burger-Restaurant "Gutburgerlich". "Alle wollen zur gleichen Zeit essen."

Es sei unfassbar schwierig, die Bestellungen und Logistik zu koordinieren. Improvisieren gehört dazu: "Wir haben uns Autos geliehen, von meiner Mutter, mein Vater von seiner Mutter", erzählt der 32-Jährige. Auch Lastenräder seien im Einsatz. Sogar befreundete Taxifahrer lieferten mit aus.

Gießener Gastronomen gründen Internet-Plattform www.giessenteiltaus.de

Shadi Souri, der Betreiber der Pizzeria "Pizza Wolke“, hat sich mit anderen Gastronomen in Gießen zusammengetan und eine Internetseite ins Leben gerufen, um auf die neu gegründeten Lieferdienste der jeweiligen Betriebe aufmerksam zu machen.
Shadi Souri, der Betreiber der Pizzeria "Pizza Wolke“, hat sich mit anderen Gastronomen in Gießen zusammengetan und eine Internetseite ins Leben gerufen, um auf die neu gegründeten Lieferdienste der jeweiligen Betriebe aufmerksam zu machen.  © dpa/privat/Souri

Nach Einschätzung von Julius Wagner, Hauptgeschäftsführer des hessischen Hotel- und Gastronomie-Verbandes Dehoga, kann der Einstieg in den Lieferservice in dieser Situation den Wirten helfen. "Weil es Geschäft generiert. Und es schafft zumindest Bewegung in den Betrieben, die ansonsten ja total tot sind. Ich glaube, das ist auch psychologisch ein wichtiger Aspekt."

Die Umstellung an sich sei gar nicht so sehr das Problem, glaubt Wagner: "Das ist durchaus machbar, die Gastronomen sind Profis und sicherlich diejenigen, die am nächsten dran sind, um so etwas - auch wenn sie so etwas bisher nicht gemacht haben - schnell umzusetzen."

Mit welchen Maßnahmen und Ideen auch immer die Gastwirte derzeit auf die Krise reagieren - die Stimmung in den etwa 10.000 Restaurant- und Cafébetrieben in Hessen ist Wagner zufolge gedrückt. Ängste, Sorgen, Nöte, Panik, Verzweiflung - es sei alles dabei bis auf gute Stimmung. "Wir haben insgesamt allerdings auch eine Rückbesinnung auf Werte wie Zusammenhalt und Partnerschaft."

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Das ist auch das Rezept in Gießen. Auf Initiative von Shadi Souri haben sich vergangene Woche mehrere Gastronomen getroffen, um zu überlegen, wie sich die Betriebe in der Krise aufstellen können.

Ergebnis: Die gemeinsame Internetplattform www.giessenteiltaus.de, auf der mehr als ein Dutzend Lokale ihr Angebot von Burger und Pizza über Döner, Veganes, Bowls, Eis bis hin zu Wein, Italienisches oder Cocktails öffentlich machen. Gemeinsam nutzen sie den Slogan "Gießen teilt aus" auch in den Sozialen Medien.

"Unsere Reichweite ist gemeinsam eine viel, viel größere, als wenn jeder seinen Krieg alleine kämpft", sagt der 29-jährige Souri. Durch den Zusammenschluss könne man sich auch besser untereinander helfen.

"Es geht echt darum: Wir sind keine Konkurrenten. Ich glaube, das ist ganz, ganz wichtig, dass alle verstehen: Wir haben gerade alle dasselbe Problem." Vor der Corona-Pandemie habe jeder "so ein bisschen seinen eigenen Brei gekocht", räumt Kollege Adis ein. "Aber die Krise hat uns in jedem Fall ganz nah zusammengebracht."

"Den Leuten liegt ja etwas daran, dass es nach der Krise mit der Gastronomie weiter geht"

Auch wenn der Einstieg in den Lieferdienst Wagner zufolge die Betriebe stützen kann - der "Umsatzheilsbringer" werde es nicht sein: "Es ist, glaube ich, sehr, sehr schwierig, ein starkes Liefergeschäft aufzubauen. Es hilft, gar keine Frage, aber ohne Kurzarbeit und auch weitere Reduzierung sämtlicher Fixkosten wird es für die Betriebe schwer, das auszuhalten."

Daher seien die angekündigten Soforthilfen und Finanzspritzen wichtig. Und auch danach benötigten die Wirte noch schnelle und unbürokratische Unterstützung, fordert er.

Die zwei Gießener Gastronomen sind nach den ersten Tagen im Liefergeschäft allerdings sehr zufrieden mit der Nachfrage und der Unterstützung ihrer Kunden.

"Den Leuten liegt ja auch etwas daran, dass es mit der Gastronomie nach der Krise - wann es auch immer sein wird - weitergeht", meint Minas Adis. Zu lange dürfe die Krise aber nicht dauern, sagen beide. Die Ungewissheit sei ein Problem und der Interims-Lieferdienst kräftezehrend.

"Ich hoffe natürlich, dass es so schnell wie möglich rum ist", sagt Adis. "Wir haben die Kunden einfach viel lieber hier bei uns im Haus und sehen ihre Gesichter."

Titelfoto: dpa/gutburgerlich

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