Kommentar zur Berliner Parallelwelt: Wieso unsere Politiker glauben, alles richtig zu machen

Berlin - Am Mittwoch wurde es historisch: Bundeskanzlerin Angela Merkel (66, CDU) bat das Volk um Verzeihung. Eine Zäsur, ein Novum! Vonseiten der Politik hört man seit Monaten, man habe eigentlich alles im Griff. Stimmt - zumindest mit dem Blickwinkel aus den getönten Scheiben der Berlin-Bubble.

Gesichter der Corona-Politik: Angela Merkel (66, CDU, l.), Peter Altmaier (62, CDU, M) und Olaf Scholz (62, SPD, r.).
Gesichter der Corona-Politik: Angela Merkel (66, CDU, l.), Peter Altmaier (62, CDU, M) und Olaf Scholz (62, SPD, r.).  © Kay Nietfeld/dpa

Die Frage lautet jedoch: Sind die "hohen Tiere" in Berlin repräsentativ für das Gros der deutschen Bevölkerung?

Ich behaupte: Nein.

Keulenhiebe in Richtung der Kanzlerin gab es genug. Blickt man lieber stellvertretend auf andere kluge Köpfe der Pandemie-Politik, sieht man schnell, dass auch diese inmitten einer gänzlich anderen Realität zu leben scheinen als der Rest der Bürger.

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Das zeigen nicht zuletzt Masken-Deals und Abendessen mit Unternehmern.

"Raus aus den Dienstwagen", fordert jetzt beispielsweise der Ex-CDU-Abgeordnete Wolfgang Bosbach (68) bei Bild. Das ist ein Ansatz, ebenso wie der langsam immer attraktivere "Tübinger Weg", der schrittweise Öffnungen und regelmäßige Testungen miteinander kombiniert.

Bosbach fordert "Raus aus den Dienstwagen", Scholz' Terminhatz ist eine andere Realität

Karl Lauterbach (58), SPD-Gesundheitsexperte.
Karl Lauterbach (58), SPD-Gesundheitsexperte.  © Kay Nietfeld/dpa

Kollegen wie Kanzleramts-Chef Helge Braun (48, CDU) oder Vizekanzler Olaf Scholz (62, SPD) hetzen von Termin zu Termin. Doch dies ist eine andere Realität als die der Hoteliers und Gastronomen, welche seit einem halben Jahr auf leere Betten, Tische und Auftragsbücher blicken.

Das Gefühl, keine Aufgabe und schlimmer noch, womöglich keine Perspektive zu haben, kennt man "da oben" vielleicht nicht zur Genüge.

In seiner Hatz von Talk zu Talk scheint Epidemiologe und Harvard-Absolvent Karl Lauterbach (58, SPD) die gesamtgesundheitlichen Auswirkungen von Lock- und Shutdowns zwischen all den Virus-Berechnungen aus dem Blick zu verlieren. Vielleicht unbewusst, doch viele Menschen leiden unter Kontaktbeschränkungen.

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Ein qua Lebenslauf hochdekorierter Wirtschaftsminister Peter Altmaier (62, CDU) erkennt erst viel zu spät, wie schwer es Unternehmer haben, wenn sie im März noch immer auf versprochene Novemberhilfen warten.

Es mag simpel, vielleicht populistisch klingen: Aber wenn das üppige Salär monatlich pünktlich auf dem Politiker-Konto eingeht, ist es wohl schwer, sich in existenzielle Nöte "Lockdown-Arbeitsloser" hineinzuversetzen.

Das ist noch nicht mal ein Vorwurf, es ist viel mehr menschlich nachvollziehbar.

Merkel-Entschuldigung zwar groß, jedoch ihr einziger Exit

TAG24-Redakteur Eric Ranninger.
TAG24-Redakteur Eric Ranninger.  © TAG24

Wenn man es schon nicht fühlen kann, sollte man zumindest das Ohr näher am Volk haben.

Dem öffentlichen Schuldeingeständnis gehört zwar Respekt abgerungen - jedoch das nächste Mal nicht erst, wenn man nach einem 15-Stunden-Mammut-Gipfel aufwacht und inmitten eines Shitstorms landet...

Titelfoto: Kay Nietfeld/dpa

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