Alarm! Immer mehr Banken greifen Sparern in die Tasche

Dresden - Noch nie war Sparen so teuer wie jetzt! Sowohl Otto-Normal-Verbraucher als auch Kommunen und Landkreise müssen viel Geld dafür abdrücken, dass Banken und Sparkassen ihre Spargroschen und Vermögen verwahren. Gegen diese Gebühren- und Zinspolitik der Finanzinstitute formiert sich aktiver Widerstand.

Die Zinsen auf dem Sparbuch sind längst gestrichen worden. (Archivbild)
Die Zinsen auf dem Sparbuch sind längst gestrichen worden. (Archivbild)  © Oliver Berg/dpa

Im Sparen sind die Deutschen Weltmeister. Leider wird das nicht mehr belohnt. 369 Banken und Sparkassen (Stichtag 15. Juli) brummen inzwischen Sparern Negativzinsen auf, in Form von sogenanntem Verwahrentgelt bei größeren Summen auf dem Tagesgeld- oder Girokonto. 20 Banken verlangen inzwischen gar Gebühren für das üblicherweise kostenlose Tagesgeldkonto, berichtet das Vergleichsportal Verivox. So entsteht ein faktischer Negativzins.

"Aktuell kommen nahezu täglich weitere Geldhäuser hinzu", berichtet Verivox-Manager Oliver Maier. Zugleich verschärfen viele Institute ihre Gebührenordnungen. Sie senken den Zinssatz noch weiter ins Minus, oder reduzieren die Freibeträge, bis zu denen das Guthaben auf dem Konto von Negativzinsen verschont bleibt.

Lange wurde vor allem bei großen Summen ab 100.000 Euro ein Verwahrentgelt fällig. Inzwischen erheben wohl über einhundert Institute Negativzinsen ab einer Gesamteinlage von 50.000 Euro oder weniger pro Kunde. Maier: "Gut möglich, dass sich künftig noch mehr Bankkunden auf niedrigere Freibeträge einstellen müssen."

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Die Negativzinsen treffen vor allem Neukunden. Will eine Bank von Bestandskunden ein Verwahrentgelt verlangen, muss sie das mit den Betroffenen individuell abklären. Bislang trafen die Geldhäuser deshalb solche Vereinbarungen vor allem mit Firmenkunden oder sehr reichen Privatkunden. Doch das ändert sich zunehmend.

Verbraucherschützer kritisieren diese Praxis scharf. Die Verbraucherzentrale Sachsen geht gegen dreiste Abzocke sogar gerichtlich vor. Nachdem das Landgericht Leipzig im Verfahren gegen die Sparkasse Vogtland vor wenigen Tagen geurteilt hat, dass das Geldhaus Verwahrentgelte auf Girokonten erheben kann, gibt sich der Rechtsexperte der Verbraucherzentrale Sachsen Michael Hummel (46) kämpferisch.

Er sagt: "Wir legen Rechtsmittel ein und ziehen - falls nötig - bis vor den Bundesgerichtshof."

Was tun gegen Negativzinsen?

Wer mit der Gebührenpolitik seiner Bank hadert, sollte den Wechsel zu einer anderen Bank prüfen. Bei der Suche nach Alternativen helfen Vergleiche (zum Beispiel Stiftung Warentest). Manche Anbieter zahlen Kunden durchaus noch Zinsen.

Garantien, wie lange das so bleibt, gibt es aber keine. Wer nicht gleich komplett die Bank wechseln will, kann sein angespartes Vermögen auch aufteilen.

Ein Teil des Geldes könnte auf ein Festgeldkonto fließen (Nachteil: Bindung an lange Laufzeiten) oder in einen Aktienfonds.

Für Kämmerer heißt es jetzt "clever taktieren"

Die Dresdner Stadtverwaltung versucht durch umsichtiges Geldflussmanagement die Belastungen durch Strafzinsen zu minimieren.
Die Dresdner Stadtverwaltung versucht durch umsichtiges Geldflussmanagement die Belastungen durch Strafzinsen zu minimieren.  © Sean Pavone

Das Thema Verwahrentgelte beschäftigt auch Kommunen. Um Negativzinsen zu vermeiden, bewegen Kämmerer täglich Geld.

Zwickau gab im Vorjahr für "Strafzinsen" 7398 Euro aus und im laufenden Jahr bislang 51.974 Euro. "Um die anfallenden Verwahrentgelte zu minimieren, werden die liquiden Mittel auf verschiedene Banken verteilt, Sonderkonditionen vereinbart und individuelle Angebote genutzt", so Sprecher Mathias Merz.

Chemnitz löhnte 2020 rund 43.000 Euro Verwahrentgelt an Banken. "Wir rechnen in diesem Jahr mit mindestens mehr als dem Dreifachen zum Vorjahr", heißt es aus dem Rathaus.

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Ein Sprecher berichtet für Zittau: "Wir prüfen täglich die Kontoauszüge und verteilen das Geld unter Berücksichtigung der vollen Ausschöpfung der Freibeträge, so optimal es geht, auf die einzelnen Konten um." Die Stadt löhnte im Januar und Februar dieses Jahres insgesamt 1289 Euro fürs "Flüssigsein".

Im Rahmen der Anlage von Tagesgeldeinlagen bei verschiedenen Banken muss Dresden für Beträge, die über dem Freibetrag liegen, ein Verwahrentgelt in Höhe von derzeit - 0,5 Prozent pro Jahr zahlen. 2020 waren das insgesamt 4469 Euro. Bis zum 12. Juli 2021 liefen Entgelte in Höhe von 11.485 Euro auf. Finanzbürgermeister Dr. Peter Lames (57, SPD): "Diese vergleichsweise geringen Belastungen werden durch ein sorgfältiges und intensives Liquiditätsmanagement ermöglicht."

Der Stadtrat von Pirna beschloss bereits 2017 die Implementierung eines kommunalen Liquiditätsverbundes zwischen der Großen Kreisstadt Pirna und ihren Tochtergesellschaften in privater Rechtsform. "Mit diesem Instrument konnten auch in dem derzeitigen Niedrigzinsumfeld Zinsvorteile generiert und Verwahrentgelte zumindest reduziert werden", so eine Sprecherin. Im ersten Halbjahr 2021 zahlte die Stadt 8103 Euro Strafzinsen (2020:  2128 Euro).

Plauen zahlte für Verwahrentgelte in 2021 bereits 35.222,83 Euro (2020 insgesamt 56.446,07 Euro).

Stadtkämmerin Ute Göbel erwartet mittelfristig jedoch eine drastische Abschmelzung der liquiden Mittel.

Titelfoto: Oliver Berg/dpa

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