Party-Exzesse in deutschen Städten: "Wo sollen sie denn hin?"

München - Die einen wollen nachts draußen feiern, die anderen schlafen - ein Konflikt, der sich während der Corona-Pandemie dramatisch verschärft hat.

Polizeieinsatz in Augsburg: Hunderte junge Leute feierten in der Innenstadt. Bei dem Einsatz seien zahlreiche Beamte verletzt worden, sagte ein Polizeisprecher. Auch auf der Seite der Feiernden habe es Verletzte bei dem Einsatz gegeben.
Polizeieinsatz in Augsburg: Hunderte junge Leute feierten in der Innenstadt. Bei dem Einsatz seien zahlreiche Beamte verletzt worden, sagte ein Polizeisprecher. Auch auf der Seite der Feiernden habe es Verletzte bei dem Einsatz gegeben.  © Andreas Herz/dpa

Polizei und Behörden sind auch dieses Wochenende wachsam. Viele junge Leute sammeln sich in warmen Nächten abends auf Straßen und Plätzen. Immer wieder kommt es zu heftigen Krawallen, so unlängst in Augsburg, München oder Stuttgart.

Beim Deutschen Jugendinstitut (DJI) heißt man diese Eskalation nicht gut. Doch Jugendliche pauschal als Krawallmacher zu verurteilen und öffentliches Feiern zu verbieten, halten die Experten für verkehrt.

"Ein Gegeneinander der Generationen ist alles andere als hilfreich", sagt die Diplompsychologin Nora Gaupp der Deutschen Presse-Agentur in München.

Baerbock über Freiheiten: Erst für alle ein Impfangebot, dann Nachteile für Impfverweigerer?
Coronavirus Baerbock über Freiheiten: Erst für alle ein Impfangebot, dann Nachteile für Impfverweigerer?

Am DJI sucht man nach Gründen, warum es in manchen Nächten eskaliert und etwa Polizisten mit Flaschen beworfen werden. Das Nachtleben vor der Pandemie habe sich verteilt, etwa auf Clubs und Bars.

"Samstagabend in der Disco gab es auch Konflikte", meint der Sozialwissenschaftler Bernd Holthusen. Jetzt verdichte sich alles an wenigen Orten: "Das Einzige, was jetzt noch offen hat, sind die öffentlichen Plätze."

Jugend-Experten fordern Räume in Städten für junge Menschen

Ein Schild weist am Herkulesbrunnen in der Maximilianstraße in Augsburg auf das zeitweilige Verbot von Glasflaschen hin. Die Stadt reagierte damit auf die Party-Exzesse in der Innenstadt.
Ein Schild weist am Herkulesbrunnen in der Maximilianstraße in Augsburg auf das zeitweilige Verbot von Glasflaschen hin. Die Stadt reagierte damit auf die Party-Exzesse in der Innenstadt.  © Stefan Puchner/dpa

Die meisten jungen Menschen seien sehr verantwortungsbewusst. Doch es gebe eine Minderheit von Gewaltbereiten oder gar Straftätern, die sich unter die Feiernden mischten.

Gepaart mit Alkohol, dem Schutz der Dunkelheit und der Menschenmenge könne eine gefährliche Dynamik entstehen. "Jeder hat eine Flasche in der Hand, mit der man auch Unsinn machen kann", sagt Holthusen. Wer dann sage, "hört auf mit dem Scheiß", riskiere, selbst angegriffen zu werden.

Das Feiern im Freien sollte auf gar keinen Fall verboten werden, findet Gaupp. Jugendtypische Räume wie Clubs seien weggebrochen. Junge Menschen müssten ohne Eltern unterwegs sein, sich ausprobieren und Erfahrungen sammeln, auch mit der Liebe.

Coronavirus in Berlin: Inzidenz steigt nach kurzer Pause wieder
Coronavirus Coronavirus in Berlin: Inzidenz steigt nach kurzer Pause wieder

"Es ist nicht naheliegend, dass 20-Jährige das in ihrem Kinderzimmer machen, während die Eltern nebenan fernsehen."

Zudem dürfe man Jugendliche nicht nur unter den Aspekten Schule und Regeln brechen sehen. Denn ihre Bereitschaft, Corona-Maßnahmen zu beachten, sei ausgesprochen hoch.

Kommunen sollten lieber mit jungen Menschen gemeinsam nach Orten zum Feiern suchen, auch mit Blick auf die Zeit nach der Pandemie. Denn auch in Zukunft werde es Konflikte um den öffentlichen Raum geben, gerade in wachsenden Städten wie München, sagt Gaupp.

Viele Junge könnten es sich nämlich nicht leisten, sich gepflegt zum Italiener zu setzen und dafür viel Geld zu zahlen. "Jugendliche kaufen sich eher eine Flasche Weißwein im Supermarkt und setzen sich zusammen an die Isar."

Titelfoto: Andreas Herz/dpa

Mehr zum Thema Coronavirus: