Assads "Narco-Staat": So bringen Schmuggler Drogen aus dem Ausland nach Deutschland

Regensburg - Der Schmuggel großer Mengen Amphetamin-Tabletten aus illegalen Drogenlabors im Ausland wird zum Fall für das Landgericht Regensburg.

Zwei Männer müssen sich vor dem Landgericht Regensburg verantworten. Ihnen wird bandenmäßiges Handeln von Betäubungsmitteln vorgeworfen.
Zwei Männer müssen sich vor dem Landgericht Regensburg verantworten. Ihnen wird bandenmäßiges Handeln von Betäubungsmitteln vorgeworfen.  © Armin Weigel/dpa

Zwei Männer müssen sich dort vom heutigen Freitag (9.15 Uhr) an verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft den Syrern bandenmäßiges Handeln mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge vor. Es geht um rund 250 Kilogramm Tabletten.

Die Pillen sollen in Drogenlabors im Libanon oder in der Türkei hergestellt worden sein und wie das nicht mehr legal produzierte Medikament Captagon ausgesehen haben. Tatsächlich enthielten die Tabletten statt Fenetyllin den Wirkstoff Amphetamin.

Aufgabe der Angeklagten soll es gewesen sein, die Tabletten in einer in Niederbayern angemieteten Lagerhalle in anderer Ware zu verstecken und zu tarnen, sie per Lastwagen nach Hamburg oder Bremerhaven zu bringen und von dort in Richtung Saudi-Arabien zu verschiffen.

Drogen-Labor auf Nato-Militärbasis mit Atomwaffen entdeckt
Drogen Drogen-Labor auf Nato-Militärbasis mit Atomwaffen entdeckt

Im Frühjahr 2021 wurden die Betäubungsmittel jedoch von der Polizei in der Halle sichergestellt. Die Tatverdächtigen wurden festgenommen.

Für den Prozess in Regensburg sind zunächst zehn Verhandlungstage vorgesehen. Das Urteil könnte am 11. Juli gesprochen werden.

Machthaber Baschar al-Assads lukratives Geschäft: Massive Produktion von Captagon in Syrien

Im Libanon stießen Fahnder im Dezember auf Captagon-Tabletten, die in ausgehöhlte Orangen gequetscht waren.
Im Libanon stießen Fahnder im Dezember auf Captagon-Tabletten, die in ausgehöhlte Orangen gequetscht waren.  © Stringer/dpa

Durch das Verfahren fällt der Blick auch auf eine größere Entwicklung, die Ermittler beobachten: Die Produktion von Captagon nimmt seit einigen Jahren massiv zu.

Obwohl vor allem für die Golfstaaten bestimmt, läuft der Schmuggel immer öfter über Europa. Dahinter stecken Netzwerke im Libanon und in Syrien mit allerbesten Kontakten in höchste Kreise.

Experten haben keinen Zweifel, dass dabei vor allem Gefolgsleute des syrischen Machthabers Baschar al-Assad eine zentrale Rolle spielen. "Verwickelt sind Personen, die dem Regime sehr nahe stehen", sagt Dschihad Jasigi, Chefredakteur des "Syria Report".

Mann beim Drogen-dealen erwischt: Als sein Handy klingelt, lauschen die Polizisten verwundert auf
Drogen Mann beim Drogen-dealen erwischt: Als sein Handy klingelt, lauschen die Polizisten verwundert auf

Schon seit den 2000er Jahren wird Captagon in Syrien hergestellt, zunächst in kleinerem Stil. Doch mit dem Beginn des Bürgerkriegs im Jahr 2011 bricht die Wirtschaft zusammen. Warlords und bewaffnete Gruppen gewinnen an Einfluss, die in dem Chaos des Konflikts nach Einnahmequellen suchen und sie in der Drogenproduktion finden.

Mit militärischen Gewinnen der Regierung übernahmen mehr und mehr Assad-treue Personen dieses illegale, aber lukrative Geschäft. Mitglieder der Regierung seien mittlerweile "Hauptakteure des Captagon-Handels", schlussfolgern die Autoren einer Studie des in Washington ansässigen New Lines Institute.

Recherchen der "New York Times" ergaben, dass ein Großteil der Produktion und des Vertriebs von der 4. Division überwacht wird - einer berüchtigten Eliteeinheit unter dem Kommando von Mahir al-Assad, Bruder des Präsidenten.

Schmuggel über Europa: Tabletten werden geschickt versteckt

Eine Gesamtansicht einer Orangenlieferung, bei der im Hafen von Beirut beschlagnahmte Captagon-Pillen in gefälschten Früchten versteckt waren.
Eine Gesamtansicht einer Orangenlieferung, bei der im Hafen von Beirut beschlagnahmte Captagon-Pillen in gefälschten Früchten versteckt waren.  © Stringer/dpa

Die Herstellung ist vergleichsweise einfach. Die Produktionskosten für eine Tablette liegen im 10-Cent-Bereich. Verkauft werden kann sie - je nach Qualität und Absatzmarkt - für bis zu 25 US-Dollar. Es geht also um ein Milliardengeschäft, das für Assads Gefolgsleute nicht zuletzt deswegen interessant ist, weil das Land internationalen Sanktionen unterliegt und die isolierte Wirtschaft brach liegt.

Die Zollbehörden am Golf werfen mittlerweile ein genaueres Auge auf Exporte aus dem Libanon und Syrien. Der Schmuggel verläuft deswegen immer häufiger über Europa, um die Transportrouten zu verschleiern. Vor allem in den vergangenen zwei bis drei Jahren sei dies verstärkt zu beobachten gewesen, heißt es aus deutschen Sicherheitskreisen.

Die Spuren führen nicht nur im Regensburger Fall immer wieder auch nach Deutschland. Ermittler aus Recklinghausen in Nordrhein-Westfallen ließen im vergangenen Jahr mehrere Personen verhaften.

Sie sollen aus Deutschland den Schmuggel von Amphetamintabletten über den rumänischen Hafen von Constanta organisiert haben. Die Verdächtigen seien Teil einer Tätergruppe, "die syrischen Regierungskreisen nahesteht". Produktionsort: Syrien. 2018 entdeckte der Zoll im Hamburger Hafen etwa 175 Kilogramm Amphetaminpillen. Die Sendung sei von Syrien aus verschifft worden.

Verborgen waren die Drogen in Möbeln. Überhaupt seien die Schmuggler beim Transport der verbotenen Ware sehr findig, sagt ein deutscher Ermittler. "Man gibt sich auf Seiten der Täter sehr viel Mühe dabei, die Pillen zu verstecken. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt."

Im Libanon stießen Fahnder im Dezember auf Captagon-Tabletten, die in ausgehöhlte Orangen gequetscht waren. Für den Transport der in Regensburg gefundenen Tabletten soll ein Angeklagter über Wochen nach Tarnware gesucht haben. Inklusive Testlieferung ohne Drogen.

Titelfoto: Stringer/dpa

Mehr zum Thema Drogen: