Kommentar zur Entschuldigung von Hitzlsperger: Glaubwürdigkeit ist was anderes

TAG24-Redakteur David Frey kann der Entschuldigung von Thomas Hitzlsperger im VfB-Machtkampf nichts abgewinnen und hinterfragt Zeitpunkt sowie Kommunikationswahl derselbigen.

Stuttgart - Nachdem sich im sogenannten "VfB-Machtkampf" die beiden Hauptprotagonisten Thomas Hitzlsperger (38) und Claus Vogt (51), auch auf Anraten des Vereinsbeirats, in der öffentlichen Kommunikation zurückgehalten haben, entschuldigte sich Ersterer jetzt bei Letzterem in einer Erklärung für seinen Angriff.

VfB-Vorstandschef Thomas Hitzlsperger (38, Foto) hat sich für die Wortwahl in seinem Offenen Brief gegenüber Präsident Claus Vogt (51) entschuldigt.
VfB-Vorstandschef Thomas Hitzlsperger (38, Foto) hat sich für die Wortwahl in seinem Offenen Brief gegenüber Präsident Claus Vogt (51) entschuldigt.  © Tom Weller/dpa

Das lediglich sieben Sätze kurze Schreiben wurde auf der offiziellen Homepage des VfB Stuttgart veröffentlicht. In diesem entschuldigt sich Hitzlsperger für die Wahl seiner Worte, "die nicht angemessen waren" und Vogt persönlich getroffen hätten.

Außerdem beteuerte Hitzlsperger erneut, dass er unterschätzt habe, "welche Wucht" sein vier Seiten langer Offener Brief besitzen würde.

Hitzlsperger wollte Vogt demnach nicht "als Person verletzen" und gestand, sich "im Ton vergriffen" zu haben. Die Motivation für den vier Seiten langen Offenen Brief des Vorstandsvorsitzenden der VfB Stuttgart 1893 AG sei gewesen, die Motive für seine Kandidatur als Präsident des e. V. zu begründen.

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So schön das zunächst mal klingen mag, kann ich dieser Entschuldigung wenig abgewinnen. Das fängt zunächst beim Zeitpunkt an. Es hat mehr als zwei Wochen nach den Offenen Briefen von Hitzlsperger und Vogt und dem sofort dadurch entfachten medialen Echo gedauert, um sich zu diesem Schritt durchzuringen.

Um ein greifbares Gedankenbeispiel aufzumachen: Man möge sich nur einmal vorstellen, was los gewesen wäre, hätte Hitzlspergers Amtskollege Karl-Heinz Rummenigge (65) beim FC Bayern gegen den ehemaligen Präsidenten Uli Hoeneß (69) derart ausgeholt!

Selbstverständlich hat ein Hoeneß mehr auf dem Kerbholz als Claus Vogt, doch in der Sache ändert sich nichts. Spätestens zwei Tage, nachdem die Maschine der Bayern-Vereinskommunikation unter Volllast gelaufen wäre, hätte sich ein Rummenigge hingestellt und entschuldigt.

Thomas Hitzlsperger hätte angesichts der Saga um Wolfgang Dietrich beim VfB Stuttgart gewarnt sein müssen

TAG24-Redakteur David Frey kann der Entschuldigung von Thomas Hitzlsperger wenig abgewinnen.
TAG24-Redakteur David Frey kann der Entschuldigung von Thomas Hitzlsperger wenig abgewinnen.  © David Frey

Diese Chance nutzte Hitzlsperger nach dem "Gespräch unter Männern" vor dem Bundesliga-Spiel am 2. Januar gegen RB Leipzig beispielsweise nicht und seine öffentliche Diffamierung von Claus Vogt hatte weiter Bestand. Die berühmten "Nächte drüber schlafen" verkamen so zum Dauerschlummer.

Außerdem stellte der VfB-Vorstandsboss seine inzwischen als unwahr nachgewiesene Aussage bislang immer noch nicht richtig, wonach die Kosten für die Firma Esecon (die nach Vogts Auftrag bezüglich der Mitgliederdaten-Affäre ermittelt) ausufern würden und den Verein in die Zahlungsunfähigkeit treiben könnten.

Ebenfalls zu hinterfragen ist die Wahl des Kommunikationskanals, über die Hitzlspergers Entschuldigung lief - nämlich erstmalig über den offiziellen des VfB Stuttgart.

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Manche könnten sagen, dies passiere jetzt, da das Thema eine derartige Tragweite bekommen hat. Andere könnten sagen, dies geschehe "zufällig", nachdem Hitzlspergers Kandidatur als VfB-Präsident offenbar als rechtens eingestuft wurde. Dem schließe ich mich an; das Ganze hat für mich das berühmte "Geschmäckle".

Zum Schluss soll aber noch mit Nachdruck auf Hitzlspergers Unterschätzung der "Wucht" seines Offenen Briefes eingegangen werden. Mein Kollege Niklas Noack machte bereits klar, dass Hitzlsperger alles andere als mit Bedacht handelte, womit ich d'accord bin. Doch an dieser Stelle muss die Frage berechtigt sein, ob der 38-Jährige während der noch nicht so lang zurückliegenden Saga um Ex-Präsident Wolfgang Dietrich (72) sein Handy ausgeschaltet hatte.

Die offiziellen Medien stürzten sich in der Causa auf jedes Detail, beleuchteten die Geschehnisse von allen Seiten. Im Social Web wurde praktisch minütlich diskutiert. Die Mitgliederversammlung im Sommer 2019, welche als "WLAN-Gate" in die Vereinsgeschichte einging und bei der ich selbst vor Ort war, war das bestimmende Thema schlechthin.

Das Rumoren im Vorfeld und während der Veranstaltung entwickelte eine Dynamik, wonach eine Abwahl Dietrichs bei funktionierendem Abstimmungsverfahren absolut realistisch gewesen wäre. Dass Hitzlsperger weis machen will, die Wirkung seines Briefs unterschätzt zu haben, kaufe ich nicht ab, da er nicht gerade für schlechtes Kalkül bekannt ist - ganz im Gegenteil.

Seine Entschuldigung war lange überfällig, doch Glaubwürdigkeit ist was anderes. Dabei wäre es aus meiner Sicht gerade für den VfB-Sympathieträger schlechthin ein Wiederaufbau derselbigen ungemein wichtig.

Titelfoto: Tom Weller/dpa

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