Kommt jetzt die große Pleitewelle?

Dresden - Droht jetzt auf einen Schlag die große Pleitewelle? Ab dem morgigen Montag müssen Unternehmen wieder Insolvenz beantragen, wenn sie durch Corona nicht mehr zahlungsfähig sind. Die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht lief am Freitag aus. Stehen jetzt Tausende Jobs auf der Kippe, an denen Familienexistenzen hängen? Wir fragten Prof. Joachim Ragnitz (60), Vize-Chef des Dresdner ifo-Instituts. Er spricht über wirtschaftliche Sorgen und Perspektiven sowie das Paradoxon steigender Produktivität in der Pleitewelle.

"Wir müssen wieder mehr Wachstum hinkriegen": Prof. Joachim Ragnitz (60), stellvertretender Leiter der Dresdner Niederlassung des Instituts für Wirtschaftsforschung (ifo) steht im Interview Rede und Antwort.
"Wir müssen wieder mehr Wachstum hinkriegen": Prof. Joachim Ragnitz (60), stellvertretender Leiter der Dresdner Niederlassung des Instituts für Wirtschaftsforschung (ifo) steht im Interview Rede und Antwort.  © Thomas Türpe

TAG24: Herr Prof. Ragnitz, Ende April ist die Aussetzung der Insolvenzmeldepflicht abgelaufen. Rechnen Sie jetzt mit einem rapiden Anstieg der Firmenpleiten?

Ragnitz: Die Insolvenzen sind schon in den ersten zwei Monaten dieses Jahres kräftig gestiegen. Man wird davon ausgehen müssen, dass sich dieser Trend im weiteren Jahresverlauf fortsetzt. Zum Glück handelt es sich dabei aber meist um eher kleine Unternehmen aus den besonders unter den Schließungen leidenden Branchen – damit besteht die Hoffnung, dass der Konkurs eines einzelnen Unternehmens nicht dazu führt, dass weitere Betriebe mit in den Abgrund gezogen werden.

TAG24: In welchen Wirtschaftsbereichen rechnen Sie jetzt, insbesondere mit einer Pleitewelle?

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Ragnitz: Besonders betroffen sind das Gastgewerbe, das Veranstaltungsgewerbe, Reiseveranstalter und Teile des stationären Einzelhandels. Zwar hat der Staat zahlreiche Hilfsprogramme geschnürt, aber selbst wenn die Gelder rechtzeitig fließen, wird dadurch nur ein Teil der Verluste abgedeckt. Wer keine ausreichenden Reserven mehr hat, kann dann schnell zur Schließung gezwungen sein. Das muss noch nicht einmal im Wege der Pleite sein. Auch die "stillen" Geschäftsaufgaben nehmen deutlich zu.

"Der ansteigende Trend von Firmeninsolvenzen wird sich fortsetzen": Im Einzelhandel wird es wohl eher kleine Unternehmen treffen.
"Der ansteigende Trend von Firmeninsolvenzen wird sich fortsetzen": Im Einzelhandel wird es wohl eher kleine Unternehmen treffen.  © imago/Michael Weber

TAG24: Dem Tal der Tränen im Dienstleistungssektor steht gleichzeitig ein Boom in der Industrie gegenüber. Hinterlässt Corona eine gespaltene Wirtschaft?

Ragnitz: So richtig stark betroffen sind ja nur einige wenige Dienstleistungsbranchen, und diese sind im Ganzen gesehen von eher geringer Bedeutung. Insoweit würde ich nicht von einer "gespaltenen Wirtschaft" sprechen. Abgesehen davon: In Bereichen wie dem Tourismus oder dem Gastgewerbe werden auch wieder neue Unternehmen entstehen, wenn die Krise erst einmal vorbei ist. So hart das für die Betroffenen klingen mag: Auf längere Sicht muss man sich aus einer gesamtwirtschaftlichen Perspektive wohl keine Sorgen machen.

TAG24: Sollte die Ausnahmeregel nicht besser bis Ende des Jahres verlängert werden, wenn die Corona-Welle abgeebbt ist?

Ragnitz: Die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht schützt im Prinzip ja auch Unternehmen, die nicht wegen Corona zahlungsunfähig geworden sind, also kein funktionierendes Geschäftsmodell mehr haben. Diese müssen aber aus dem Markt ausscheiden, auch um deren Gläubiger und Kunden zu schützen. Insoweit sollte die Ausnahmeregel nicht verlängert werden. Wenn der Staat helfen will, dann über weitere Unterstützungsleistungen für die am stärksten von den Schließungen betroffenen Bereiche.

TAG24: Mit welchen Verwerfungen rechnen Sie bei einem Sparkurs und wenn die Hilfen zu früh auslaufen?

Ragnitz: Durch die Coronakrise werden am ehesten jene Unternehmen aus dem Markt ausscheiden, die ohnehin nur wenig leistungsfähig sind. Paradoxerweise wird das durchschnittliche Produktivitätsniveau also ansteigen, wenn es zu Unternehmensschließungen kommt, allerdings bei einem geringeren Beschäftigungsniveau. Man wird deshalb vor allem dafür sorgen müssen, dass bei einem wieder einsetzenden Aufschwung möglichst viele der Betroffenen rasch wieder in Arbeit kommen. Die zunehmende Fachkräfteknappheit kann dabei helfen. Gegebenenfalls muss der Staat aber auch noch stärker in die Weiterbildung von Arbeitslosen investieren.

"Infektionszahlen runterkriegen": Zu lasche Lockdown-Maßnahmen senken die Inzidenz zu langsam und ziehen damit die wirtschaftliche Erholung unnötig in die Länge.
"Infektionszahlen runterkriegen": Zu lasche Lockdown-Maßnahmen senken die Inzidenz zu langsam und ziehen damit die wirtschaftliche Erholung unnötig in die Länge.  © imago images/Westend61

TAG24: Was glauben Sie, wie lange müssten Corona-Beschränkungen wie Ausgangsrestriktionen und Testpflichten noch aufrechterhalten werden, bis sich die Geschäftslage wieder normalisiert hat?

Ragnitz: Unsere Befragungen zeigen, dass die Unternehmen im Schnitt noch bis Ende des Jahres mit einer Beeinträchtigung der Geschäftslage rechnen. In manchen Bereichen wird es schneller gehen, anderswo aber auch länger brauchen. Wichtig ist auf jeden Fall, dass man die Infektionszahlen runterkriegt. Je schneller das gelingt, umso besser auch für die Wirtschaft.

TAG24: Würde eine Öffnung von Handel, Gastronomie und Reisewirtschaft für Geimpfte - so wie sie neben Sachsen auch Berlin, Mecklenburg-Vorpommern und Bayern einführen - die Lage entschärfen?

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Ragnitz: Ich bin da skeptisch. Solange die Zahl der vollständig Geimpften so gering ist, kann man auch nicht öffnen. Und nach allem, was man hört, ist ja auch nicht klar, ob Geimpfte das Virus vielleicht noch weitergeben können, auch wenn sie selber nicht erkranken. Man kann vielleicht etwas lockern, aber auf alle Vorsichtsmaßnahmen sicherlich noch nicht verzichten.

TAG24: Wie viel Prozent Wertschöpfung wird der Freistaat Sachsen durch die Corona-Pandemie einbüßen?

Ragnitz: Im Jahr 2020 ging die wirtschaftliche Leistung in Sachsen um 4,4 Prozent zurück. Auch das erste Quartal 2021 dürfte nochmals mit einem leichten Wertschöpfungsverlust abschließen. Wir rechnen aber danach mit einem kräftigen Aufschwung, sodass das Vorkrisenniveau Ende dieses Jahres wieder erreicht sein dürfte. Die pandemiebedingten Verluste sind aber wohl dauerhaft, werden also wohl nicht durch ein höheres Wachstum in Zukunft ausgeglichen.

"Vor allem in der Gastronomie werden wieder neue Unternehmen entstehen": Die Pleite der einen ist die Chance der anderen. Noch bleiben die Freisitze auf dem Dresdner Neumarkt vor der Frauenkirche leer.
"Vor allem in der Gastronomie werden wieder neue Unternehmen entstehen": Die Pleite der einen ist die Chance der anderen. Noch bleiben die Freisitze auf dem Dresdner Neumarkt vor der Frauenkirche leer.  © DPA/Robert Michael

TAG24: Mit welcher Arbeitslosenquote rechnen Sie nach Corona?

Ragnitz: Aktuell liegt die Arbeitslosenquote in Sachsen bei 6,3 Prozent. Das sind 0,8 Prozentpunkte mehr als vor der Krise. Wir erwarten, dass die Arbeitslosigkeit sich in den kommenden Monaten wieder deutlich reduziert und im Jahr 2022 wieder auf das Vorkrisenniveau zurückgehen wird.

TAG24: Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (62, CDU) sagte am Dienstag ein Wirtschaftswachstum von 3,5 Prozent für 2021 voraus. Kann die Wirtschaft in Sachsen dieses Jahr genauso gut wachsen?

Ragnitz: Die Wirtschaft in Sachsen wird dieses Jahr wohl etwas schwächer zulegen als die gesamtdeutsche Wirtschaft, denn dynamischster Sektor ist zurzeit die Industrie, und die ist in Sachsen ja nicht so stark vertreten wie in Westdeutschland. Aber die Wirtschaftsstruktur Sachsens hat ja auch dazu beigetragen, dass der Einbruch im vergangenen Jahr nicht ganz so stark war wie in Deutschland insgesamt. Insoweit haben wir, über beide Jahre gesehen, in Sachsen eine Entwicklung, die sich von Deutschland insgesamt nicht großartig unterscheidet.

TAG24: Wie müsste jetzt eine langfristige Perspektive aussehen?

Ragnitz: Langfristig wird es darauf ankommen, überhaupt wieder mehr Wachstum hinzukriegen. Das ist völlig unabhängig von der aktuellen Krise. Man kann zwar mit einer selektiven Industriepolitik versuchen, neue Impulse zu erreichen. Noch viel wichtiger ist es aber, die negativen Auswirkungen des demografischen Wandels auf das Arbeitskräfteangebot auszugleichen. Also entweder Sachsen attraktiver für Zuwanderer zu machen oder verstärkt in Rationalisierungsmaßnahmen zu investieren.

TAG24: Sollte im kommenden Jahr die Schuldengrenze eingehalten werden?

Ragnitz: Die Schuldenbegrenzung des Grundgesetzes bzw. der Sächsischen Verfassung sind ja nicht ausgesetzt. Im Jahr 2022 wird man zur Kompensation von krisenbedingten Steuermindereinnahmen zwar noch einmal den Corona-Bewältigungsfonds in Anspruch nehmen können. Ab 2023 aber muss man zwingend die staatlichen Ausgaben wieder auf das Niveau der regulären Einnahmen zurückführen. Das wird schon heftig. Man muss deswegen dringend alle Ausgaben auf den Prüfstand stellen. Eine Leitlinie könnte dabei sein: Was will man mit dem Einsatz öffentlicher Mittel eigentlich erreichen, nicht: Wie kann ich möglichst viel Geld für bestimmte Zwecke ausgeben.

Titelfoto: Bildmontage: Thomas Türpe, imago/Michael Weber, imago images/Westend61

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