Leben im Lockdown, wenn Arbeiten verboten ist: "Ich habe schon manchmal meine Tiefs"

Dresden - Sachsen befindet sich zum zweiten Mal im Lockdown.

Er ist in Dresden geboren: Dirigent Hartmut Haenchen (77).
Er ist in Dresden geboren: Dirigent Hartmut Haenchen (77).  © G. Mothes

Wenn auch der erste Lockdown in Frühjahr und Sommer strenger war, müssen bis 30. November wieder ganze Branchen ihren Betrieb fast völlig einstellen. 

Theater, Museen, Konzert- und Eventbereich, Klubs und Gastronomie sind geschlossen, der Amateursport ist lahmgelegt. Wie meistern diejenigen ihr Leben, die zur Tatenlosigkeit verdonnert sind, was denken sie darüber und wie sichern sie ihr Einkommen? 

Wir stellen Betroffene vor:

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Wenn er in seinem Beruf arbeitet, ist er in der Welt unterwegs. Amsterdam, Brüssel, Venedig, New York und so weiter. Von alldem ist nichts zurzeit, denn Kunst und Kultur, in diesem Fall die Musik, ist, was ihre Leibhaftigkeit im Konzertsaal anbelangt, beinah überall abgeschafft. Für den Dirigenten Hartmut Haenchen (77) ist das eine Zumutung.

So lange Zeit wie jetzt gerade hat Haenchen, 1943 in Dresden geboren, kaum je an einem Stück in seiner Heimatstadt verbracht. 

Zumindest nicht, seit er als Musiker aktiv ist, und das sind mehr als 50 Jahre. Ein freischaffender Kapellmeister ist eben unterwegs. Nun hat Corona den Radius verengt auf sein Haus in Oberloschwitz und die nähere Umgebung. Er erträgt es mit Widerwillen, aus verschiedenen Gründen.

Den zweiten Lockdown findet er fragwürdig

Hartmut Haenchen (77) zivil im Garten beim Bayreuther Festspielhaus 2016.
Hartmut Haenchen (77) zivil im Garten beim Bayreuther Festspielhaus 2016.  © Marjolein van der Klaauw

"Den ersten Lockdown habe ich noch voll unterstützt. Dass wir Musiker uns eine Zeitlang zurückziehen, um dem Infektionsgeschehen etwas entgegenzusetzen, war ein einleuchtender Gedanke", so Haenchen. 

Dagegen empfinde er den zweiten Lockdown als "sehr, sehr fragwürdig". Der Dirigent: "In der Kultur hat man, wie in der Gastronomie, alles Menschenmögliche getan, um gute Hygienekonzepte zu entwickeln. Nach allem, was man bisher weiß, geht von Theater und Konzert kaum Ansteckungsgefahr aus." 

Dadurch, dass Kunst und Kultur so schnell als verzichtbar aussortiert würden, fühlt er auch den Bildungsauftrag missachtet, dem er sich verpflichtet habe. "Durch die Corona-Verordnungen musste ich nun lernen, dass ich zur Unterhaltungsindustrie gezählt werde", sagt er nicht ohne Bitterkeit.

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Seit März hat er, mit Ausnahme eines Auftritts beim Würzburger Mozartfest, kein Konzert, keine Opernaufführung geleitet. Zuletzt war eine Serie mit Wagners "Tristan und Isolde" an der New Yorker MET abgesagt worden. 

Auch die bevorstehenden Auftritte bis Jahresende fallen wie Dominosteine. Sechs Konzerte in Amsterdam, ein Bruckner-Zyklus in Brüssel, eine CD-Aufnahme mit Werken von Richard Wagner in Berlin - alles gestrichen. 

"Es ist ganz einfach", beschreibt der Dirigent seinen augenblicklichen Arbeitsalltag: „Ich lerne immer das Stück, dass noch nicht abgesagt ist. Dann kommt die Absage, und ich lerne das nächste.“ Er sei damit voll ausgelastet.

Nicht auftreten zu können heißt, keine Einnahmen zu erzielen. Seit acht Monaten lebe er ohne regelmäßiges Einkommen, so Haenchen. Finanziell komme er in Bedrängnis. 

Was auch damit zu tun hat, dass Nebeneinnahmequellen wie die Vermietung seiner Ferienwohnung gerade versiegt sind. "Ich lebe derzeit von Reserven", sagt er, "Gott sei Dank habe ich welche". Doch seien sie nicht unerschöpflich. 

Lieber Kunst restaurieren als Musik machen?

Der Dirigent zeigt sich nachdenklich.
Der Dirigent zeigt sich nachdenklich.  © G. Mothes

 Schlimmer noch, findet er, ist die Situation für die Jungen in der Branche. Er sagt: "Für junge Dirigenten, die noch keine Rücklagen haben können, ist das eine totale Katastrophe, und für Studenten in künstlerischen Fächern brechen alle in diesen Jahren wichtigen Möglichkeiten - Wettbewerbe, Meisterkurse, Akademien - weg. Eine ganze Künstlergeneration wird beschädigt."

Die Situation zerrt an ihm. Haenchen: "Ich habe schon manchmal meine Tiefs. Dann denke ich darüber nach, ob ich nicht etwas ganz anderes mache." Kunst restaurieren, zum Beispiel, das ginge auch zu Hause.

Haenchen ist mit seinen 77 Jahren längst in Rente. Doch ist Ruhestand für die meisten Musiker ein absurder Gedanke. Das gilt auch für ihn. 

Auf eine üppige Ruhestandszahlung könne er ohnehin nicht bauen, sagt er: "Ich habe lange Zeit sehr gut verdient, aber das meiste reinvestiert." Ziel der Investition war zuallererst das Berliner Kammerorchester Carl Philipp Emanuel Bach, das er 34 Jahre lang bis 2014 leitete.

Überhaupt: Von einem Tag auf den anderen plötzlich keine Musik mehr machen, wie sollte das gehen? Hartmut Haenchen wird weitermachen, natürlich. 

Und hoffen, dass der weitere Konzertplan zu erfüllen ist. Das nächste nicht abgesagte Konzert ist für ihn am 12. Dezember in Venedig, Mahlers Siebte. Er steckt längst in den Vorbereitungen.

Titelfoto: G. Mothes

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