Im Kampf gegen Corona sind neue Ideen gefragt

Sachsen - Die Zahlen der Neuinfektionen steigen weiter, wenn auch weniger rasant. Erst eine Impfung wird das Coronavirus endgültig ausbremsen. Bis diese zur Verfügung steht, müssen wir ersatzweise andere Pläne schmieden, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Inzwischen wird das Virus systematisch immer mehr entschlüsselt. Welche neuen Erkenntnisse konnten Wissenschaftler gewinnen? Und welche neuen Strategien gibt es, um das aggressive Virus zu bändigen?

Virologe Prof. Dr. Alexander Dalpke (48).
Virologe Prof. Dr. Alexander Dalpke (48).  © Holm Helis

Das Co­ro­na­vi­rus - das un­be­kann­te We­sen? Bis­her weiß man: Das SARS-CoV-2-Vi­rus ist hoch an­ste­ckend, wird haupt­säch­lich durch Tröpf­chen­in­fek­ti­on über­tra­gen. 

Die In­ku­ba­ti­ons­zeit (von der An­ste­ckung bis zum Be­ginn der Er­kran­kung) be­trägt bis zu 14 Tage. Wer die Krank­heit Co­vid-19 über­stan­den hat, ist min­des­tens für ei­ni­ge Wo­chen im­mun, kann das Vi­rus nicht wei­ter über­tra­gen.

Dank welt­weit in­ten­sivs­ter For­schung am Erb­gut des Vi­rus wer­den im­mer mehr De­tails be­kannt. 

So steht in­zwi­schen fest: Das Vi­rus ver­än­dert sich - es mu­tiert. "Das pas­siert deut­lich lang­sa­mer als bei­spiels­wei­se beim Grip­pe-Vi­rus. Aber bis­lang konn­ten zwei ver­schie­de­ne Co­ro­na-Vi­rus­ty­pen iso­liert wer­den", sagt Prof. Dr. Alex­an­der Dalp­ke (48), Di­rek­tor des In­sti­tuts für Vi­ro­lo­gie an der Uni­kli­nik Dres­den. 

"Da­bei ist der au­ßer­halb vom Ur­sprungs­ge­biet Wu­han auf­tre­ten­de Vi­rus­typ we­ni­ger krank ma­chend."

Auch war­me Jah­res­zei­ten mag das Vi­rus mög­li­cher­wei­se we­ni­ger. "Laut neu­es­ter Stu­di­en könn­te das Vi­rus wirk­lich tem­pe­ra­tur­ab­hän­gig und da­mit bei hö­he­ren Au­ßen­tem­pe­ra­tu­ren ab 11 Grad nicht mehr so be­stän­dig sein - ähn­lich wie Schnup­fen­vi­ren auch", sagt Prof. Dalp­ke. 

Das hei­ßt: Im Som­mer könn­te die In­fek­ti­ons­ra­te ab­flau­en, im Herbst dann aber wie­der an Fahrt auf­neh­men.

So funktioniert die Antikörper-Therapie

Impfung aus Spenderblut: Antikörper werden aus dem Blutplasma von Patienten gewonnen, die bereits eine Corona-Erkrankung überstanden haben.
Impfung aus Spenderblut: Antikörper werden aus dem Blutplasma von Patienten gewonnen, die bereits eine Corona-Erkrankung überstanden haben.  © dpa/Kay Nietfeld

Bei der "passiven Immunisierung" werden Antikörper aus dem Blutplasma von Patienten gewonnen, die die Krankheit überstanden haben. 

Das soll im chinesischen Shenzhen schon das Leben von fünf Patienten (zwischen 36 und 65 Jahre alt) gerettet haben, die schwer an Covid-19 erkrankt waren und beatmet werden mussten. 

"Antikörper neutralisieren das Virus gewissermaßen", erklärt Prof. Dalpke. Das Verfahren wurde früher zum Beispiel schon zur Masern-Immunisierung eingesetzt, als es noch keinen Impfstoff gab.

Hoffnung: Bis ein Impfstoff zur Verfügung steht, können Antikörper sofort aus Spenderblut gewonnen werden. Weil nur das gelbfarbene Plasma aus dem Blut "gefischt" wird, das der Körper schnell nachbilden kann, können genesene Corona-Patienten häufiger Blut spenden. 

Bei der Spanischen Grippe (tötete zwischen 1918 und 1920 weltweit mehr als 50 Millionen Menschen) konnte durch passive Immunisierung die Sterberate um ein Fünftel gesenkt werden.

Probleme: "Man weiß noch nicht, wie die Antikörper zu dosieren sind, um effektiv wirksam zu sein", sagt Prof. Dalpke. In Deutschland gibt es zudem "erst" 22 .500 Genesene, deren Blut zur Plasma-Gewinnung verwendet werden könnte. Für eine einzelne Immunisierung braucht man ungefähr 250 Milliliter Plasma. Zum Vergleich: Bei Masern reichten 10 Milliliter. Die Antikörper-Therapie muss weiter erforscht werden. 

Prof. Dalpke: "Sie ist zum Beispiel nur in einem frühen Stadium der Covid-19-Erkrankung wirksam, wenn sich das Coronavirus noch nicht in der Lunge festgesetzt hat."

Wie steht es um einen Corona-Impfstoff?

Milliardenfacher Lebensretter in Ampullen: Nur eine Impfung verhindert die weitere Ausbreitung der Krankheit dauerhaft und schützt gleichzeitig die Risikogruppen.
Milliardenfacher Lebensretter in Ampullen: Nur eine Impfung verhindert die weitere Ausbreitung der Krankheit dauerhaft und schützt gleichzeitig die Risikogruppen.  © 123RF/aivolie

Laut Weltgesundheitsorganisation WHO wird derzeit an mehr als 40 Impfstoff-Kandidaten geforscht. Einer wurde Mitte März in den USA schon am Menschen getestet. Der britische Tabakkonzern British American Tobacco (unter anderem Lucky Strike und Dunhill) will sogar einen Impfstoff aus Tabakpflanzen entwickeln.

"Einen wirksamen Impfschutz erwarte ich nicht vor Ende des Jahres", sagt Prof. Dr. Alexander Dalpke. 

Klassische Corona-Impfstoffe wie bei einer Grippeschutzimpfung werden derzeit am Deutschen Zentrum für Infektionsforschung, am israelischen MIGAL-Forschungszentrum, in Großbritannien und auch beim Pharmakonzern Janssen in den USA entwickelt. 

Dabei kommen zum Beispiel abgetötete Viren oder harmlose Viren mit aufgepflanzter Corona-Eiweißhülle zum Einsatz. Sie lösen die Bildung der Antikörper aus, die Corona erkennen und vor der Erkrankung schützen.

Am weitesten fortgeschritten sind neuartige sogenannte RNA-Impfstoffe. "Sie regen unsere Körperzellen an, die Oberflächeneiweiße des Coronavirus selbst zu produzieren, um dann die immun machenden Antikörper zu bilden", erklärt Prof. Dalpke. 

RNA-Impfstoffe erforschen die jüngst von Donald Trump umworbene Firma CureVac aus Tübingen oder das US-Unternehmen Moderna.

Hoffnung: "Der neue Impfstoff müsste nicht erst wie bislang zum Beispiel in Hühnereiern herangezüchtet werden, sondern wäre schnell und in großen Margen herstellbar", sagt Prof. Dalpke.

Problem: Noch gibt es keinen einzigen RNA-Impfstoff. Bislang werden RNA-Impfungen gegen Zika- und Tollwut-Viren erprobt.

Gibt es schon Medikamente?

Genesene retten Erkrankte: Wenn die Antikörpertherapie die Krankheit abschwächt, werden künftig auch weniger Beatmungsplätze benötigt.
Genesene retten Erkrankte: Wenn die Antikörpertherapie die Krankheit abschwächt, werden künftig auch weniger Beatmungsplätze benötigt.  © dpa/Kay Nietfeld

"Ein wirksames Medikament gegen Covid-19 gibt es noch nicht. Es wird aber vor einem Impfstoff verfügbar sein", sagt Prof. Dalpke. 

Man behilft sich derzeit mit antiviralen HIV-Medikamenten, dem alten Malaria-Mittel Resochin (Wirkstoff Chloroquinphosphat) oder dem bereits in China, den USA und Deutschland getesteten Remdesivir - ein experimenteller Wirkstoff, der eigentlich gegen Ebola entwickelt wurde. 

Das Bundesgesundheitsministerium hat sich außerdem gerade mit der antiviralen Grippetablette Avigan eingedeckt, für das vielversprechende klinische Studien aus Japan und China vorlägen.

Hoffnung: Etablierte Arzneien sind bereits erprobt, Nebenwirkungen bekannt.

Probleme: Viele nehmen die Alternativmedizin prophylaktisch, leiden unter Nebenwirkungen wie Herzrhythmusstörungen - Lebensgefahr!

Antikörper-Massentests

Ein Startup-Unternehmen forscht zur Entwicklung menschlicher Antikörper und versucht so Medikamente gegen Covid-19 zu entwickeln.
Ein Startup-Unternehmen forscht zur Entwicklung menschlicher Antikörper und versucht so Medikamente gegen Covid-19 zu entwickeln.  © dpa/Ole Spata

Mit Schnelltests sollen Antikörper gegen das Sars-CoV-2-Virus im Blut nachgewiesen werden. "Durch solche Screenings kann der tatsächliche Ansteckungsgrad der Bevölkerung ermittelt werden", sagt Prof. Dalpke. 

"Weil die Krankheit in 80 Prozent der Fälle nahezu symptomarm verläuft, könnten sich bis zu zehnfach mehr Menschen unentdeckt infiziert haben, als bislang durch Tests ermittelt wurde."

Hoffnung: Die Antikörper-Tests zeigen an, wie intensiv das Coronavirus die Bevölkerung schon durchseucht hat - eine Voraussetzung, um Kontaktbeschränkungen zu lockern. In München und Heinsberg sind erste Test-Reihen angelaufen. 

Wer die Abwehrstoffe im Blut hat, könnte in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen eingesetzt werden und dort sogar ohne eigene Schutzmaßnahmen arbeiten.

Probleme: "Die Qualität der verfügbaren Tests ist derzeit noch mäßig", sagt Prof. Dalpke. Die Lieferzeit der Test-Kits beträgt zudem drei bis vier Wochen und sie stehen noch nicht in ausreichender Zahl zur Verfügung.

Was bringen Verfolgungs-Apps?

Smarter Kontaktfinder: Laut ARD-"Deutschlandtrend" würden 47 Prozent aller Wahlberechtigten eine Tracking-App installieren.
Smarter Kontaktfinder: Laut ARD-"Deutschlandtrend" würden 47 Prozent aller Wahlberechtigten eine Tracking-App installieren.  © Archiv

Mit Tracking-Apps auf dem Handy können positiv auf das Coronavirus getestete Personen andere warnen, die in den letzten 14 Tagen (Inkubationszeit) in näherem Kontakt mit dem Infizierten waren. 

Wie erfolgreich in Südkorea, Taiwan, Hongkong oder Singapur praktiziert, begeben sich die potenziell Corona-Verdächtigen dann in persönliche Quarantäne. 

"Wir werden solche Apps in absehbarer Zeit alle nutzen, und zwar freiwillig", prophezeite am gestrigen Samstag der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer (44, CDU).

Hoffnung: Die Verbreitung des Virus wird ausgebremst. Nur die potentiellen Gefährder müssen sich gezielt in Isolation begeben.

Probleme: Aus Datenschutzgründen wird die Nutzung der App hierzulande nur freiwillig sein. Wenn sie aber nicht mindestens 70 Prozent der Bevölkerung nutzen, ist sie wertlos. Ausgerechnet die Hochrisikogruppe der älteren Menschen nutzt kaum Smartphones.

So steht es um die Maskenpflicht

Wettlauf mit der Zeit: Flächendeckende Corona-Tests und das konsequente Tragen solcher Atemschutzmasken im öffentlichen Raum könnten nach dem "Shutdown" neue Strategien sein, bis es eine Impfung gibt.
Wettlauf mit der Zeit: Flächendeckende Corona-Tests und das konsequente Tragen solcher Atemschutzmasken im öffentlichen Raum könnten nach dem "Shutdown" neue Strategien sein, bis es eine Impfung gibt.  © dpa/Felix Hörhager

"Weil ein Mund-Nasen-Schutz die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung reduziert, wäre er in der jetzigen Situation überlegenswert", sagt Prof. Dalpke.

Hoffnung: Die Ausbreitung des Virus verlangsamt sich.

Problem: Der Schutz vor einer Infektion ist wissenschaftlich nicht belegt, lenkt sogar von anderen Schutzmaßnahmen wie Abstand halten und Händewaschen ab. Es stehen zudem nicht einmal genügend Masken für Schutzbedürftige zur Verfügung.

Risiko-Kliniken & Spezialisierte Altenheime

Bis es Medikamente oder eine Impfung gibt, müssen Risikopatienten und Ältere besonders geschützt bleiben.
Bis es Medikamente oder eine Impfung gibt, müssen Risikopatienten und Ältere besonders geschützt bleiben.  © dpa/Oliver Berg

Dabei werden wie derzeit in Berlin spezielle Kliniken eingerichtet, die nur noch Corona-Patienten aufnehmen. Alten- und Pflegeheime bleiben isoliert.

Hoffnung: Es muss nicht mehr die gesamte Bevölkerung auf Abstand gehen.

Problem: Die lange Isolation von Alten und Risikopatienten führt auf Dauer zu psychischen Erkrankungen.

So machen es die Schweden

Geselligkeit frisst Ängste auf: In Schweden dürfen noch bis zu 50 Personen zusammen feiern.
Geselligkeit frisst Ängste auf: In Schweden dürfen noch bis zu 50 Personen zusammen feiern.  © Graham Oliver

Während sich ganz Europa abgeschottet hat, laufen in Schweden das öffentliche Leben und die Wirtschaft weiter. 

Kitas, Grundschulen, Cafés und Restaurants sind weiter geöffnet, Besuche in Altenheimen dagegen untersagt. 

Das Land baut im Kampf gegen Corona mehr auf Hygiene-Empfehlungen als Verordnungen, vermeidet damit Angst und Hysterie.

Hoffnung: Schweden setzt auf eine rasche Durchseuchung der Bevölkerung. Die Epidemie verläuft schneller. Risikogruppen werden besonders geschützt.

Problem: Niemand kann heute abschätzen, ob der Anstieg der Infektionskurve niedrig genug bleibt, um das schwedische Gesundheitssystem nicht zu überlasten. In Großbritannien ging diese Strategie schief. Schweden ist jedoch weniger dicht besiedelt.

Diese Begriffe solltet Ihr kennen

Das neuartige Coronavirus heißt SARS-CoV-2. Die Krankheit, die es auslöst, wird Covid-19 genannt.

Herdenimmunität besteht, wenn eine Bevölkerung so weit gegen einen Erreger immun ist, dass keine Epidemie mehr ausbricht, wenn der Erreger neu auftritt. Prof. Dalpke: "Für eine Herdenimmunität müssen sich beim SARS-CoV-2 etwa 60 bis 70 Prozent der Gesamtbevölkerung infiziert haben." Dann hat sich das Virus quasi totgelaufen.

Antikörper sind kleine Eiweißpartikel im Blut, die der Körper als Reaktion auf Krankheitserreger bildet. Antikörper docken sich als Signalgeber für das Immunsystem an den fremden Eindringling an, sodass er vernichtet werden kann.

Titelfoto: dpa/Kay Nietfeld, Archiv, Holm Helis

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