Dresdner Apotheker über Gratismasken-Chaos und das Handeln der Regierung: "Eine Farce"

Dresden - Corona-Schnellschuss bringt zahlreiche Apotheken in Nöte! Drei kostenlose Masken für Personen über 60 sowie Vorerkrankte: Was Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (40) versprach, wird in der Realität zur wahren Herkulesaufgabe für viele Apotheken und Zulieferer. Im Gespräch mit TAG24 hat nun der stellvertretende Geschäftsleiter einer Dresdner Apotheke über das FFP-2-Chaos gesprochen.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (40). Die kostenlosen FFP-2-Masken sind derzeit in und auf aller Munde.
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (40). Die kostenlosen FFP-2-Masken sind derzeit in und auf aller Munde.  © Kay Nietfeld/dpa

Die Schlangen vor und in den Apotheken sind seit dem 15. Dezember merklich länger. Der Grund: Kostenlose FFP2-Masken für alle Menschen über 60 sowie Vorerkrankte.

Ein Milliarden-Geschenk des Bundesgesundheitsministers?

Der Schein trügt. Nicht etwa, weil die durchaus kostspielige Geste unnütz wäre, ganz im Gegenteil, sondern weil sie schlicht und ergreifend für viele Apotheken und Zulieferer mehr oder weniger über Nacht kam und diese nun beinahe erschlägt.

"Es war ein unvorbereiteter Schnellschuss", so Holger Kromnik, stellvertretender Leiter der FetscherApotheke in Dresden.

"Das 'Gratismasken-Projekt'", wie Kromnik es nennt, begann am 9. Dezember. "Da hieß es plötzlich in den Medien, dass ab dem 15. Dezember deutschlandweit alle Apotheken jedem über 60 und jedem Risikopatienten drei Masken kostenfrei auszuhändigen haben."

Das erste Problem folgte auf den Fuß, denn: "Es wurde nicht gesagt, wie viel Geld die Apotheken überhaupt zur Verfügung hätten - eine unglaubliche Farce."

Masken-Deal viel zu kurzfristig, Lieferanten maximal ausgelastet

Die Fetscherapotheke in Dresden. Seit vielen Jahren eine verlässliche Anlaufstelle für seine Kunden.
Die Fetscherapotheke in Dresden. Seit vielen Jahren eine verlässliche Anlaufstelle für seine Kunden.  © privat

Während sich die ersten Kunden also schon einen Plan machten, wann sie am 15. Dezember zur nächsten Apotheke aufbrechen würden, bekamen diese währenddessen häppchenweise neue Informationen, unter welchen Rahmenbedingungen dieser logistisch immense Aufwand überhaupt zu bewerkstelligen sein soll.

"Niemand kann bestellen, ohne zu wissen, über welchen finanziellen Rahmen er verfügt", so Kromink. "Es lag also allein an den Apotheken, in finanzielle Vorleistung zu gehen, ohne zu wissen, wie viele Masken man wirklich benötigen wird."

Die Bestellung an sich stellt die Apotheken und Lieferanten zudem vor das nächste große Problem: "Gerade durch Corona, die Schließung des Einzelhandels und auch dem Weihnachtsgeschäft, sind die Liefer-Unternehmen sowieso schon hoffnungslos überlastet. Wir bekamen Mittwoch die Information, mussten ohne Rahmen kalkulieren und sollten am Montag darauf schon die Masken haben. Ein Irrsinn."

So haben nahezu alle öffentlichen Apotheken, ausgenommen die Versandapotheken, diese sind von dieser Aktion nicht betroffen, deutschlandweit auf einmal bis zu 15.000 Masken bestellt. "Wie soll das stemmbar sein?"

Für den Apotheker ist klar: "Das gesamte Konzept ist undurchdacht"

Ein "zu kurzfristiges und undurchdachtes" Konzept bringt die Apotheken in die Bredouille.
Ein "zu kurzfristiges und undurchdachtes" Konzept bringt die Apotheken in die Bredouille.  © Stefan Jaitner/dpa

Für Kromnik eine nicht nachvollziehbare Art und Weise.

"Wir müssen ins Blaue hinein in Vorleistung gehen, Lieferanten sind am Limit und können nicht pünktlich liefern. Es ist verständlich, dass einige Kunden nicht verstehen können, dass wir nicht einfach an alle Masken austeilen können, obwohl es ihnen von der Politik versprochen wurde."

Das gesamte Konzept ist für den Apotheker "zu kurzfristig und nicht durchdacht".

"Man hätte doch schon im August damit rechnen müssen, dass eine zweite Welle kommen würde und wir vorbereitet sein müssen." Doch genau diese Vorbereitung gab es nicht, stattdessen einen Schnellschuss der Politik, der nun im Chaos endete.

Ein weiteres Problem sei das "Apotheken-Hopping", so Kromnik. Normalerweise stünden nur denjenigen die drei Masken zu, welche im dritten Quartal ein Rezept in ihrer Stammapotheke abgegeben haben. "Das wurde jedoch so nicht kommuniziert."

Vielmehr kommen nun auch Stammkunden anderer Apotheken, welche aus verschiedensten Gründen keine Masken mehr haben und fordern diese nun woanders ein. "Es ist unsererseits ein Entgegenkommen, wenn wir den Leuten dann Masken aushändigen."

Finanziell bleibt man dann auf den Kosten für diese Masken sitzen. Es ist ein Dilemma.

Irrer Aufwand für die Apotheken, Personal wird beschimpft

Drei Masken für Lau. So das Versprechen. Doch die Vergabe hängt an vielen Faktoren.
Drei Masken für Lau. So das Versprechen. Doch die Vergabe hängt an vielen Faktoren.  © Hauke-Christian Dittrich/dpa

Auch die Vergabe als solche stellt die Apotheken vor einen irren Aufwand. Der zusätzliche Ansturm muss abgefedert, Abstandsregeln neben dem Normalbetrieb auch eingehalten werden.

"Wir haben kurzfristig zusätzliche Aushilfskräfte engagiert, die uns dabei helfen, den enormen Ansturm zu bewältigen. Wir müssen uns bei jeder Person natürlich auch ein Bild davon machen, ob ein Anspruch auf die drei kostenfreien Masken besteht, das dauert! Da werden die Schlangen länger, die Leute verständlicherweise ungeduldiger."

Eine Kontrolle, ob jemand schon einmal Masken abgeholt hat, ist unter diesem Zeitdruck ebenfalls nicht machbar. Und auch "mit anderen Apotheken können wir uns aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht austauschen. Wir wissen nicht, ob die Person vielleicht schon irgendwo anders die Masken abgeholt hat."

Im Feuer stehen dann vor allem aber auch die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Apotheken. Sie stehen an vorderster Front und müssen so manche Schimpftirade über sich ergehen lassen.

"Es kommt schon vor, dass man beschimpft wird, dass man mit der Gesundheit der Menschen spiele und ihnen nicht das geben würde, was ihnen zustünde. Wir haben im Gegenzug allerdings auch viel Dankbarkeit erfahren, welche uns die notwendige positive Energie zum Weitermachen gibt", so Kromnik weiter.

Für die kommenden Wochen hoffen die Apotheker auf weitere Lieferungen und "dass die Kunden Verständnis für die Situation aufbringen können."

Titelfoto: Kay Nietfeld/dpa , Stefan Jaitner/dpa , privat

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