Coronavirus, Isolation: Tod und Einsamkeit in Seniorenheimen

Bretten/Stuttgart - Wochenlang haben sie durchgearbeitet und alles gegeben.

Schulen öffnen langsam wieder, Läden auch. Aber die Heime bleiben im Krisenmodus. (Symbolbild)
Schulen öffnen langsam wieder, Läden auch. Aber die Heime bleiben im Krisenmodus. (Symbolbild)  © Jonas Güttler/dpa

Clarita Kosel, Pflegedienstleiterin im Altenheim Haus Schönblick in Bretten (Kreis Karlsruhe) ist stolz auf ihre Mitarbeiter, dankbar auch für das Verständnis der Angehörigen und die Hilfe von Freiwilligen. 

Hinter der Einrichtung im Kraichgau, die vom schwersten Covid-19-Ausbruch in Südwest-Heimen betroffen ist, liegen schlimme und kummervolle Wochen. Weit mehr als 60 Mitarbeiter sind infiziert. 

Von den rund 180 Bewohnern hatten sich fast 140 mit dem Coronavirus infiziert, 36 sind inzwischen gestorben. Anfangs hatte das Personal nach Worten Kosels kaum Schutzausrüstung, inzwischen gebe es ausreichend. 

"Die Situation muss nur schlimm genug sein, und plötzlich hat man Unterstützung seitens der Behörden", sagt sie. Es klingt ein wenig bitter.

Dabei ist der wegen Corona oft einsame Tod der alten Menschen in den Einrichtungen, so schlimm das ist, nur das eine. Das andere sind die für Bewohner und deren Angehörige geltenden Ausgangs- und Besuchsbeschränkungen. 

Während Läden schrittweise wieder öffnen und Schulen sich allmählich wieder warmlaufen, waren Pflege- und Altenheime in unverändertem Krisenmodus: Angehörige durften bislang nicht rein, Bewohner nicht raus.

Die Folgen sind aus Sicht der Bundesinteressenvertretung für alte und pflegebetroffene Menschen (BIVA) erschütternd. "Uns erreichen verzweifelte Rückmeldungen von Menschen, deren Angehörige in den Pflegeheimen wegen des Kontaktverbots stark abgebaut haben, die abgemagert sind und einen Rollstuhl brauchen, die vereinsamen, Todeswünsche äußern und unter Depressionen leiden", sagt Sprecher David Kröll.

Isolation führt etwa zu Depression

Die Isolation bringt Depression und Lethargie mit sich. (Symbolbild)
Die Isolation bringt Depression und Lethargie mit sich. (Symbolbild)  © Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Am vergangenen Freitag startete BIVA eine Petition. "Pflegeheimbewohner dürfen nicht länger komplett abgeschottet werden. Besuche von Angehörigen und Betreuern müssen unter Einhaltung von verbindlichen Hygienevorschriften möglich sein", heißt es darin.

Auch das baden-württembergische Sozialministerium hat die Dringlichkeit erkannt und die Arbeitsgruppe "Langzeitpflege" ins Leben gerufen. Resultat: Das Besuchsverbot wird ab sofort gelockert.

Denn "zunehmend wird aus der Praxis berichtet, dass die Menschen in der Isolation mit Depressionen, Lethargie, Appetitlosigkeit und anderen Symptomen reagieren, die ihrerseits schwere gesundheitliche Schädigungen bis zum Tod zur Folge haben", heißt es in einem Schreiben des Ministeriums an die Einrichtungen vom vergangenen Freitag, das der dpa vorliegt.

Nur wie soll das gehen mit den Lockerungen? Die Handreichungen dazu seien bisher vage, moniert Oliver Deppendorf, der in Karlsruhe die Einrichtung Hanne-Landgraf-Haus leitet. "Es fehlt an Schutzausrüstung und an Tests." So würden weiterhin etwa Senioren, die aus anderen Gründen im Krankenhaus waren, bei der Rückkehr ins Pflegeheim nicht auf das Virus getestet.

Mitarbeiter, deren Partner Kontakt mit einer coronainfizierten Person gehabt hätten, bemühten sich vergeblich um Testung. "So wird das nichts. Dabei wären wir die ersten, die die Tore gerne wieder weit aufmachen würden", bedauert Deppendorf. "Es ist eine traurige Zeit."

Um die Folgen für die Bewohner abzumildern, behelfen sich die Einrichtungen mit eigenen Aktionen. Von Balkonen aus oder durch gläserne Schiebetüren hindurch wird Kontaktaufnahme mit Angehörigen ermöglicht. Im Hanne-Landgraf-Haus stehen Laptops zur Verfügung, um mit den Familien zu skypen, also Videoanrufe zu tätigen.

Das böse Erwachen kommt erst noch

In Grünanlagen oder Innenhöfen sind Ausgänge möglich. (Symbolbild)
In Grünanlagen oder Innenhöfen sind Ausgänge möglich. (Symbolbild)  © Christoph Soeder/dpa

In eigenen Grünanlagen oder Innenhöfen werden in kleinen Gruppen Ausgänge ermöglicht. 

Ehrenamtliche, die derzeit Zutrittsverbot haben, legen wie etwa kürzlich zu Ostern Geschenke vor die Tür oder hängen aufmunternde Transparente in Sichtweite auf.

"Ein Ersatz für die Besuche von Angehörigen kann das aber nicht sein", sagt Deppendorf. "Mir fehlen das gemeinsame Frühstück und das Mittagessen", erzählt etwa ein 84 Jahre alter Bewohner eines Stuttgarter Seniorenheims. Frühstück und Abendbrot würden in Tüten an die Türklinke gehängt.

"Die psychischen Folgen, die sozialen Folgen für die Menschen, das kann man nicht nur unter dem Gesichtspunkt von Infektionsschutz sehen", sagt Beatrix Vogt-Wuchter, Leiterin der Abteilung Pflege bei der Diakonie Baden. "Man muss es auch in seiner ethischen Dimension betrachten."

Die Arbeitsgruppe "Langzeitpflege", in der sie mitarbeitet, soll nach Worten des Sozialministeriums weitere Maßgaben erarbeiten. "Der Besuch von Angehörigen muss erlaubt werden, etwa in Außenanlagen", sagt der Vorsitzende des Landesseniorenrats, Uwe Bähr.

Langfristig, so BIVA-Sprecher Kröll, werde man nicht nur sehen, was die zum Schutz der Alten ja durchaus notwendigen Maßnahmen gegen das Virus gebracht hätten - sondern auch, was sie bei den Menschen angerichtet hätten.

Viele unterschätzten, wie sehr die derzeit mit Besuchsverbot belegten Angehörigen normalerweise in den Heimen mit anpackten: etwa beim Essen geben, bei der Mobilisierung durch Ausflüge, mit Gesprächen. "Das alles fällt nun weg."

Das böse Erwachen stehe noch bevor, möglicherweise auch in Bezug auf ein juristisches Nachspiel: "wenn die Angehörigen wieder in die Heime kommen dürfen und sehen, wie es ihren Liebsten wirklich geht."

Titelfoto: Jonas Güttler/dpa

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