Spazierengehen boomt: Corona-Krise sorgt für großes Bummeln

Tübingen - Das Spazierengehen galt bisher so manchen als biederes Seniorenhobby. Coronavirus und Ausgangsbeschränkungen machen es nun zum Sehnsuchtsprojekt aller Altersklassen.

Zwei Menschen mit Kinderwagen gehen spazieren.
Zwei Menschen mit Kinderwagen gehen spazieren.  © Christophe Gateau/dpa

Ein frustrierter Heimarbeiter wusste einst ob der beflügelnden Wirkung von Frischluft. "Vom Eise befreit sind Strom und Bäche, durch des Frühlings holden, belebenden Blick. Im Tale grünet Hoffnungsglück", jubelte Faust, als er dem Sumpf seines Studierzimmers für einen Osterspaziergang entfloh. 

Wie dem Helden aus Johann Wolfgang von Goethes Drama geht es gerade vielen. Angesichts geltender Ausgangsbeschränkungen, Arbeit im Homeoffice und geschlossenen Spaßbädern ist das Spazierengehen eine der wenigen noch verbliebenen Freizeitmöglichkeiten - und beliebt wie lange nicht.

Seit das Coronavirus grassiert, hat gemächliches Schlendern Hochkonjunktur. Parks und Feldwege sind voll von Solo-Gängern und Duos mit reichlich Luft zwischen sich, wie es die gegenwärtigen Verordnungen vorsehen. "Unser Eindruck ist, dass es die Menschen aufgrund der aktuellen Lage hinaus aus den eigenen vier Wänden, weg von Menschenansammlungen und Städten, raus in die Natur zieht", sagt Julia Metzmann vom Tourismusverband Schwäbische Alb. Der Daueraufenthalt in der eigenen Wohnung löse bei vielen Bedrücken aus. Und durch den Wegfall sonstiger Veranstaltungen und Verpflichtungen bliebe plötzlich mehr Zeit für einen Spaziergang.

Mit der Pandemie änderten sich auch die Protagonisten. Der Spaziergang galt Experten zufolge vor allem als Vergnügen der älteren Generation - adrenalinorientierte jüngere Menschen verschmähten es häufig als biedere Schwester von Hiking, Mountainbiking oder Trailrunning. Zurzeit sind laut Metzmann alle Altersklassen und auch wochentags Jugendliche draußen unterwegs, die sich die Beine vertreten.

Entwickelt hat sich diese Art der Fortbewegung mit dem Bürgertum: "Das Spazierengehen benötigt eine gewisse Distanz zur Natur, um sie ästhetisch genießen zu können", sagt die Dortmunder Kulturwissenschaftlerin Gudrun M. König. Erst der Städter, der nicht mehr auf dem Acker schuften musste, konnte schwelgend promenieren. Seit gut 100 Jahren habe sich dieses Freizeitvergnügen auf alle Schichten ausgedehnt.

Laut König gibt es aber unterschiedliche Varianten eines Spaziergangs: Flanieren durch Parks und Boulevards, vom Drang nach Sehen und Gesehenwerden getriebenes Gehen im Sozialverbund, Streifen durch Wald und Flur, für das der einsame männliche Spaziergänger lange stand, oder der seit dem 19. Jahrhundert ritualisierte familiäre Sonntagsspaziergang.

Spazierengehen wird zum Trend

Menschen in Zweiergruppen oder auf dem Fahrrad unterwegs.
Menschen in Zweiergruppen oder auf dem Fahrrad unterwegs.  © Sebastian Gollnow/dpa

Vom Wandern unterscheidet sich ein Spaziergang hinsichtlich Dauer, Distanz und Anstrengung, sagt König. In der Regel kehrten Spaziergänger wieder zum häuslichen Ausgangspunkt zurück. Kartenstudium, Trekkingstiefel, Proviantberge? Überflüssig. Gerade in Corona-Zeiten erlaubt ein Gang um den Block eine Spontanflucht aus der Enge des Eigenheims. 

Die Kulturwissenschaftlerin hält es für möglich, dass der pandemische Anlass auch Amüsementkonventionen beeinflusst. "Wenn das Wetter stabil freundlicher wird, hat das Spazierengehen das Potenzial, gesellige Funktionen zu zweit und mit Abstand neu zu übernehmen und zu verändern: Statt "Lass uns mal einen Kaffee trinken" heißt es dann "Lass uns mal spazieren gehen"."

Anscheinend wandelt Sars-CoV-2 aber nicht nur die Fortbewegungsweise, sondern auch die Aufmerksamkeit der Menschen. Daniel Schlemonat arbeitet als Ranger im Biosphärengebiet Schwäbische Alb und trifft dort öfters auf passionierte Fußgänger. Er sagt: "Ich habe das Gefühl, die Natur wird gegenwärtig intensiver wahrgenommen."

Coronabedingte Ausflüge in die nähere Umgebung

Spaziergänger entlang des Bodensee-Ufers.
Spaziergänger entlang des Bodensee-Ufers.  © Felix Kästle/dpa

Während Mediziner von den körperlichen und seelischen Vorzügen eines Spaziergangs schwärmen, preisen andere die analytischen Dimensionen des trägen Schritttempos. "Langsamkeit gehört zum Spaziergang dazu. Das Spazierengehen schafft Schönheit. Je intensiver wir die Welt wahrnehmen, desto schöner können wir sie gestalten", sagt der studierte Architekt Martin Schmitz. 

Er lehrt an der Kunsthochschule Kassel Produktdesign - in der Tradition der "Spaziergangswissenschaft". Diesen Kunstbegriff prägte der Schweizer Soziologe und Urbanismus-Kritiker Lucius Burckhardt in den 1980er Jahren als methodisches Instrument, um seit der Nachkriegszeit vor allem autogerecht designte Städte und Mobilitätslandschaften bewusster zu erschließen.

Große Geschwindigkeiten wie beim Autofahren mache die Wahrnehmung abstrakter und undeutlicher, sagt Schmitz. Deshalb läuft er mit Studierenden durch - überregional konform arrangierte - Innenstädte, lässt sie in Gassen links und rechts abbiegen. Das soll planungsideologische Absichten hinter Mauern, Fußgängerzonen und Parkhäusern ins Bewusstsein rücken. Seinen Angaben nach ist auch der Flaneur in der sonnigen Blumenwiese nicht ganz frei in dem, was er sieht: Vorstellungen idyllischer Landschaften etwa folgen demnach medial konsumierten Schablonen.

Schmitz begrüßt die coronabedingten Aufbrüche ins Nahe. Während sie sonst allmorgendlich per Auto aus der Tiefgarage entschwinden, gingen manche Menschen nun zum ersten Mal vom Homeoffice vor die eigene Haustür und zu Fuß durch ihre Nachbarschaft, entdeckten die eigene Umgebung, Perspektiven änderten sich. "Das kann nur gut sein", sagt Schmitz.

Christel Ehlers zielt mehr auf Genuss denn Reflexion. Sie leitet auf der Schwäbischen Alb Führungen durch Kräutergärten und um Seen und beschreibt das Spazierengehen als "eine Art Ferien" - die richtige Taktik vorausgesetzt: "Riechen, hören, schauen, die Sinne öffnen."

Möglicherweise könnten sich dann draußen trotz Krisenmodus Glücksgefühle einstellen, wie schon Goethes Faust sie beschrieb: "Zufrieden jauchzet groß und klein, hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein!"

Titelfoto: Sebastian Gollnow/dpa

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