Hamsterkäufe und Corona-Partys: Experte erklärt Phänomene in Corona-Krise

Stuttgart - Leere Regale in den Supermärkten und Menschen, die noch die letzten Dosen Ravioli in ihren Einkaufswagen laden. Nebenan feiern Leute in großen Gruppen unbeschwert Corona-Partys. Szenen, an die sich viele schon fast gewöhnt haben. 

Insbesondere Toilettenpapier wurde gehortet. (Symbolbild)
Insbesondere Toilettenpapier wurde gehortet. (Symbolbild)  © Rene Traut/dpa

Doch warum "hamstern" manche Menschen hunderte Rollen Toilettenpapier, säckeweise Mehl oder Kartons voll Milch und andere machen sich scheinbar überhaupt keine Sorgen, sondern treffen sich mit vielen Leuten und begrüßen sich mit Küsschen? Wieder andere können an kaum mehr etwas anderes denken, als an die Sorgen über das Coronavirus und die Zukunft? 

TAG24 hat bei Professor Dr. Dr. Martin Bürgy, Leiter des Zentrums für Seelische Gesundheit im Klinikum Stuttgart nachgefragt. 

"Der Begriff ‚Hamstern‘ zielt darauf ab zu bevorraten, Vorräte anzulegen oder anzuhäufen, und damit die Grundbedürfnisse abzusichern", erklärt Bürgy.

Grundbedürfnisse sichern das Überleben der Menschen: Dazu zählen Essen und Trinken, Luft zum Atmen, Kleidung und Geborgenheit. "Das Kaufen von Lebensmitteln und Dingen des alltäglichen Bedarfs zielt darauf ab, in einer Zeit der Verunsicherung menschliche Grundbedürfnisse abzusichern, Geborgenheit und Sicherheit herzustellen", sagt der Psychologe.

Die Krise schafft eine große Verunsicherung in der Bevölkerung. In den letzten Wochen wurde insbesondere das Toilettenpapier knapp und auch das hat einen Grund. 

Wird das Grundbedürfnis des Essens und Trinkens befriedigt, geht automatisch die Verdauung und auch das Ausscheiden damit einher. Daher kaufen die Menschen nicht nur Grundnahrungsmittel, sondern auch Mittel, um sich um die Ausscheidungen zu kümmern. 

Darüber hinaus kommt noch ein weiterer Punkt hinzu, erklärt der Professor. Ausscheidungen seien in unserem Kulturkreis mit negativen Gefühlen, wie Scham und Ekel verbunden: "Die Verwendung von Toilettenpapier ermöglicht die Trennung von Hand und Kot. Toilettenpapier steht damit nicht nur im Kontext der Sicherung der Grundbedürfnisse, sondern hat auch eine kulturell-affektive Komponente die den Verzicht darauf besonders erschwert."

Corona-Partys verleugnen die Gefahren

Prof. Dr. Dr. Martin Bürgy, Leiter des Zentrums für Seelische Gesundheit im Klinikum Stuttgart.
Prof. Dr. Dr. Martin Bürgy, Leiter des Zentrums für Seelische Gesundheit im Klinikum Stuttgart.  © Klinikum Stuttgart

Immer wieder treffen sich Menschen auf sogenannten Corona-Partys. Und auch hier gibt es ein psychologisches Phänomen, das in manchen Fällen dahinter steckt. 

Der Professor weist auf eine "Art Verleugnung von Gefahren hin." Dabei sei eine Gefahr zwar bewusst, aber die Bedrohung und die Angst werde geleugnet. Das Verhalten diene der Angstabwehr.  Es ist "eine Art Rausch, in dem so getan wird, als gäbe es das Virus und die damit verbundene Erkrankung gar nicht oder als sei sie wo anders aber nicht hier". 

Manche verschließen die Augen vor den Gefahren des Coronavirus, andere verzweifeln fast an ihrer extremen Angst. 

Insbesondere für Menschen mit psychischen Erkrankungen sei die Corona-Krise eine besondere Belastung.

"Depressive Menschen beispielsweise mit hypochondrischen Ängsten wittern überall Ansteckung und Gefahr, solche mit der Neigung zu Schuldgefühlen erleben sich in diesen Zeiten mehr noch als zu anderen Zeiten als Belastung für ihre Mitmenschen. Sie ziehen sich daher zurück und kapseln sich sozial ab, wodurch Angst und Sorgen verstärkt werden. Besonders belastet sind aber auch solche, die sich immer schon um die eigene Existenz sorgen und angesichts der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung in diesen Ängsten bestärkt, hoffnungslos und gar lebensmüde werden."

Was können Menschen tun, um sich besser zu fühlen? Der Professor rät, sich über das Virus zu informieren, zu wissen, an welche Regeln man sich halten müsse und wo es zu Ansteckungen komme. "Es gilt die aktuelle Situation anzunehmen, sich mit ihr auseinander zu setzen, und Verhaltensänderungen herbeizuführen", erklärt Bürgy. Das führe zu weniger Unsicherheit.

"Ebenso bedeutsam ist der Blick auf die positiven Entwicklungen, dass sich die allermeisten Bürger auf die Situation eingestellt und ein Bewusstsein entwickelt haben, dass Prävention greifen kann, dass die Zahl der Erkrankungen nicht völlig ungebremst und exponentiell in die Höhe schnellt, dass es eine hohe Zahl an Beatmungsplätzen gibt, dass die Menschen im Gesundheitssystem Beachtliches für die Gemeinschaft leisten, dass Solidarität innerhalb der Bevölkerung, vor allem mit den besonders gefährdeten Alten entsteht", sagt Bürgy. 

Darüber hinaus sei es hilfreich einen Sinn oder eine Aufgabe in der Krise zu erkennen. Das erzeuge Hoffnung und spornt an, die Herausforderung zu bewältigen. 


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Titelfoto: Klinikum Stuttgart

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