"Querdenken"-Rednerin vergleicht sich mit Sophie Scholl, einem Ordner reißt der Geduldsfaden

Hannover - "Ich fühle mich wie Sophie Scholl": Mit diesem äußerst fragwürdigen Vergleich sorgt eine 22-jährige Rednerin auf der "Querdenken"-Demo in Hannover zurzeit für viel Aufsehen auf Twitter.

Die Rede der jungen "Querdenkerin" wird nach knapp 40 Sekunden von einem wütenden Ordner unterbrochen.
Die Rede der jungen "Querdenkerin" wird nach knapp 40 Sekunden von einem wütenden Ordner unterbrochen.  © twitter.com/MdBdesGrauens

"Hallo, ich bin Jana aus Kassel", so stellt sich die junge "Querdenken"-Demonstrantin am Samstagnachmittag auf einer kleinen Bühne vor dem Opernhaus in Hannover vor. Mit dem zweiten Satz ihrer Protest-Rede stellt sie dann aber gleich mal eine sehr steile These auf.

"Ich fühle mich wie Sophie Scholl, da ich seit Monaten hier aktiv im Widerstand bin, auf Demos gehe, Flyer verteile und seit gestern Versammlungen anmelde", erklärt die junge Dame. Sie sei 22 Jahre alt, eben "genau wie Sophie Scholl bevor sie den Nationalsozialisten zum Opfer fiel".

Sie könne und würde auch niemals aufgeben, sich "für Freiheit, Frieden, Liebe und Gerechtigkeit einzusetzen". Viel weiter kommt sie mit ihrer Ansprache allerdings nicht.

Denn dann tritt auf einmal ein junger Mann vor die Bühne und hält Jana eine orange Weste entgegen. Er scheint ein Ordner bei der Demonstration zu sein, möchte aber offenbar nicht länger Teil der Veranstaltung sein.

Wütend erklärt der Mann: "Für so einen Schwachsinn mach ich keinen Ordner mehr. Das ist Verharmlosung vom Holocaust!"

"Querdenken"-Rednerin stürmt unter Tränen von der Bühne

Eine andere Demonstrantin ruft rein, dass er sie "doch in Ruhe reden" lassen solle. Doch der aufgebrachte Sicherheitsmann denkt gar nicht daran.

Jana entgegnet sichtlich verunsichert: "Was denn für Schwachsinn? Häh, ich hab doch gar nichts gesagt." Daraufhin wird der Mann von mehreren Polizisten von der Bühne weg begleitet, allerdings erklärt er im Weggehen noch, dass Jana wohl "hängengeblieben" sei, weil sie sich mit Sophie Scholl vergleicht.

Die junge Frau dreht sich um, fängt an, hörbar ins Mikrofon zu weinen und stürmt wenige Sekunden später von der Bühne. Die ganze Szene wurde gefilmt und auf Twitter veröffentlicht.

Sophie Scholl kämpfte 1943 gegen die Nazis und wurde dafür hingerichtet

Zur geschichtlichen Einordnung des Vergleichs von Jana aus Kassel: Sophie Scholl kämpfte als Mitglied der Widerstandsbewegung "Weiße Rose" gegen den Nationalsozialismus unter Adolf Hitler.

Am 22. Februar 1943 wurde die Studentin im Alter von 22 Jahren gemeinsam mit ihrem Bruder Hans Scholl von nationalsozialistischen Richtern verurteilt und noch am Tag des Urteils hingerichtet.

Jana ließ sich trotzdem nicht davon abbringen, sich weiterhin mit Sophie Scholl zu vergleichen. Kurz nach ihrem ersten Versuch betrat sie erneut die Bühne und erklärte, dass es sie "sehr schockiert" hätte, dass sie von einem "Passanten oder was auch immer" beleidigt wurde.

Sie fuhr fort mit den Worten: "Ja, egal!" Anschließend wiederholte sie unter dem Applaus der anwesenden Mitdemonstranten ihre Rede inklusive des Vergleichs zwischen sich selbst als Corona-Querdenkerin und einer verstorbenen Widerstandskämpferin gegen die Nazis.

Reaktionen im Netz stehen hinter dem wütenden Ordner

Unter den Twitter-Videos finden sich zahlreiche Kommentare, die vor allem den jungen Ordner bejubeln: "Großartiger Typ" und "ein Mann mit Prinzipien" liest man dort zum Beispiel.

Viele können aber auch gar nicht fassen, dass die Szenen echt und nicht inszeniert sind.

An der Demonstration in Hannover am Samstag haben laut der dpa knapp 900 "Querdenker" teilgenommen. Außerdem hätte es Gegenkundgebungen mit mehr als 300 Teilnehmern gegeben.

Titelfoto: twitter.com/MdBdesGrauens

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