Virologe ist sich sicher: "Herdenimmunität ist nicht zu erreichen"

Hamburg - Dritte Impfung und Herdenimmunität: Virologe Prof. Jonas Schmidt-Chanasit (42) überrascht mit seinen aktuellen Aussagen zu diesen Themen.

Virologe Prof. Jonas Schmidt-Chanasit (42) glaubt nicht an eine Herdenimmunität.
Virologe Prof. Jonas Schmidt-Chanasit (42) glaubt nicht an eine Herdenimmunität.  © dpa/Christian Charisius

Eine "Herdenimmunität ist nicht zu erreichen", sagt der Corona-Experte nämlich jetzt im Interview mit Bild.

"Egal, welche Impfquote wir erreichen, ob 70, 80 oder 85 Prozent - die Impfungen werden die Zirkulation des Virus nicht stoppen", ist sich der Hamburger Virologe sicher. Island zeige dies deutlich. Dort steigen die Inzidenzzahlen derzeit wieder deutlich, obwohl mehr als 80 Prozent der Erwachsenen geimpft ist.

Schmidt-Chanasit weiter: "Jeder wird sich früher oder später infizieren."

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Doch der Experte schränkt ein: Für Geimpfte werde das Virus weniger gefährlich. Dies zeigen auch erste Zahlen des RKI. In Krankenhäusern befinden sich kaum gegen Corona geimpfte Patienten.

Da die Immunisierten das Virus transportieren und weitergeben könnten, spricht sich der Virologe auch für eine Testpflicht von Geimpften aus. "Wenn es um den Zutritt zu sensiblen Bereichen mit stark gefährdeten Personen geht, etwa Kliniken und Pflegeheime", so Schmidt-Chanasit.

Er gäbe zudem zu bedenken, ob "wir als Gesellschaft" weiterhin diese enormen Kosten tragen wollen, um einzelne Infektionen aufzuspüren. Der Corona-Experte führte etwa an, dass es auch mal "200.000 Euro kosten" könne, "um ein einziges positives, aber symptomfreies Schulkind ausfindig zu machen".

"Sind solche Kosten angemessen und gerecht gegenüber beispielsweise den Betroffenen anderer Krankheiten?", fragt Schmidt-Chanasit. Das Geld ließe sich beispielsweise in Krebs-Präventionsprogramme investieren.

"Egal, wie viele Milliarden wir in die Hand nehmen: Das Corona-Restrisiko wird nicht null werden."

Dritte Impfung? Nicht für jeden - und nicht jetzt

Mit Dritt-Impfungen sollte noch gewartet werden, findet Schmidt-Chanasit. (Symbolbild)
Mit Dritt-Impfungen sollte noch gewartet werden, findet Schmidt-Chanasit. (Symbolbild)  © dpa/Federico Gambarini

Von einer generellen Dritt-Impfung für vollständig immunisierte Erwachsene hält der Hamburger indes nicht viel. "Noch nicht einmal für über 60-Jährige halte ich das immer für notwendig", sagt er im Interview.

Und weiter: "Jetzt tatsächlich sinnvoll ist die dritte Impfung für stark gefährdete Personen, etwa mit geschwächtem Immunsystem und Menschen in Alten- und Pflegeheimen, die bisher keine ausreichende Immunität nach der Grundimmunisierung entwickelt haben."

Er appelliert daran, sich bewusst zu machen, dass es bei der Impfung darum gehe, schwere Krankheitsverläufe auszuschließen. "Es kann nicht darum gehen, bei Menschen, die durch die Impfung schon gut geschützt sind, auch noch den Schnupfen, den sie bei einer Durchbruchsinfektion vielleicht bekommen würden, wegzuimpfen."

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Mit dem dritten Piks will der Virologe noch warten. Zunächst sollte die Pandemie auch in ärmeren Ländern bekämpft werden. Sonst laufe man Gefahr, dass dort neue, noch gefährlichere Virusvarianten entstünden.

Schmidt-Chanasit: "Das haben wir mit der Delta-Variante erlebt und das kann sich wiederholen." Ihm bereitet die aktuelle Entwicklung in Südostasien mit einer "dramatischen Dynamik" Sorgen.

Titelfoto: Montage: dpa/Federico Gambarini, dpa/Christian Charisius

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