Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz: Wieder Starkregen zum Wochenende erwartet

Bad Neuenahr-Ahrweiler - Nach der Unwetterkatastrophe im Ahrtal wird sich am heutigen Donnerstag die Präsidentin des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) ein Bild von der Lage machen.

Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz: Das Foto zeigt ein komplett zerstörtes Haus in Marienthal im Ahrtal.
Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz: Das Foto zeigt ein komplett zerstörtes Haus in Marienthal im Ahrtal.  © Boris Roessler/dpa

Gerda Hasselfeldt (71, CDU) wird in Bad Neuenahr-Ahrweiler eine ambulante Arztpraxis des DRK besuchen (11 Uhr).

Sie will zudem ein erstes Fazit des bisherigen Einsatzes ziehen, auf die kommenden Wochen blicken und sich dazu äußern, wie gut Deutschland auf solche Katastrophen vorbereitet ist. Kürzlich hatte Hasselfeldt bereits eine bessere Prävention gefordert und darauf verwiesen, dass Wetterextreme in den nächsten Jahren zunehmen werden.

Die Zahl der Todesopfer der Flut von vergangener Woche stieg im am härtesten getroffenen Kreis Ahrweiler bis Mittwoch auf 123. Zudem wurden 764 Verletzte gezählt, 155 weitere Menschen galten noch immer als vermisst.

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Insgesamt sind fast 42.000 Menschen von dem Unglück betroffen. Teile der Region haben noch immer weder Wasser noch Strom.

Teile der Wasserversorgung und viele Kläranlagen in Katastrophen-Region beschädigt

Bagger beseitigen nach dem katastrophalen Hochwasser in Rheinland-Pfalz den Schutt auf den Straßen.
Bagger beseitigen nach dem katastrophalen Hochwasser in Rheinland-Pfalz den Schutt auf den Straßen.  © Thomas Frey/dpa

Mittlerweile sieht das Technische Hilfswerk (THW) kaum noch Chancen, Überlebende in den Trümmern zu finden. Vizepräsidentin Sabine Lackner sagte am Mittwoch: "Wir suchen aktuell noch nach Vermissten, etwa beim Räumen der Wege oder Auspumpen der Keller." Es sei aber inzwischen leider sehr wahrscheinlich, dass man Opfer nur noch bergen könne und nicht mehr retten.

Gleichzeitig warnten die Behörden vor Gefahren im Schlamm: Wegen einer möglichen Verbreitung von Darmbakterien und Viren in Überschwemmungsgebieten riet etwa das Gesundheitsamt des Kreises Trier-Saarburg und der Stadt Trier zu besonderen Hygienemaßnahmen.

Stark beschädigt sind in der Region auch viele Kläranlagen, Abwasserkanäle, Anlagen und Leitungen der Wasserversorgung sowie Hochbehälter.

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Am Donnerstag wird die rheinland-pfälzische Klimaschutzministerin Anne Spiegel (Grüne) sich eine Kläranlage in Sinzig anschauen.

Update, 22. Juli, 18.45 Uhr: Betroffene aus Kreis Ahrweiler können Soforthilfe beantragen

Von der Flutkatastrophe betroffene Menschen aus dem Landkreis Ahrweiler können ab sofort eine Soforthilfe des Landes beantragen.

Dies könne online oder schriftlich beim Statistischen Landesamt geschehen, teilte das Amt am Donnerstag in Bad Ems mit.

Eine telefonische Beantragung sei leider nicht möglich. Das Landesamt unterstützt nach eigenen Angaben die Verwaltung des besonders hart getroffenen Kreises Ahrweiler bei der Bearbeitung von Anträgen und der Bewilligung von Geld für die Menschen von dort.

Betroffene aus anderen Kreisen müssten sich an die jeweiligen Kreisverwaltungen vor Ort wenden. Die Landesregierung in Mainz hatte für Betroffene der Hochwasserkatastrophe in Rheinland-Pfalz am Dienstag Soforthilfen bis zu 3500 Euro pro Haushalt beschlossen.

Update, 22. Juli, 17.16 Uhr: Hessen sagt finanzielle Unterstützung zu

Finanzminister Michael Boddenberg (CDU) hat finanzielle Unterstützung von Hessen zur Bewältigung der Hochwasserkatastrophe zugesichert.

Hessen sei selbstverständlich bereit, sich an einem Wiederaufbaufonds nach dieser Krise zu beteiligen, erklärte Boddenberg am Donnerstag in Wiesbaden bei einem Treffen mit seinem Amtskollegen Lutz Lienenkämper (CDU) aus Nordrhein-Westfalen.

"Diese Solidarität ist guter Brauch zwischen Bund und Ländern und war auch bei der Bewältigung vergangener Naturkatastrophen der Fall."

Nordrhein-Westfalen könne sich, wie alle anderen von der Hochwasserkatastrophe betroffenen Länder auch, auf Hessen verlassen, betonte der Finanzminister. "Die konkreten Fragen der Umsetzung werden wir klären, sobald wir den gesamten Schaden vernünftig abschätzen können."

Die beiden hessischen Nachbarländer Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz sind massiv von der Hochwasserkatastrophe mit vielen Toten und riesigen Schäden betroffen.

Update, 22. Juli, 16.41 Uhr: Bürgermeister macht Wiederaufbauvorschläge für Ahrregion

Für den Wiederaufbau des vom Hochwasser schwer zerstörten Ahrtals sind nach Ansicht des Sinziger Bürgermeisters Andreas Geron (parteilos) Ingenieure und Verwaltungskräfte für jede Kommune notwendig.

"Wir brauchen Hilfe: Geld, Manpower, Fachkräfte, Ingenieure, die zeitgleich im Ahrtal 20, 30 Brücken bauen", forderte Geron am Donnerstag in Mainz.

"Vier Landesbeamte in jeder betroffenen Kommune wären ideal, um diese massiven Schäden schnell zu beheben." Am besten sei es, jeder Kommune einen Ingenieur für fünf bis zehn Jahre zuzuweisen, bezahlt vom Land, sowie eine Verwaltungskraft für Förderanträge. Der CDU-Oppositionsführer Christian Baldauf habe zu Recht von der "Stunde null" gesprochen.

In der Region Sinzig lebten seit einer Woche mehr als 10.000 Menschen in zerstörten oder beschädigten Häusern - ohne Wasser und Strom. Familien schliefen im 1. Stock ihrer beschädigten Häuser ohne abschließbare Haustür, berichtete der Bürgermeister der verbandsfreien Stadt mit rund 18.000 Einwohnern, in der die Ahr in den Rhein fließt.

"Die Ahr ist mittlerweile verseucht", sagte Geron. Das werde zu Krankheiten wie Magen-Darm-Problemen führen. Das Klärwerk für rund 130.000 Einwohner laufe nicht mehr und das verseuchte Wasser laufe in den Rhein. Kanäle seien verstopft, verschmutzt und teilweise gebrochen. "Kanalbau ist richtig teuer."

"Die Verkehrsinfrastruktur ist ein Riesenproblem." Von drei Brücken sei nur noch die am schlechtesten gelegene nutzbar. Die Strecke der Ahrtalbahn "existiert nicht mehr". Dazu kämen Infrastrukturprobleme. Die Menschen könnten etwa keine Lufttrockner mehr kaufen und bestellten diese online, aber sie würden nicht verschickt, weil sie nicht zustellbar seien.

Ein anderes großes Problem seien Fakenews wie die falschen Warnungen vor einer zweiten Flutwelle. An die Corona-Regeln - Abstand und Maske - sei bei den Arbeiten der Hilfskräfte nicht zu denken.

Update, 22. Juli, 14.51 Uhr: Große Sorge wegen neuer Regenfälle

In dem von der Hochwasserkatastrophe stark betroffenen Ahrtal blicken die Menschen mit Sorge auf die Wetterprognosen fürs Wochenende.

"Viele sind unter dem Eindruck des Ereignisses natürlich jetzt auf hab acht", sagte der Präsident des rheinland-pfälzischen Landesverbandes des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), Rainer Kaul, am Donnerstag in Bad Neuenahr-Ahrweiler.

Laut Deutschem Wetterdienst werden schauerartiger Regen und Gewitter in Rheinland-Pfalz erwartet. Es könne erneut Starkregen geben, hieß es.

"Zunächst hoffen wir mal, dass der Regen nicht so heftig wird", sagte Kaul. "Aber das ist eine neue Herausforderung, die wir dann meistern müssen."

Derzeit seien die Menschen damit beschäftigt, den Unrat nach der Flut in der vergangenen Woche wegzuschaffen. "Es wäre jetzt falsch, wenn ich sage, es gibt einen Masterplan fürs Wochenende", sagte er.

Update, 22. Juli, 12.50 Uhr: 31 Straftaten in Hochwassergebieten registriert

Im Chaos des Hochwassergebiets in Rheinland-Pfalz beschäftigen immer wieder auch Straftaten die Polizei.

Insgesamt seien dort bisher von der Polizei 31 Straftaten festgestellt worden, davon 25 mit Eigentumsbezug, berichtete Innenminister Roger Lewentz (SPD) am Donnerstag in einer Sondersitzung von drei Fachausschüssen des Landtags in Mainz.

Es habe vier vorläufige Festnahmen gegeben. Konkrete Hinweise zu Plünderungen lägen aber nicht vor. "Bisherige Meldungen über eine angebliche Vielzahl von Plünderungen haben sich bislang nicht bestätigt."

Die Polizei in Wittlich etwa berichtete am Donnerstag von dreisten Dieben. Zwischen vergangenem Freitag und Montag seien Elektrogeräte aus einer Lagerhalle entwendet worden.

Die bereits durch Wasser beschädigten Geräte stammten demnach aus einem Küchenstudio und waren nach der Bergung in der Halle aufbewahrt worden.

Gestohlen wurden außerdem mutmaßlich am frühen Morgen des vergangenen Samstags Baumaterial, Werkzeug und Küchengeräte, die wegen des Hochwassers aus einem Keller geräumt und auf einer Treppe und in einem Hof gelagert worden waren.

Update, 22. Juli, 10.45 Uhr: Bisher 128 Menschen nach Hochwasser in Rheinland-Pfalz tot geborgen

Im Hochwasser-Katastrophengebiet im Norden von Rheinland-Pfalz sind bisher 128 Menschen tot geborgen worden.

Das teilte Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) am Donnerstag in einer Sondersitzung von drei Fachausschüssen des Landtags mit. "Wir müssen von der schrecklichen Annahme ausgehen, dass diese Zahl noch steigen wird." Die Menschen im Katastrophengebiet seien an Leib und Seele verletzt.

Dreyer würdigte den Einsatz der Rettungskräfte, diese katastrophale Situation zu bewältigen. Am Nürburgring sei "eine gigantische Helferstadt" entstanden. Bei allem Leid zeige die Katastrophe: "Rheinland-Pfalz steht zusammen."

Die Regierungschefin sagte: "Der Wiederaufbau wird langwierig werden und sehr viel Geld kosten. Dafür brauchen wir eine nationale Kraftanstrengung."

Update, 22. Juli, 9.55 Uhr: Landesamt lässt "Familienzentrum" in Ahrweiler Schule schließen

Das Landesamt für Soziales, Jugend und Versorgung hat am Mittwochabend ein sogenanntes Familienzentrum in einer Schule in Bad Neuenahr-Ahrweiler schließen lassen.

Es wurde von dem Verein "Initiative Eltern stehen auf" betrieben, deren Webseite Nähe zur Querdenker-Szene vermuten lasse. Eine Sprecherin des Landesamtes sagte am Donnerstag, es sei um die Frage des Kindeswohls gegangen.

Detlef Placzek, der Präsident des Landesamtes zeigte sich besorgt über die schlechten Bedingungen, unter denen dort Kinder mit Alter ab drei Jahren betreut worden seien. Es gebe in dem Gebäude keinen Strom, kein Wasser, in den Fluren sei öliger Schlamm.

"Zur Vermeidung einer im Raum stehenden Kindeswohlgefährdung ist daher das Angebot durch den Verein Initiative Eltern stehen auf e. V. ab sofort zu unterbinden", sagte er.

"Grund ist neben der Störung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung die Tatsache, dass Kinder ohne Erlaubnis in der Grundschule in Ahrweiler betreut werden."

Titelfoto: Thomas Frey/dpa

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