Virologe Kekulé: Bei früherer Maskenpflicht "hätten wir Lockdown nicht gebraucht"

Halle (Saale) - Sachsen ist Vorreiter in Sachen Maskenpflicht (TAG24 berichtete). Seit Montag ist es im Freistaat verpflichtend, im Einzelhandel sowie in Bussen und Bahnen eine Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen. Andere Bundesländer ziehen nach, die meisten jedoch frühestens in der kommenden Woche. Doch das kommt zu spät, findet ein renommierter Virologe.

Virologe und Epidemiologe Alexander Kekulé (61) hat sich kritisch zum zeitlichen Ablauf der Antikörperstudie geäußert.
Virologe und Epidemiologe Alexander Kekulé (61) hat sich kritisch zum zeitlichen Ablauf der Antikörperstudie geäußert.  © Screenshot/ZDF-Mediathek

Prof. Alexander Kekulé (61), Virologe und Epidemiologe an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, sprach am Mittwochmorgen im ZDF-Morgenmagazin unter anderem über die Maskenpflicht.

Zunächst war aber die Antikörperstudie des Robert-Koch-Instituts (RKI) Thema, die jedoch erst ab Mai anhand von Stichproben in etwa klären soll, wie viele Menschen, die unwissentlich den Erreger in sich trugen beziehungsweise keine Symptome zeigten, mittlerweile immun gegen Covid-19 sind. 

"Wir sind da schon ein bisschen hinten dran", sagt Kekulé über den zeitlichen Ablauf. "Es ist gut, solche Sachen gründlich zu machen. Aber Heinsberg hat ja gezeigt, dass man solche Studien auch früher beginnen kann. Es ist in der Tat so, dass man Stichproben klug so übers Land verteilt machen kann, dass sie schon einen gewissen repräsentativen Aussagewert haben."

Die Aussagekraft sei aber nur ein ungefährer Wert. "Das Wichtigste ist zu wissen, welche Menschen sich infiziert haben in der jetzigen Situation und was die Probleme sind, warum wir trotz des doch relativ radikalen Lockdowns immer noch so viele Neuerkrankungen haben", erhofft sich der Virologe.

Als "schwierig" betrachtet der 61-Jährige die Meldestrecke der Corona-Patienten durch das RKI. Man wisse nicht, wo sich die Personen angesteckt haben, ob es sich auch um medizinisches Personal handelt. Und auch ob der Lockdown deshalb nicht so gut lief, "weil eine kleine Gruppe der Gesellschaft nicht mitmacht oder weil wir bisher keine Masken getragen haben."

Die Statistiken des RKI geben darüber keinen Aufschluss.

"Es ist bewiesen, dass die Masken einen enormen Effekt haben"

Sachsen ist das erste Bundesland, das eine Bedeckungspflicht im öffentlichen Nahverkehr sowie im Einzelhandel einführte.
Sachsen ist das erste Bundesland, das eine Bedeckungspflicht im öffentlichen Nahverkehr sowie im Einzelhandel einführte.  © Christoph Schmidt/dpa

Seit Anfang März veröffentlicht das Robert-Koch-Institut auch Zahlen der Reproduktion. Sie soll zeigen, wie viele gesunde Menschen ein positiver Covid-Patient ansteckt. 

Zur Hochzeit des Ausbruchs in Deutschland sollen das in der Spitze bis zu knapp 3,5 gewesen sein, danach fiel die Kurve ab, stagniert aber seit dem Lockdown am 23. März um den Faktor 1.  

Auch diese Statistik sieht Alexander Kekulé mit gemischten Gefühlen. "Der Mittelwert über die Reproduktionszahl über die ganze Republik ist etwas trügerisch. Die lokalen Ausbrüche sind wichtiger." 

Auch hier sei die Berechnung des RKI nicht klar, also wie die Werte zustande kommen.

Die laut Kekulé "jetzt endlich eingeführte" Maskenpflicht soll dem Experten zufolge nachweislich zu einer Abflachung der Neuinfektionen führen, "damit wir in einen Bereich der Neuinfektionen kommen, die die Gesundheitsämter noch nachverfolgen können".

Der Mund-Nasen-Schutz schütze "auf jeden Fall den anderen und bis zu einem gewissen Grad, aber nicht zu 100 Prozent, auch einen selber. Es ist bewiesen, dass die Masken in Hongkong einen enormen Effekt haben."

Der Virologe und Epidemiologe vermutet, dass es den Lockdown in Deutschland möglicherweise gar nicht hätte gebraucht, wenn die Maskenpflicht schon eher eingeführt worden wäre. "Nach dem Lockdown haben wir jetzt keine andere Option."

Kekulé appellierte an die Menschen, sich ans Tragen der Bedeckung zu halten. "Ich glaube, es ist immer noch besser, beim Einkaufen und im öffentlichen Verkehr und in bestimmten beruflichen Situationen eine Gesichtsmaske zu tragen als sich noch länger einsperren zu lassen und darauf zu verzichten, was uns wichtig ist."

Titelfoto: Screenshot/ZDF-Mediathek

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