Israel wehrt sich gegen Raketen-Terror aus Gaza, keine Flüge der Lufthansa nach Tel Aviv

Jerusalem/Gaza - Nach massiven Raketenangriffen durch die Hamas im Gazastreifen hat Israels Sicherheitskabinett eine Ausweitung des Militäreinsatzes gegen die dort herrschende Terrororganisation beschlossen. Inzwischen teilte außerdem die Lufthansa mit, Flüge nach Tel Aviv zunächst bis Freitag auszusetzen.

In Lod wurden der Ausnahmezustand und eine nächtliche Ausgangssperre ausgerufen, da die Spannungen zwischen Israelis und arabischen Israelis steigen.
In Lod wurden der Ausnahmezustand und eine nächtliche Ausgangssperre ausgerufen, da die Spannungen zwischen Israelis und arabischen Israelis steigen.  © Muammar Awad/Xinhua/dpa

Die Armee solle gezielt "Symbole der Hamas-Herrschaft" in dem Palästinensergebiet angreifen, berichtete der Sender Kanal 12 am Mittwochabend. Medienberichten zufolge wurden das Finanzministerium im Herzen der Stadt Gaza sowie eine Bank der Hamas zerstört.

Das Militär teilte mit, Kampfflugzeuge hätten eine Reihe strategisch wichtiger Gebäude sowie ein Marinekommando der Hamas angegriffen. Die Angriffe auf Terrorziele würden fortgesetzt.

Kurz darauf wurde in Tel Aviv am frühen Donnerstagmorgen erneut Raketenalarm ausgelöst. Nach Angaben einer dpa-Reporterin war mindestens eine Explosion zu hören. Medienberichten zufolge gab es auch im Norden des Landes Raketenalarm.

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Schon zuvor hatten militante Palästinenser am Mittwochabend Dutzende Raketen auf israelische Städte geschossen, darunter Aschdod und Aschkelon an der Mittelmeerküste. Auch im Großraum Tel Aviv heulten Warnsirenen.

In der Grenzstadt Sderot wurde ein Fünfjähriger beim Einschlag einer Rakete tödlich verletzt, wie die Stadtverwaltung mitteilte.

Bislang sechs Tote und mehr als 200 Verletzte

Jüdische Demonstranten stoßen mit Protestlern arabischer Herkunft in der Nähe der Großen Omari-Moschee in der Stadt Lod zusammen.
Jüdische Demonstranten stoßen mit Protestlern arabischer Herkunft in der Nähe der Großen Omari-Moschee in der Stadt Lod zusammen.  © Oren Ziv/dpa

Seit Montagabend beschießen militante Palästinenser Israel massiv mit Raketen, es sind bereits weit über tausend Geschosse abgefeuert worden. Dabei sind bislang sechs Menschen getötet und mehr als 200 weitere verletzt worden.

Israels Armee reagiert darauf nach eigenen Angaben mit dem umfangreichsten Bombardement seit dem Gaza-Krieg von 2014. Das Gesundheitsministerium in Gaza bezifferte die Zahl der Toten auf 65, mehrere hundert Menschen wurden verletzt.

Israelische Kampfflugzeuge zerstörten am Mittwoch ein weiteres Hochhaus in Gaza. In dem 14-stöckigen Gebäude hatten nach israelischen Angaben sowohl die islamistische Hamas als auch der militante Islamische Dschihad Büros. Allerdings gab es auch Cafés und Geschäfte in dem Haus. Videos zeigten, wie es nach dem Angriff einstürzte.

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Die Hamas feuerte nach eigenen Angaben als Reaktion 130 Raketen auf die israelischen Orte Aschkelon, Sderot und Netivot.

Israels Luftwaffe hatte zuvor auch das Haus eines ranghohen Mitglieds der islamistischen Hamas zerstört. Das Gebäude diente demnach als Waffenlager. Außerdem tötete Israel bei Angriffen mehrere hochrangige Vertreter der Hamas.

"Das ist erst der Anfang - wir werden ihnen Schläge versetzen, die sie sich niemals erträumt haben", sagte Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu (71) dazu am Mittwoch in einem Krankenhaus in Cholon.

Warnungen vor einem großen Krieg

Während Luftangriffen in Gaza schlagen zwei Raketen in einem Hochhaus ein und führen zu Explosionen während der Nacht.
Während Luftangriffen in Gaza schlagen zwei Raketen in einem Hochhaus ein und führen zu Explosionen während der Nacht.  © Mahmoud Khattab/APA Images via ZUMA Wire/dpa

Netanjahu lehnt den Berichten zufolge eine Waffenruhe zu diesem Zeitpunkt ab. Die USA schicken einen Spitzendiplomaten in die Region, um sich mit führenden Vertretern beider Seiten zu treffen. Hady Amr will auch im Namen von US-Präsident Joe Biden (78) auf eine Deeskalation der Gewalt drängen.

Auch Unterhändler Ägyptens, Katars und der Vereinten Nationen bemühen sich nach Medienberichten um eine Beruhigung.

International wuchs die Besorgnis über die Eskalation des Konflikts. Verteidigungsminister Benny Gantz (61) stimmte die Bürger auf einen längeren Militäreinsatz ein.

Die Vereinten Nationen warnten den UN-Sicherheitsrat laut Diplomaten vor einem großen Krieg.

Die USA haben eine gemeinsame Stellungnahme des mächtigsten UN-Gremiums zur eskalierenden Gewalt in Nahost Kreisen zufolge am Mittwoch zunächst blockiert.

Dafür forderten europäische Länder des UN-Sicherheitsrats ein Ende der Gewalt. "Wir fordern alle Akteure dringend auf, Spannungen abzubauen, Gewalt zu beenden und äußerste Zurückhaltung zu zeigen", sagte der estnische UN-Botschafter Sven Jürgenson (59) in einer Stellungnahme Estlands, Frankreichs, Irlands und Norwegens am Mittwoch nach der Dringlichkeitssitzung des mächtigsten UN-Gremiums in New York.

Bundesaußenminister Heiko Maas (54, SPD) warnte vor einer Ausweitung des Konflikts auf weitere Teile der Region. Er bezeichnete den Abschuss von mehr als 1000 Raketen aus dem Gazastreifen auf Israel am Mittwochabend in einem ZDF-"Spezial" als absolut inakzeptabel und als Grundlage dafür, dass Israel von seinem Recht auf Selbstverteidigung Gebrauch mache.

Israels legitimes Recht, sein Volk zu verteidigen

Jüdische Demonstranten schwenken israelische Flaggen während der nächtlichen Ausgangssperre in Lod.
Jüdische Demonstranten schwenken israelische Flaggen während der nächtlichen Ausgangssperre in Lod.  © Oren Ziv/dpa

US-Präsident Biden betonte ebenfalls das Selbstverteidigungsrecht Israels. Das Weiße Haus teilte am Mittwochabend (Ortszeit) mit, Biden habe bei einem Telefonat mit Netanjahu die Raketenangriffe der Hamas und anderer Terrorgruppen verurteilt.

Der US-Präsident habe außerdem "seine unerschütterliche Unterstützung für Israels Sicherheit und für Israels legitimes Recht, sich selbst und sein Volk zu verteidigen", zum Ausdruck gebracht.

Netanjahus Büro teilte mit, der Premierminister habe Biden in dem Gespräch für die amerikanische Unterstützung des israelischen Rechts auf Selbstverteidigung gedankt.

Netanjahu habe auch angekündigt, "dass Israel weiterhin Maßnahmen ergreifen werde, um die militärischen Fähigkeiten der Hamas und der anderen im Gazastreifen operierenden Terrororganisationen anzugreifen".

Auf Twitter schrieb er: "Wir werden keine Anarchie akzeptieren." Es müsse die Sicherheit und Ruhe wiederhergestellt werden, "die wir alle verdienen".

Die Gewalt zwischen Israel und den Palästinensern schwappt derweil immer mehr auch auf arabische Ortschaften im israelischen Kernland über. Zwischen jüdischen und arabischen Israelis kam es am Mittwoch in den Städten Lod, Akko, Bat Jam, Haifa und Tiberias zu außergewöhnlich schweren Konfrontationen.

Präsident Reuven Rivlin (81) warnte im israelischen Fernsehen vor einem "Bürgerkrieg" und rief beide Seiten eindringlich zur Mäßigung auf.

Update, 13. Mai 2021, 15.21 Uhr: Ägypten schickt Delegation zur Vermittlung nach Tel Aviv und Gaza

Nach der Eskalation im Gaza-Konflikt bemüht sich Ägypten erneut um Vermittlung zwischen Israelis und Palästinensern. Eine ägyptische Delegation traf dafür am Donnerstag in Tel Aviv ein, um auf eine Feuerpause zwischen beiden Seiten hinzuarbeiten, wie es aus Sicherheitskreisen hieß.

In den Gesprächen solle es auch um Wohnungsräumungen gehen, die palästinensischen Familien in Jerusalem drohten. Am Mittwoch führte eine Delegation aus Kairo bereits Gespräche mit der islamistischen Palästinenserorganisation Hamas und der militanten Gruppe Islamischer Dschihad im Gazastreifen. Ägypten ist im Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern schon mehrfach als arabischer Vermittler aufgetreten.

Update, 13. Mai 2021, 14.13 Uhr: Mehr als 1600 Raketenabschüsse auf Israel

Nach der Eskalation im Gaza-Konflikt zeichnet sich vorerst kaum Beruhigung ab. Militante Palästinenser im Gazastreifen setzten auch rund 70 Stunden nach Beginn der Raketenangriffe am Beschuss Israels fest. Einem Armeesprecher zufolge wurden in Israel bislang sieben Menschen durch Beschuss getötet. Im Gazastreifen starben nach Angaben des Gesundheitsministeriums 83 Menschen.

Wie Armeesprecher Jonathan Conricus weiter mitteilte, wurden seit Montagabend mehr als 1600 Raketen auf Israel abgefeuert. Rund 400 davon seien noch in dem Küstengebiet niedergegangen. Nach Ansicht des Militär könnte dies Opfer zur Folge haben.

Update, 13. Mai 2021, 14.08 Uhr: Deutsche Welle bedauert TV-Interview mit antisemitischem Aktivisten zu Gaza-Konflikt

Die Deutsche Welle (DW) hat für einen Fehler in einem TV-Interview zur Eskalation im Gaza-Konflikt um Entschuldigung gebeten und den Beitrag entfernt.

Ein Sprecher des deutschen Auslandssenders teilte am Donnerstag mit, dass in der am Dienstag ausgestrahlten Nachrichtensendung ein palästinensischer Aktivist schwerste Vorwürfe gegenüber Israel geäußert habe. "Wir sind der Ansicht, dass seine Äußerungen antisemitisch sind und terroristische Akte rechtfertigen sollten."

Vorbereitung und Durchführung des Interviews seien mangelhaft gewesen, hieß es von dem Sprecher weiter. Das Interview strahlte die Deutsche Welle in der englischsprachigen Nachrichtensendung "The Day" aus.

Update, 13. Mai 2021, 13.56 Uhr: Wieder Raketenalarm in Tel Aviv

In der israelischen Küstenmetropole Tel Aviv ist am Donnerstag erneut Raketenalarm ausgelöst worden. In der Stadt waren heulende Warnsirenen und Explosionen zu hören. Es war die fünfte Angriffswelle seit Dienstagabend.

Die Küstenmetropole - Israels Wirtschaftszentrum - wurde in der Nacht zum Mittwoch so heftig mit Raketen beschossen wie nie zuvor.

Update, 13. Mai 2021, 13.52 Uhr: Israels Militär greift Panzerabwehr-Trupps der Hamas an

Die israelische Armee hat am Donnerstag nach eigenen Angaben mehrere Gruppen von Hamas-Kämpfern beschossen, die Panzerabwehrraketen abfeuern wollten. Bis Mittag seien insgesamt vier militante Trupps aufgespürt und angegriffen worden, teilte das Militär am Donnerstag mit. Zudem hätten Streitkräfte ein Militärgelände mit drei Vorrichtungen zum Abschuss von Panzerabwehrraketen auf einem Gelände der Hamas getroffen.

Nach Darstellung der israelischen Cogat-Behörde beschoss die Hamas mit einer Rakete versehentlich eine Stromleitung in Gaza. Nach Angaben der israelischen Armee gingen seit Montagabend insgesamt rund 400 Raketen noch im Gazastreifen nieder und erreichten Israel nicht. 230.000 Menschen seien ohne Strom.

Auch Leitungen von Kläranlagen sollen nach Angabe der Behörde beschädigt worden sein. Zudem hat die Hamas demnach eine Entsalzungsanlage abgeschaltet. Eine Viertel Million Menschen soll deshalb von der Wasserversorgung abgeschnitten sein. Die Cogat-Behörde ist für die für Verbindungen Israels mit der palästinensischen Seite zuständig.

Update, 13. Mai 2021, 13.48 Uhr: Lufthansa setzt Flüge nach Tel Aviv zunächst bis Freitag aus

Die Lufthansa setzt wegen der Eskalation im Gaza-Konflikt ihre Flüge nach Tel Aviv bis einschließlich diesen Freitag aus. Geplant ist, den Flugbetrieb nach Israel voraussichtlich ab Samstag wieder aufzunehmen, wie das Unternehmen auf Anfrage am Donnerstag in Frankfurt mitteilte.

Die Lufthansa verfolge aufmerksam die aktuelle Lage in Israel und stehe dabei weiterhin im engen Austausch mit den Behörden, Sicherheitsdienstleistern und den eigenen Mitarbeitern vor Ort.

Update, 13. Mai 2021, 13.20 Uhr: Russland bemüht sich um Vermittlung im Nahost-Konflikt

Nach der Eskalation im Gaza-Konflikt bemüht sich Russland um eine Vermittlung für ein Ende der Gewalt im Nahost. "Verschiedene Länder unternehmen Anstrengungen und nutzen ihre Kontakte, um die Parteien zur Zurückhaltung zu ermutigen - auch Russland", sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow am Donnerstag in Moskau der Staatsagentur Tass zufolge.

Details nannte er zunächst nicht. Israelis und Palästinenser müssten erkennen, dass es keine Alternative zu einer diplomatischen Lösung des Konflikts gebe.

Außenminister Sergej Lawrow rief beide Seiten einmal mehr zu einem Ende der Gewalt auf. Nach seinem Telefonat mit dem ägyptischen Kollegen Samih Schukri teilte das russische Außenministerium mit, Moskau und Kairo wollten sich eng abstimmen bei ihren Bemühungen um einen Neustart der Verhandlungen zwischen der palästinensischen und der israelischen Seite. Lawrow will etwa die Vermittlergruppe aus den USA, Russland, den Vereinten Nationen und der EU einberufen.

Titelfoto: Hatem Moussa/AP/dpa

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