"Historischer Meilenstein in der Alzheimer-Forschung": Medikament bremst geistigen Abbau!

New Haven - Vergesslichkeit, Sprachstörungen oder Orientierungsprobleme - Alzheimer zeichnet sich durch einen langsamen Abbau der geistigen Fähigkeiten aus. Heilbar ist die Demenz-Erkrankung (noch) nicht. Kann ein Antikörper zumindest den Verlauf bremsen?

Weltweit leben mehr als 44 Millionen Menschen mit Demenz. (Symbolbild)
Weltweit leben mehr als 44 Millionen Menschen mit Demenz. (Symbolbild)  © 123RF/piksel

Ein neuartiges Antikörper-Medikament verlangsamt einer Studie zufolge das Fortschreiten von Alzheimer.

Das berichtet ein internationales Wissenschaftler-Team nach der Untersuchung von knapp 1800 Patienten im frühen Stadium der Demenz-Erkrankung im "New England Journal of Medicine".

Der Antikörper Lecanemab könne Alzheimer nicht heilen oder aufhalten, aber den geistigen Abbau relevant verlangsamen, urteilt der deutsche Alzheimer-Forscher Frank Jessen vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE), der nicht an der Studie beteiligt war. Er spricht von einem "historischen Meilenstein in der Alzheimer-Forschung".

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Die Sicherheit der Behandlung müsse in längeren Studien weiter untersucht werden, schreiben die Forscher. Sie berichten von Nebenwirkungen wie Hirnschwellungen und Mikroblutungen im Gehirn. Todesfälle seien als Folge der Behandlung nicht aufgetreten.

Vor wenigen Tagen erschien allerdings im Fachmagazin "Science" ein Beitrag über einen Todesfall im Zusammenhang mit der Therapie, insgesamt sei es der zweite.

Dies müsse man sehr genau beobachten, sagte Jessen. Er könne sich vorstellen, dass es bei einer Zulassung Beschränkungen für bestimmte Patientengruppen gebe, etwa für Menschen mit erhöhter Blutungsneigung.

Alzheimer ist häufigste Form von Demenz

Eine Alzheimer-Diagnose verändert nicht nur das Leben der Betroffenen, sondern auch das der Angehörigen und Freunde. (Symbolbild)
Eine Alzheimer-Diagnose verändert nicht nur das Leben der Betroffenen, sondern auch das der Angehörigen und Freunde. (Symbolbild)  © Oliver Killig/dpa-Zentralbild/dpa

Nach Angaben der Deutschen Alzheimer Gesellschaft leben in Deutschland rund 1,8 Millionen Menschen mit Demenz, die meisten von ihnen haben Alzheimer.

Es kommt dabei zu einem Absterben von Nervenzellen im Gehirn, was zu Vergesslichkeit, Verwirrtheit, Sprachstörungen oder Orientierungslosigkeit führt.

Die Krankheit schreitet langsam fort, sodass der Alltag für die Betroffenen zunehmend schwerer zu bewältigen wird.

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Charakteristisch für die Erkrankung sind Ablagerungen von Eiweißen im Gehirn Jahre bevor erste Symptome auftreten.

Lecanemab wird von dem US-Unternehmen Biogen zusammen mit dem japanischen Pharmaunternehmen Eisai entwickelt.

Medikament: Lecanemab Wurden hier Nutzen und Risiken richtig abgewogen?

Ob und wie viel Unterschied das Medikament tatsächlich im Alltag mache, sei fraglich. (Symbolbild)
Ob und wie viel Unterschied das Medikament tatsächlich im Alltag mache, sei fraglich. (Symbolbild)  © Karl-Josef Hildenbrand/dpa

"Die Ergebnisse stimmen vorsichtig optimistisch", sagt auch Linda Thienpont, Leiterin Wissenschaft bei der Alzheimer Forschung Initiative.

Lecanemab greife in die Mechanismen der Alzheimer-Krankheit ein und reduziere dabei nicht nur die schädlichen Amyloid-Ablagerungen, sondern verzögere auch den Krankheitsverlauf, so Thienpont.

"Das ist das ausschlaggebende Kriterium für die Patientinnen und Patienten - und das hat bisher noch kein Wirkstoff geschafft."

Die Verbesserung der Kognition sei allerdings nur sehr moderat. Es sei fraglich, wie stark dieser Effekt für Betroffene spürbar sei. Außerdem profitieren Menschen mit fortgeschrittenem Krankheitsverlauf von der Antikörper-Behandlung überhaupt nicht.

Thienpont betont - auch mit Blick auf die beiden berichteten Todesfälle -, dass genau abgewogen werden müsse, ob Nutzen und Risiken in einem vertretbaren Verhältnis stehen.

"Im Falle einer Zulassung des Medikaments wird eine engmaschige ärztliche Kontrolle bei der Behandlung nötig sein. Es muss außerdem genauer eingegrenzt werden, welche Patientinnen und Patienten für eine Behandlung infrage kommen", so die Forscherin.

Titelfoto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

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