Mediziner raten nicht nur beim Thema Corona zur Vorsorge: "Impfen bleibt die erste Wahl"

Dresden - Geimpft oder genesen: Ab Montag gilt in ganz Sachsen die 2G-Regel. Dabei hat der Freistaat mit nur 57 Prozent vollständig Geimpfter die deutschlandweit niedrigste Impfquote! Ursachen sind die Skepsis vieler gegenüber den neuen mRNA-Impfstoffen und Berichte über Corona-Impfdurchbrüche. Doch damit nicht genug. Jetzt befürchten Ärzte, dass auch die Bereitschaft für andere Impfungen sinkt und damit längst zurückgedrängte Infektionskrankheiten zurückkehren könnten.

Gegen Masern, Mumps und Röteln gibt es inzwischen eine Dreifach-Impfung mit nur einer Spritze, in Kombination mit Windpocken sogar eine 4-fach Impfung.
Gegen Masern, Mumps und Röteln gibt es inzwischen eine Dreifach-Impfung mit nur einer Spritze, in Kombination mit Windpocken sogar eine 4-fach Impfung.  © imago images/imagebroker

Auf der Intensivstation am Uniklinikum Dresden wurden Stand Freitag 21 Corona-Patienten behandelt.

"Der Anteil geimpfter Patienten schwankte in der vergangenen Woche zwischen zehn und 20 Prozent", sagt Kliniksprecher Holger Ostermeyer (59). Am Leipziger Uniklinikum liegen nach Aussagen von Sprecher Markus Bien derzeit zwölf Ungeimpfte und vier vollständig Geimpfte auf der Intensivstation.

"Alle Erkrankten, die trotz einer Impfung stationär behandelt werden müssen, leiden unter schweren Vorerkrankungen, ihnen wurden Organe transplantiert oder sie sind sehr alt. In einigen Fällen treffen gleich mehrere diese Faktoren zu", begründet Ostermeyer.

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Für manche sind Impfdurchbrüche ein weiteres Argument gegen eine Corona-Impfung.

"Die aktuell thematisierte Impfskepsis betrifft vorrangig die neu entwickelten SARS-CoV-2-Impfstoffe, wobei es natürlich leider schon immer Personengruppen gab und gibt, die Impfungen generell skeptisch gegenüberstehen und deren Nutzen anzweifeln oder gar leugnen", sagt Dr. Sophie-Susann Merbecks, Mitglied der Sächsischen Impfkommission (SIKO).

Werden Impferfolge anderer Erkrankungen wieder zunichtegemacht?

"Unsicherheit und Unzufriedenheit erzeugen eine Empörungskultur": Prof. Lorenz Hofbauer (53), Facharzt für Innere Medizin und Altersmedizin am Uniklinikum Dresden.
"Unsicherheit und Unzufriedenheit erzeugen eine Empörungskultur": Prof. Lorenz Hofbauer (53), Facharzt für Innere Medizin und Altersmedizin am Uniklinikum Dresden.  © Steffen Füssel

Für Professor Lorenz Hofbauer (53), Facharzt für Innere Medizin und Altersmedizin am Uniklinikum Dresden, sind Impfungen "der größte Fortschritt in der Gesundheitsvorsorge und haben wesentlich zur längeren Lebenserwartung beigetragen":

"Sie verhindern folgenschwere Krankheiten mit vergleichsweise niedrigem Aufwand und geringen Kosten. Kinderlähmung und Pocken wurden durch das Impfen bereits ausgerottet, Hepatitis B, Keuchhusten oder Wundstarrkrampf massiv eingedämmt."

Die Befürchtung der Ärzte: Was Impfgegner bei Corona von der Spritze abhält, könnte auch Impferfolge bei anderen Erkrankungen zunichtemachen.

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Gerade beginnt die "Impfsaison", denn mit der Grippeimpfung lassen sich viele auch gegen andere Krankheiten impfen.

Prof. Hofbauer: "Manche Impfgegner sind mit der Komplexität einfach überfordert, schnitzen sich mithilfe sozialer Medien und gefährlichem Halbwissen ein eigenes Weltbild. Manche lehnen wie religiöse Sektierer oder ökologische Eiferer alles Fortschrittliche ab. Sie inszenieren sich als Zeichen der Auflehnung gegen staatliche Institutionen oder Pharmafirmen als Rebellen."

Untersuchungen haben ergeben: Je solidarischer und empathischer jemand eingestellt ist, desto impffreudiger ist er. Laut Professor Hofbauer sage die Impfbereitschaft viel darüber aus, "wie informiert jemand ist und wie viel Vertrauen er in faktenbasierte Medizin hat". Impfungen würden schließlich ständig weiterentwickelt. "Gab es früher zum Beispiel eine Schluckimpfung gegen Kinderlähmung, wird jetzt ein wirksamerer Totimpfstoff gespritzt. Der Tetanus-Impfstoff ist seit 50 Jahren erprobt."

Gebärmutterhalskrebs ist oft virusbedingt - und vermeidbar!

Ein Netz aus 72 blumenartigen Strukturen: Prof. Pauline Wimberger (50) am Modell eines HP-Virus im Foyer der Dresdner Uniklinik für Frauenheilkunde.
Ein Netz aus 72 blumenartigen Strukturen: Prof. Pauline Wimberger (50) am Modell eines HP-Virus im Foyer der Dresdner Uniklinik für Frauenheilkunde.  © Petra Hornig/Archiv

Für die Erkenntnis, dass auch Viren Krebs auslösen können, wurde der deutsche Mediziner Prof. Harald zur Hausen (85) mit dem Nobelpreis geehrt. So sind zum Beispiel humane Papillomviren (HPV) bei der Entstehung von Gebärmutterhalskrebs beteiligt. Jedes Jahr sind HP-Viren in Deutschland für rund 7700 Krebsneuerkrankungen verantwortlich. Doch was noch viel zu wenige wissen: Gegen HPV gibt es eine Impfung!

"Durch eine Impfung ist Gebärmutterhalskrebs in bis zu 90 Prozent der Fälle verhinderbar", sagt Prof. Pauline Wimberger (50), Direktorin der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Uniklinikum Dresden.

"Der 9-fach Impfstoff schützt gegen neun humane Papilloma-Virentypen und damit auch vor Schamlippenkrebs, Karzinomen im Nasen- und Rachenraum, Analkrebs sowie gegen Peniskrebs beim Mann."

Deshalb sollten sich auch junge Männer impfen lassen. Leider ist die Impfquote niedrig, sodass 80 Prozent aller Abstriche bei Frauen im gebärfähigen Alter HPV-positiv sind.

Oft verläuft die Infektion unbemerkt, verschwindet ganz von selbst wieder. Es gibt über 200 HP-Viren, die auch Haut- und Feigwarzen verursachen können. Sie werden bei Schleimhautkontakt vor allem beim Sex übertragen. "Eine HPV-Impfung wird deshalb für Kinder vor dem ersten sexuellen Kontakt empfohlen - und zwar für Mädchen und Jungen", rät Prof. Wimberger.

Die Impfung sollte laut Empfehlung der STIKO zweimal im Alter zwischen neun und 14 Jahren erfolgen, ist gut verträglich und schützt ein Leben lang vor den HP-Viren. Ansprechpartner sind Allgemein-, Kinder- und Frauenärzte. Prof. Wimberger ist sicher: "Wenn sich alle impfen würden, könnten HP-Viren wie Pocken-Viren sogar ausgerottet werden."

Ein Piks hätte Antje (34) einiges erspart

Sie hätte sich impfen lassen, doch damals gab es die Impfung noch nicht: Antje Feiereisen (34) aus Großdubrau hat den Krebs überwunden.
Sie hätte sich impfen lassen, doch damals gab es die Impfung noch nicht: Antje Feiereisen (34) aus Großdubrau hat den Krebs überwunden.  © Eric Münch

Antje Feiereisen aus Großdubrau (bei Bautzen) ist 34 Jahre alt, als ihr Frauenarzt eine Veränderung an der Gebärmutter feststellt. Eine Gewebeprobe wurde entnommen, doch Blutungen hörten nicht auf.

Eine pathologische Untersuchung bringt ans Licht: Antje leidet unter Gebärmutterhalskrebs. "Ich lebte gerade in Trennung. Als ich die Diagnose erhielt, war meine Mutti meine große Stütze. Ich fiel ihr weinend in die Arme."

Bei Antje Feiereisen wurde eine stark erhöhte Zahl von HP-Viren festgestellt. Sie waren offenbar Auslöser für ihren Krebs.

Der hatte zum Glück noch nicht gestreut. Feiereisen entschied sich für die Entfernung der befallenen Gebärmutter. "Es war keine leichte Entscheidung. Aber ich bin bereits Mutter einer neunjährigen Tochter, wollte kein Risiko eingehen, dass der Krebs weiter wächst und streut."

Im Juni wurde sie an der Universitätsfrauenklinik Dresden operiert - mit der speziellen TMMR-Operationstechnik. "Sie verursacht nicht nur weniger Nebenwirkungen wie Blasenentleerungsstörungen, oft kann auch auf eine anschließende Strahlentherapie verzichtet werden", erklärt Prof. Pauline Wimberger.

Heute gilt Antje Feiereisen als gesund, ist aber immer noch krankgeschrieben: "Ich fahre im Dezember zur Reha nach Kreischa." Für sie steht fest: "Hätte es in meiner Jugend bereits eine Impfung gegeben, hätte ich mich impfen lassen."

Doch die HPV-Impfung gibt es erst seit 2006. Ihrer Tochter will sie ein Krebs-Schicksal ersparen: "Sie ist jetzt gerade in dem Alter, in dem auch für sie eine Impfung überlegenswert ist."

Titelfoto: imago images/imagebroker

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