Virologe klärt über "Long-Covid" auf: Selbst genesene Patienten sind nicht "gesund"!

München - Das Sars-CoV-2 Virus hat sich innerhalb kurzer Zeit zu einem pandemischen Krankheitserreger entwickelt, der die ganze Welt in Atem hält. Selbst mit Impfungen wird das Virus kaum vom Erdball verschwinden, warnt ein Münchner Virologe.

Ein Pfleger ist hinter einer Schleuse bei seiner Arbeit in einer Schutzausrüstung an einem Corona-Patienten zu sehen.
Ein Pfleger ist hinter einer Schleuse bei seiner Arbeit in einer Schutzausrüstung an einem Corona-Patienten zu sehen.  © Kay Nietfeld/dpa

"Die Pandemie ist mit die größte Herausforderung unserer Zeit", so Dr. med. Oliver Keppler, Vorstand des Max von Pettenkofer-Instituts und Inhaber des Lehrstuhls für Virologie, in einem Vortag der "Corona Lectures" an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

Deutschland befindet sich derzeit mitten in der zweiten pandemischen Welle, mehr als 1,3 Millionen Menschen sind bereits durch die Auswirkungen des Coronavirus auf der Welt gestorben.

Um eine Pandemie als "gefährlich" einzuordnen, sollte man jedoch nicht zu die Rate der Sterblichkeit (Zahl der Todesfälle / Zahl der spezifisch Erkrankten) betrachten.

Vor allem die Überlastung des Gesundheitssystems sollte der Marker sein, um die Krankheit einzuordnen. Denn wenn Krankenhäuser voll sind und Ärzte überlastet sind, wird jede Behandlung andere Patienten zum Problem.

Covid-19 zeigt sich in Abhängigkeit der Demografie, auch Männer scheinen tendenziell schlechtere Verläufe zu haben. Dabei sind aber ein Drittel der Patienten ohne Symptome - man sieht ihnen also nicht an, dass sie infiziert sind, sie können das Virus aber weiter geben.

Bei manchen Patienten hingegen verläuft die Krankheit so schwer, dass sie ins Krankenhaus müssen. Hier liegt die Sterblichkeit dann bei hohen 40 Prozent, erklärt Prof. Keppler.

Langzeitschäden infizierter Patienten bisher kaum zu überschauen

Ein Richtungspfeil zum "Covid-19" Bereich klebt vor einer Intensivstation an der Wand.
Ein Richtungspfeil zum "Covid-19" Bereich klebt vor einer Intensivstation an der Wand.  © Robert Michael/dpa-Zentralbild/dpa

Besorgniserregend sind aber auch Langzeitfolgen einer Infektion, die bisher noch kaum erfasst werden können und voraussichtlich viele Patienten betreffen werden, berichtet der Virologe.

Menschen, die in den Statistiken als wieder "genesen" geführt werden, haben oft weiterhin Probleme.

Von sogenannten "Long-Covid-19" sind auch junge Menschen betroffen, die einen milden Covid-19 Verlauf hatten. "Selbst die Patienten, die als genesen gelten, sind nicht unbedingt gesund und haben ein erhöhtes Risiko, an Long-Covid zu erkranken", warnt Prof. Keppler.

Langzeitfolgen können ein chronisches Erschöpfungssyndrom mit Leistungsverlust sein. Starker Husten und Atemnot plagen Patienten weiterhin. Hinzu können Schmerzen in Kopf, Brust, Muskeln, Gelenken kommen. Wie lange Geschmacks- und Riechstörungen anhalten ist derzeit unbekannt. Auch Haarverlust, Ausschlag und Nierenstörungen wurden als späte Symptome beobachtet.

Der genaue Anteil der aktuell Infizierten, die in Zukunft mit solchen Symptomen zu kämpfen haben werden, ist unklar.

Der Virologe berichtet bereits von Studenten, die ihr Studium nicht mehr fortsetzten können und für die jede kleinste Anstrengung im Alltag zur Hürde wird.

"Herdenimmunität" durch Ansteckung sehr gefährlicher Ansatz

Aufgrund der bisher kaum überschaubaren Spätfolgen wäre die sogenannte "Herdenimmunität", durch eine Durchseuchung der Bevölkerung, ein sehr gefährlicher Ansatz, warnt der Professor.

Eine Impfung scheint daher aktuell das rettende Licht am Ende des Tunnels zu sein. Mehr als 150 laufende Projekte gibt es derzeit, um einen Wirkstoff gegen das Coronavirus zu entwickeln.

Trotzdem sollte man sich gefasst machen: "Das Virus wird nicht mehr vom Erdball verschwinden", betont Prof. Keppler. Zukünftige Wellen treffen die Gesellschaft dann aber hoffentlich mit weniger Wucht.

Den gesamten Vortrag und die anschließende Diskussion mit Prof. Oliver Jahraus, Vizepräsident der LMU, kann man sich >>>hier auf dem Youtube-Kanal der LMU anschauen.

Titelfoto: Bildmontage: Kay Nietfeld/dpa, LMU/Screenshot Facebook @LMU_Muenchen

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