Wie viel Verbot ist erlaubt? Corona und die Grundrechte

Karlsruhe - Noch nie waren die Freiheitsrechte in der Bundesrepublik so stark beschränkt wie in der Corona-Krise. Wer sich vor Gericht dagegen wehrt, hat im Moment wenig Chancen. Mit jedem Tag ohne Lockerung dürfte der Druck aber wachsen.

Polizisten sprechen Menschen in einem Park an. (Symbolbild)
Polizisten sprechen Menschen in einem Park an. (Symbolbild)  © Sebastian Gollnow/dpa

Der Oster-Gottesdienst mit Besuchern verboten, das Familientreffen unmöglich, der Feiertagsausflug tabu: Die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie sind die drastischsten Beschränkungen der Freiheitsrechte in der Geschichte der Bundesrepublik. 

Wer findet, dass der Staat zu weit geht, darf in einigen Bundesländern nicht einmal demonstrieren. Für den Rechtsstaat ist das eine enorme Herausforderung. Kommen die Grundrechte unter die Räder?

WO STEHT'S? - DAS PROBLEM MIT DER ERMÄCHTIGUNG

Grundlage aller Maßnahmen ist das Infektionsschutzgesetz. Es ermächtigt auch die Bundesländer, eigene Ge- und Verbote zu erlassen. Als "notwendige Schutzmaßnahme" dürfen unter anderem die Freiheit der Person, die Versammlungsfreiheit und die Freizügigkeit eingeschränkt werden. Das Problem: Wann, warum, in welcher Form und für wie lange welche Rechte eingeschränkt werden dürfen, steht nirgendwo im Detail. Daran hat auch die eilige Überarbeitung Ende März nichts geändert.

Juristen sprechen in so einem Fall von einer fehlenden oder unzureichenden Ermächtigungsgrundlage. "Der Gesetzgeber hat der Regierung im Prinzip keine Vorgaben gemacht, welche Eskalationsstufen im Falle einer Pandemie bei der Beschränkung von Freiheitsrechten möglich und erforderlich sind", sagt Bijan Moini, Hausjurist der Gesellschaft für Freiheitsrechte (GFF). "Jetzt in Eilverfahren diese Abwägung leisten zu müssen, lastet den Gerichten enorm viel auf."

Der Staat greift in die Grundrechte ein

Im Landtag in Mainz liegen Zettel mit Hinweisen aus.
Im Landtag in Mainz liegen Zettel mit Hinweisen aus.  © Andreas Arnold/dpa

NICHTS IST SICHER - DAS DILEMMA DER GERICHTE

Der Staat darf zum Infektionsschutz in Grundrechte eingreifen - aber nicht alles, was vorstellbar ist, ist auch rechtmäßig. Die Maßnahmen müssen verhältnismäßig sein, das bedeutet: geeignet, erforderlich und angemessen. Was erst einmal einleuchtend klingt, stellt die Richter bei Corona vor ein kaum lösbares Problem. 

Denn selbst Experten fällt es schwer, vorherzusagen, welche Fallzahlen das Gesundheitssystem an seine Belastungsgrenze bringen würden. Und gleichzeitig weiß niemand so genau, welche Verbote und Beschränkungen notwendig sind, um die schweren Verläufe nicht in diesen Bereich ansteigen zu lassen.

Der frühere Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Hans-Jürgen Papier, spricht in der "Süddeutschen Zeitung" von einem Dilemma: "Es führt dazu, dass man derzeit keine ernsthaften rechtlichen Bedenken gegen die Maßnahmen erheben kann, auch wenn sie zu schwerwiegenden Grundrechtseingriffen führen." Und: "Ich kann mir schon vorstellen, dass ein Richter sagt: Ich kann nicht die Verantwortung dafür übernehmen, den Schutz von Leben und Gesundheit hintanzustellen, selbst wenn die Freiheit der Person sehr wichtig ist."

KLAGEN ÜBER KLAGEN - DIE WELLE DER EILANTRÄGE

Wie gegen alle Maßnahmen der öffentlichen Gewalt können sich die Menschen natürlich auch gegen die Corona-Verbote zur Wehr setzen. Landauf, landab gehen derzeit Eilanträge bei den Verwaltungs- und Verfassungsgerichten ein. Die Internetseite "LexCorona", die sämtliche Rechtsakte und Urteile zum Thema sammelt, verzeichnete am Gründonnerstag schon knapp 90 Gerichtsentscheidungen.

Erfolg haben bisher die wenigsten Kläger. "Die Gerichte sind sehr zurückhaltend, wenn es darum geht, die Einschätzung der Behörden durch eigene Werturteile zu ersetzen", beobachtet Moini.

Auch das Bundesverfassungsgericht hat inzwischen mehrere Eilanträge zurückgewiesen. Am Dienstag lehnten die Richter es ab, die besonders strikten Corona-Maßnahmen in Bayern vorläufig außer Kraft zu setzen. Deren Folgen seien zwar schwerwiegend, aber nicht unzumutbar, "um einen möglichst weitgehenden Schutz von Gesundheit und Leben zu ermöglichen". Die Verfassungsklage eines Mannes, der Freunde treffen und seine Eltern besuchen will, soll aber eingehend geprüft werden.

Viele Fragen werden die Gerichte noch in den nächsten Monaten beschäftigen

Ein Schild weist vor dem Klinikum München west auf das Besuchsverbot hin.
Ein Schild weist vor dem Klinikum München west auf das Besuchsverbot hin.  © Matthias Balk/dpa

WIE WEITER? - DIE BEDEUTUNG DER EXIT-STRATEGIE

Mit vielen Fragen werden sich die Gerichte erst in den nächsten Monaten oder gar Jahren in den Hauptsacheverfahren auseinandersetzen können. Die GFF ist zuversichtlich, dass manches dann wieder zurechtgerückt wird - und will bei Bedarf auch selbst dafür streiten.

Besonders große Sorge bereiten den Bürgerrechtlern die strikten Versammlungsverbote in einigen Bundesländern. In einem Fall hat ein Gericht sogar eine Demonstration von zwei Personen untersagt, die Schutzmasken tragen und zueinander Abstand halten wollten.

Rechtsexperten sind sich außerdem einig, dass die schrittweise Lockerung der Corona-Maßnahmen eine entscheidende Rolle spielt. Der gestaffelte "Exit" sei "ein nicht nur praktisch naheliegender, sondern auch verfassungsrechtlich gebotener Weg", schreibt der frühere Bundesverfassungsrichter Udo di Fabio in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". 

Auch Ex-Gerichtspräsident Papier meint: "Es muss alles getan werden, um Art und Ausmaß der Gefahren genauer einzugrenzen." Auf Dauer könne man eine solche flächendeckende Beschränkung nicht hinnehmen. "Das muss befristet sein."

Titelfoto: Matthias Balk/dpa

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