Viele hätten gerettet werden können: Hochwasser-Katastrophe an der Ahr schon am Vortag absehbar

Mainz/Bad Neuenahr-Ahrweiler - Eine Extremwetterlage im Ahrtal ist nach Angaben des Wasserwissenschaftlers Jörg Dietrich bereits am Vortag der Katastrophe im Juli 2021 durch eine Auswertung von Daten des Europäischen Hochwasserwarnsystems EFAS vorhersehbar gewesen.

Die Hochwasser-Katastrophe an der Ahr war laut Experten bereits am Vortrag absehbar. Man hätte deshalb früher das Gebiet evakuieren müssen.
Die Hochwasser-Katastrophe an der Ahr war laut Experten bereits am Vortrag absehbar. Man hätte deshalb früher das Gebiet evakuieren müssen.  © dpa/Boris Rössler

Eine Übersicht der zeitlichen Entwicklungen vor dem Hochwasser habe bereits am Mittag des 13. Juli eine 74-prozentige Wahrscheinlichkeit einer Sturzflut in einzelnen kleinere Flussgebieten des Mittelrheins und der Mosel gezeigt, erklärte der Experte am Freitag im Untersuchungsausschuss Flutkatastrophe des rheinland-pfälzischen Landtags.

In der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 war es im nördlichen Rheinland-Pfalz zu einer Flutkatastrophe gekommen.

Dabei starben 135 Menschen, 134 davon im Ahrtal. Hunderte wurden verletzt und weite Teile des Tals verwüstet.

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Erste Anzeichen für das Extremwetter habe es bereits am 11. Juli gegeben. Am Abend des 12. Juli und im Laufe des 13. Juli sollen sich die Vorhersagen verschiedener Wettersysteme konkretisiert haben.

Ab da habe man davon ausgehen können, dass "ein Hochwasser an der Ahr sehr wahrscheinlich ist".

Experte: Überflutungsflächen wurden unterschätzt

Das Dorf Schuld im Kreis Ahrweiler wurde durch das Hochwasser weitgehend überflutet und zerstört.
Das Dorf Schuld im Kreis Ahrweiler wurde durch das Hochwasser weitgehend überflutet und zerstört.  © dpa/Boris Rössler

Teilweise gebe es zwar "sehr krasse Überschätzungen bei solchen Systemen". Am 13. Juli um 0 Uhr habe es jedoch "ein extremes Risiko von Sturzfluten für das obere Ahrtal" gegeben. Dieses habe mit Ausreißern bis zum 14. fortbestanden.

Daher meinte der Experte, "dass zwischen 15 und 18 Uhr allerspätestens die Evakuierung oder andere Maßnahmen im Unterlauf hätten beschlossen werden können."

"Ich selbst hätte am 12. einen gewissen Schreck bekommen, aber wäre vorsichtig in den Schlussfolgerungen gewesen." Am 13. sei frühestens eine Handlungsrelevanz erkennbar gewesen, sagte der Privatdozent vom Institut für Hydrologie und Wasserwirtschaft der Universität Hannover.

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Unterschätzt worden seien jedoch die möglichen Überflutungsflächen. Konkrete Warnungen habe es etwa nur für Menschen gegeben, die 50 Meter links und rechts der Ahr wohnten.

"Man hätte wissen müssen, dass 50 Meter bei weitem nicht ausreichen." Der Fluss sei an manchen Stellen bis zu 500 Meter übergetreten.

Titelfoto: dpa/Boris Rössler

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