Einspruch: Die Gesellschaft ist nicht nur gespalten, sie ist zersplittert!

Stuttgart - Die Corona-Pandemie hinterlässt nicht nur Kranke und Tote, sie hat auch gesellschaftlichen Schaden angerichtet. Es braucht nun dringend Mäßigung im Ton und Versöhnung, fordert TAG24-Redakteur Patrick Hyslop.

Sieht keine gesellschaftliche Spaltung: Bundeskanzler Olaf Scholz (63, SPD).
Sieht keine gesellschaftliche Spaltung: Bundeskanzler Olaf Scholz (63, SPD).  © Kay Nietfeld/dpa

Heute ist der vierte Advent, Heiligabend ist in Sichtweite. Das zweite Jahr der Corona-Pandemie neigt sich dem Ende zu. Von einer Rückkehr zur Normalität sind wir jedoch weit entfernt – auch wenn sich viele Bürger das wünschen. Inklusive mir.

Doch selbst wenn die Pandemie irgendwann hinter uns liegt, wenn wir wieder unser altes Leben zurück haben sollten, dann bleibt ein nächstes Problem zu lösen: Wie kommen wir als Gesellschaft wieder zusammen?

Denn Corona hat nach knapp zwei Jahren nicht nur zig Kranke und Tote hinterlassen, sondern durchaus auch massive gesellschaftliche Schäden angerichtet.

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Ob 2G, Lockdown oder Impfpflicht: Die Nation ist gespalten in Befürworter der Corona-Maßnahmen und Kritiker.

Oder um mit der aufgeheizten, maximal konfrontativen Sprache der (a)sozialen Medien zu sprechen: in "Schwurbler" und "Impflinge".

Neu-Bundeskanzler Olaf Scholz (63, SPD) verneinte im ARD-Interview kürzlich eine Spaltung der Gesellschaft. Einspruch, Herr Scholz!

Wer sehenden Auges durch Deutschland geht, dem ist klar: Da ist einiges an Porzellan zerdeppert worden in den zurückliegenden Monaten. Insbesondere auf Twitter erhitzen sich die Gemüter. Gut, bei Weitem nicht zum ersten Mal.

Bruchstellen wurden bereits in der Flüchtlingskrise offenbar

Gießen, im Dezember 2015: Flüchtlinge kommen in der Erstaufnahmeeinrichtung an.
Gießen, im Dezember 2015: Flüchtlinge kommen in der Erstaufnahmeeinrichtung an.  © Boris Roessler/dpa

Schon ein Blick auf die vergangenen Jahre (Ja, es gab mal andere Themen als Corona!) zeigt: Da wurden gesellschaftliche Bruchstellen offenbar.

Erinnert Ihr Euch noch an die Flüchtlingskrise 2015 und an den scharfen Ton, den es damals zwischen Befürwortern und Kritikern einer unkontrollierten Einwanderung nach Deutschland gab?

Da traf der "Gutmensch" auf den "Nazi". Damals entfielen kollektiv die Grauzonen. Es gab nur noch schwarz und weiß. Richtig und falsch. Gut und böse.

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Schon damals wurden in mir ungute Erinnerungen an den ehemaligen US-Präsidenten George Bush (75) wach, der nach den islamistischen Terror-Attacken am 11. September 2001 vor dem Kongress sagte: "Every nation in every region now has a decision to make. Either you are with us, or you are with the terrorists."

Entweder, oder. Kein Raum mehr für Zwischentöne. Mir stieß dieses rigorose entweder/oder, diese gesellschaftliche Bruchlinie schon damals massiv auf. Aber vielen offenbar nicht.

Wir müssen dringend verbal abrüsten!

TAG24-Redakteur Patrick Hyslop fordert verbale Abrüstung und Mäßigung.
TAG24-Redakteur Patrick Hyslop fordert verbale Abrüstung und Mäßigung.  © privat

Das reine Freund-Feind-Schema blieb nicht auf die Frage der Migration seit 2015 beschränkt.

Ob es um Klimawandel ("Klimaleugner" gegen "Greta-Jünger") geht, um Gendersprache ("Weiße, alte Männer" versus "Gendergaga") oder zuletzt die Impfpflicht ("Schwurbler" stehen "Impflingen" gegenüber): Die zahlreichen Bruchlinien entlang einer schwarz-weißen Weltsicht werden immer offensichtlicher.

Wie schon bei den Flüchtlingen gehen die Risse inzwischen längst durch Freundes- und Kollegenkreise sowie auch Familien.

Angesichts der immer neuen Bruchlinien würde ich auch nicht (mehr) von einer gesellschaftlichen Spaltung reden: Die Gesellschaft ist nicht gespalten, sondern komplett zersplittert!

Und so, wie man einen Scherbenhaufen zusammenkehren muss, so wird es die oberste Aufgabe der neuen Regierung sein müssen, diese zersplitterte Gesellschaft wieder zu kitten. Versöhnung ist dringend geboten.

Darum muss nun von allen Seiten auch verbal abgerüstet werden. Es braucht weniger "Wir gegen die" und mehr "Wir gemeinsam". Mäßigung lautet das Gebot der Stunde.

Kurz vor Weihnachten wären der Wegfall des Freund-Feind-Schemas und die ersten Schritte hin zur gesellschaftlichen Versöhnung für mich das schönste Geschenk...

Titelfoto: Montage: privat, Kay Nietfeld/dpa

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