Kommentar: Wie Deutschland mit Hinterbliebenen von Terroropfern umgeht, ist beschämend

München - Im Kränze-Niederlegen und beim Gedenken sind die Deutschen Weltmeister. Im Fall des Olympia-Attentats in München vor 50 Jahren ist die Haltung der Bundesrepublik bis heute jedoch beschämend.

Ankie Spitzer, die Witwe des von arabischen Terroristen ermordeten israelischen Fechttrainers Andre Spitzer, steht am 9. September 1972 fassungslos in dem verwüsteten Raum, in dem palästinensische Terroristen neun israelische Sportler festhielten.
Ankie Spitzer, die Witwe des von arabischen Terroristen ermordeten israelischen Fechttrainers Andre Spitzer, steht am 9. September 1972 fassungslos in dem verwüsteten Raum, in dem palästinensische Terroristen neun israelische Sportler festhielten.  © picture alliance / dpa/dpa

Am Montag bat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (66, SPD) die Angehörigen der elf israelischen Opfer in seiner Rede um Vergebung für die Ereignisse am 5. September 1972. Dass diese Entschuldigung in Gegenwart der Hinterbliebenen möglich war, war bis zum 31. August überhaupt nicht abzusehen.

Denn seit 50 Jahren drückte sich der deutsche Staat nicht nur vor der Entschuldigung gegenüber den hinterbliebenen Familien, sondern auch vor der lückenlosen Aufklärung dieses palästinensischen Terroranschlags. Stattdessen wurden die Fehler jahrzehntelang vertuscht, Verantwortung für den Anschlag wurde bisher nie übernommen.

Besonders beschämend waren jedoch der Umgang Deutschlands mit den Hinterbliebenen und die Haltung im Streit um die Entschädigungszahlungen. Warum eigentlich? Weil es "nur" Sportler waren, die aufgrund des Versagens des deutschen Staates 1972 bestialisch niedergemetzelt wurden?

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Erst als die Opferfamilien in Israel äußerten, deshalb nicht zur Gedenkfeier nach Fürstenfeldbruck zu kommen, was für die Bundesrepublik Deutschland eine große Peinlichkeit gewesen wäre, lenkte der Bund ein und einigte sich nach fünf Jahrzehnten auf eine Summe.

Warum dauerte das alles so lange? Wo deutsche Regierungsmitglieder doch bei jeder Gelegenheit Kränze an jüdischen Opfergedenkstätten niederlegen und versichern, Israels Sicherheit sei Teil deutscher Staatsräson.

Am Erinnerungsort zum Attentat bei den Olympischen Spielen 1972 in München steht ein Kranz des bayerischen Ministerpräsidenten, Markus Söder (55, CSU).
Am Erinnerungsort zum Attentat bei den Olympischen Spielen 1972 in München steht ein Kranz des bayerischen Ministerpräsidenten, Markus Söder (55, CSU).  © Stefan Puchner/dpa-Pool/dpa

"Expertenkreis Politischer Islamismus" muss seine Arbeit einstellen

TAG24-Redakteurin Simone Bischof.
TAG24-Redakteurin Simone Bischof.  © privat

Wie ein Hohn klingen da auch die Worte von Bundesinnenministerin Nancy Faeser (52, SPD), die in ihrer Rede am Montag feststellte, dass 50 Jahre nach dem Attentat immer noch offene Fragen zum Ablauf des Anschlags und der gescheiterten Befreiungsaktion bleiben. Aus ihrer Sicht sei das nicht hinnehmbar. "Nun muss umfassend geklärt werden, was zu klären ist."

Muss? Nun ist es doch so, dass Menschen, die eine Sache wirklich ernsthaft vorhaben, formulieren würden, dass "nun umfassend aufgeklärt wird". Dieses kleine Wörtchen "muss" zeigt nur, dass die Aufklärung möglicherweise und irgendwann passieren könnte.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch, dass erst am Samstag bekannt wurde, dass Faesers Ministerium verfügt hat, dass der "Expertenkreis Politischer Islamismus" seine Arbeit nicht länger fortsetzen soll.

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Das Bundesinnenministerium äußerte sich auf Anfrage zunächst nicht zu den Gründen für die Entscheidung. Am Geld kann es nicht liegen, die Mitglieder sind unentgeltlich tätig.

Fakt ist: Der Terror in Deutschland hört nicht auf. Seit 2016 gab es mindestens zehn Anschläge, die islamistisch motiviert waren. Schaut der Staat also weiterhin weg, wie er es seit München 1972 getan hat?

Titelfoto: Stefan Puchner/dpa-Pool/dpa, privat

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