Kommentar zur Ukraine-Krise: Frieden ist weiter möglich, es muss nicht zum Krieg kommen

TAG24-Redakteur Florian Gürtler befasst sich in seinem Kommentar mit der Ukraine-Krise. Seine Analyse: Verhandlungen und Kompromisse zwischen den USA, der Nato und Russland sind weiter möglich, es muss nicht zum Krieg kommen.

Die Ukraine-Krise spitzt sich mehr und mehr zu, kommt es zum Krieg mitten in Europa? Bei aller Aufregung sollte eines nicht vergessen werden: Bisher sind die russischen Truppen NICHT in die abtrünnigen Ost-Provinzen der Ukraine einmarschiert, das heißt: Bis jetzt hat die Diplomatie weiter die Chance, den Frieden zu bewahren.

Schon seit Wochen zieht Russland Truppen an der Grenze zur Ukraine zusammen, so auch bei einer gemeinsamen russisch-belarussischen Militärübung Anfang Februar.
Schon seit Wochen zieht Russland Truppen an der Grenze zur Ukraine zusammen, so auch bei einer gemeinsamen russisch-belarussischen Militärübung Anfang Februar.  © --/Russian Defense Ministry Press Service/AP/dpa

Tatsächlich muss man sich fragen, wie die von Russlands Präsidenten Wladimir Putin (69) bisher nur angekündigte (beziehungsweise befohlene, aber noch nicht erfolgte) Truppenentsendung sowie die Anerkennung der sogenannten "Volksrepubliken" Donezk und Luhansk zu bewerten sind.

Fakt ist: Hätte die russische Führung den Osten der Ukraine militärisch erobern wollen, so hätte sie ihre Truppen schon vor Wochen in Marsch setzen können.

Stattdessen ließ man Zeit verstreichen und sah dabei zu, wie die USA und ihre Verbündeten in der Nato die ukrainische Armee mehr und mehr hochrüsteten. Dieses Verhalten der russischen Regierung deutet doch sehr darauf hin, dass die Bereitschaft zu einem militärischen Abenteuer jenseits der eigenen Grenzen wohl nicht allzu groß war.

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Ob sich dies nun geändert hat, kann niemand mit Sicherheit sagen. Es ist aber durchaus möglich, dass Putin sich mit seinen jüngsten Schritten quasi wie ein Poker-Spieler verhält, der den Einsatz mehr und mehr erhöht.

Es kann also sein, dass seine Maßnahmen einfach nur ein Bluff sind.

Putin ist ein kaltblütiger Machtpolitiker, der auch über Leichen geht, aber er handelt rational

Russlands Präsident Wladimir Putin (69) hat die Volksrepubliken Donezk und Luhansk als unabhängige Staaten anerkannt.
Russlands Präsident Wladimir Putin (69) hat die Volksrepubliken Donezk und Luhansk als unabhängige Staaten anerkannt.  © Alexei Nikolsky/POOL SPUTNIK KREMLIN/AP/dpa

Der russische Präsident weiß, dass ein Einmarsch in die Ukraine äußerst schmerzhafte Sanktionen gegen sein Land zur Folge hätte. Die wirtschaftlichen Schäden – etwa wenn Russland vom internationalen Zahlungsverkehr ausgeschlossen würde – wären enorm.

Ist es wirklich vorstellbar, dass er dieses Risiko leichtfertig eingeht, nur um zwei strategisch unbedeutende Flecken Erde zu erobern?

Bei aller Skrupellosigkeit, die Putin in der Vergangenheit an den Tag gelegt hat (etwa bei der Annexion der Krim oder der militärischen Intervention in Syrien), muss man klar sagen: Ja, er ist ein kaltblütiger Machtpolitiker, der auch über Leichen geht, aber er handelt rational.

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Daher kann wohl davon ausgegangen werden, dass auch die Ankündigung einer Truppenentsendung in erster Linie eine Drohgebärde ist – schließlich hätte der russische Präsident bereits in der Nacht von Montag zu Dienstag seine Soldaten in Marsch setzen können, sie stehen ja schließlich in großer Zahl an der Grenze zur Ukraine bereit. Warum wartet er also noch?

Eine mögliche Erklärung ist, dass auch Putin und seine Regierung weiterhin keinen Krieg wollen, sondern Verhandlungen.

TAG24-Redakteur Florian Gürtler (44) lebt und arbeitet in Frankfurt am Main.
TAG24-Redakteur Florian Gürtler (44) lebt und arbeitet in Frankfurt am Main.  © Florian Gürtler

Die Welt hat genug andere Probleme

Aus diesem Grund sollten wir alle hoffen, dass die USA und ihre Verbündeten in der Nato trotz aller martialischen Drohungen einen kühlen Kopf bewahren und ihre Diplomaten im Hintergrund auf Hochtouren agieren.

Wir sollten ferner alle hoffen, dass dabei die Nato-Staaten nicht nur untereinander reden, sondern auch mit der russischen Seite das Gespräch suchen – und dass diese Gespräche in gegenseitigem Respekt und auf Augenhöhe geführt werden.

Die Welt hat genug andere Probleme. Nichts wäre törichter als ein sinnloser Krieg, nur weil die Großmächte es nicht hinbekommen, Kompromisse miteinander zu schließen.

Titelfoto: Montage: --/Russian Defense Ministry Press Service/AP/dpa, Florian Gürtler

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