Not macht erfinderisch: Wie Kreative mit dem Corona-Lockdown umgehen

München – Normalerweise kämen auf Thomas Dessau und seiner Party- und Rock 'n' Roll-Band "Cagey Strings" jetzt Wochen mit musikalischer Schwerstarbeit zu: Biergärten-Feste, Isarfahrten, verschiedene Volksfeste und – als Krönung der Saison – das Oktoberfest, bei dem die Münchner Formation seit Jahrzehnten für Stimmung sorgt. 

Thomas Dessau, Musiker der Band "Cagey Strings", sitzt im Probenstudio seiner Band am Schlagzeug.
Thomas Dessau, Musiker der Band "Cagey Strings", sitzt im Probenstudio seiner Band am Schlagzeug.  © Matthias Balk/dpa

Jetzt aber müssen Bühnengarderobe im Kleiderschrank, die Instrumente im Übungsraum bleiben. "Rund 50 Auftritte sind schon abgesagt", verrät der Schlagzeuger, "wir sitzen auf dem Trockenen."

Verzagt will man sich bei den oberbayerischen Stimmungskanonen aber trotzdem nicht geben. Mit einer Video-Reihe in den sozialen Netzwerken und einem Song-Voting wolle man die Fans bei der Stange halten. 

Darüber hinaus arbeite man jetzt an der Fertigstellung einer neuen CD und Dessau gibt Online-Schlagzeugunterricht. Das funktioniere prächtig – wirtschaftlich sei es allerdings nicht mehr als der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein.

"Der Verdienstausfall lässt sich nicht kompensieren", sagt der 54-jährige Musiker, deshalb führe an Arbeitslosengeld II kein Weg vorbei "um die Grundsicherung zu erhalten."

Frühestens im nächsten Frühjahr, zur Faschingszeit, erwarte Dessau eine Rückkehr in die analoge Unterhaltungswelt mit Auftritten. Dann vielleicht mit mehr Shows als in den Vorjahren, denn: "Ich könnte mir vorstellen, dass es einen Nachholbedarf geben wird. Die Leute werden dann umso mehr feiern wollen."

Theater Regensburg streamt Premiere

Gerade Schüler leiden sehr unter der Corona-Krise. (Symbolbild)
Gerade Schüler leiden sehr unter der Corona-Krise. (Symbolbild)  © Julian Stratenschulte/dpa

Wie erfinderisch die kreative Branche auf den Lockdown reagiert, zeigt sich auch am Theater Regensburg. Das "Junge Theater", eine Sparte des Hauses, konnte die Premiere des Stücks "Patricks Trick" – wie geplant – Anfang April durchführen. Natürlich online. 

Dennoch habe man digitale Theaterluft und Premierenzauber bei vielen jugendlichen Theaterfans verbreiten können. "Es haben sich knapp 400 Zuschauer eingeloggt", sagt Lisa Hörmann, Theater-Pädagogin am Jungen Theater Regensburg, "und wir haben eine tolle Resonanz darauf bekommen."

Gründe für digitale Aufführungen gebe es, so Hörmann, gleich mehrere. Zum einen hätten die Schauspieler so die Möglichkeit, weiter aktiv zu bleiben. Zum anderen wolle man damit Kinder und Jugendliche die schwere Zeit etwas erträglicher machen. "Die leiden sehr unter der Situation", sagt Hörmann. 

Sie müssten zu Hause bleiben, könnten nicht mit ihren Freunden spielen und nicht in die Schule gehen. "Mit Internet-Aufführungen wollen wir Lichtblicke setzen und zeigen: Wir sind weiterhin da – und auch noch da, wenn es wieder weiter geht."

Neue Wege für Kontakt mit Publikum

Die Kulturschaffenden entdecken neue digitale Möglichkeiten für den Austausch mit ihrem Publikum. (Symbolbild)
Die Kulturschaffenden entdecken neue digitale Möglichkeiten für den Austausch mit ihrem Publikum. (Symbolbild)  © Christin Klose/dpa-tmn

Ähnliche Botschaften streuen auch die anderen Sparten der Oberpfälzer Spielstätte. So habe ein neu ins Leben gerufener Blog des Theaters bereits mehr als 1600 User erreicht und das Tanzensemble des Hauses konnte mit einem Video ein viel bestauntes Lebenszeichen geben. 

Die neu entdeckten digitalen Möglichkeiten in der Außendarstellung und Kommunikation werde man wohl auch nach überstandener Corona-Krise weiterführen. "Normalerweise kommen wir mit unserem jungen Publikum über Nachgespräche in Austausch. Jetzt suchen wir neue Wege, um trotz physischer Distanz einen direkten Kontakt zu unserem Zielpublikum herzustellen", sagt Hörmann und betont: "Es ist wichtig, dass die Kulturszene nicht vergessen wird – selbst wenn es wirtschaftlich kritisch wird. Denn die Kultur ist ein wichtiger Anker für den Zusammenhalt in der Gesellschaft."

Das dürfte Wasser auf die Mühlen von Oliver Wittmann sein. Der Leiter des Bayerischen Zentrums für Kultur- und Kreativwirtschaft in Nürnberg kämpft schon lange vor dem Corona-bedingten Lahmlegen des Kulturbetriebs für ein zentrales Thema: Den Wert der Kultur. 

Und damit meint Wittmann nicht nur die Download-Mentalität zum Nulltarif: "Ich denke, dass man der Gesellschaft den Mehrwert von kreativem und kulturellem Schaffen verdeutlichen muss. Nicht nur den wirtschaftlichen, sondern – vor allem – den gesellschaftlichen Mehrwert." Dies sei sein Anspruch als Kreativ-Wirtschaftsförderer.

"Förderungsproblematik keine leichte Kost"

Doch dieser Anspruch werde derzeit von den existenziellen Nöten der Kreativen eher in den Hintergrund gedrängt. Die Lage sei "natürlich" auch in Bayern ernst. Wittmann rechnet damit, dass die Branche "bis ins Mark erschüttert" wird. 

Während die Texter und Grafiker in Agenturen und GmbH-Geschäftsformen weniger stark von der Krise betroffen seien, litten freischaffende Künstler und Solo-Selbständige besonders unter den wirtschaftlichen Folgen des Lockdown. Auch weil die "Förderungsproblematik keine leichte Kost" sei.

Eine Kost, die der 45-Jährige mit seinem Team bekömmlicher aufbereiten möchte. Auch durch Sachlichkeit: "Durch die vielen Informationen und Gerüchte, die im Netz kursieren, sind viele verunsichert." 

Zwiespältig sieht der aus Frankfurt/Main stammende Kulturmanager und Jurist auch, dass viele Förderanträge von Künstlern abgewiesen werden – um sie auf Hartz IV zu verweisen. Einerseits sei es gut, dass die Menschen Unterstützung bekämen, um durch die Krise zu kommen. Andererseits hätte er sich einen anderen Namen für diese außergewöhnliche Hilfe gewünscht: "Hartz IV hat viel mit Stigmatisierung zu tun, die Inanspruchnahme kann so mancher Künstler und Kreative nicht mit sich vereinbaren."

Typisch für die kreative Szene sei auch, was gerade alles im Netz an Filmen, Texten und Musik zu finden sei. Der Wunsch zu gestalten, zu formulieren und Neues auszuprobieren, spreche für ein überbordendes kreatives Potenzial der Menschen – leider komme dabei wirtschaftliche Denkweise oft zu kurz: 

"Wir sagen in unseren Beratungsgesprächen immer gerne: Applaus ist keine Währung. Wir wollen helfen, dass die Kreativen von ihrer Arbeit leben können." Während und nach der Corona-Zeit.

Titelfoto: Matthias Balk/dpa

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