Warum Inzidenzwerte nicht länger Grundlage politischen Handelns sein sollten

Leipzig - Inzidenzwerte gelten der Politik im Kampf gegen die Corona-Pandemie als Richtschnur für Eingriffe in die Grundrechte der Bürger. Doch diese statistischen Größen haben mit der Realität nur wenig gemein, meint TAG24-Redakteur Alexander Bischoff.

Und täglich grüßt die Corona-Karte, die anhand der Inzidenzwerte die Pandemie abbilden soll.
Und täglich grüßt die Corona-Karte, die anhand der Inzidenzwerte die Pandemie abbilden soll.  © imago images/Rüdiger Wölk

Seit Monaten begleiten sie uns täglich wie da einst die im Radio verkündeten Wasserstände und Tauchtiefen: die Inzidenzwerte der Corona-Pandemie. Also jene Zahlen, die angeben sollen, wie viele Neuinfektionen es in den letzten sieben Tagen auf 100.000 Einwohner gegeben hat.

Die Politik nutzt die Inzidenz als Grundlage für ihre Entscheidungen, etwa für die massiven Eingriffe in unsere Grundrechte.

Nach der 50 gilt nunmehr Richtwert 35 als Heiliger Gral politischen Handelns. Andere glauben, dass nur die "Zero-Covid-Strategie" die Erlösung brächte.

Stand Freitag wären demnach 65 sächsische Kommunen "erlöst". Denn ihnen wies das Sozialministerium in seiner täglich aktualisierten Statistik eine Null-Inzidenz zu. Problem nur: Viele ihrer Vorgänger, also jene Städte und Gemeinden, die am Donnerstag laut Inzidenz "coronafrei" waren, wiesen nach 24 Stunden plötzlich wieder Werte jenseits der 35 auf.

Was lässt sich daraus schlussfolgern? Inzidenzwerte sind statistische Momentaufnahmen, die mit der Realität nicht allzu viel gemein haben. Je kleiner und dünner besiedelt ein Erfassungsgebiet ist, desto irrwitziger ist der statistisch errechnete Inzidenzwert.

Beispiel: Am Freitag hielt laut ministerieller Statistik das vogtländische Steinberg mit einer Inzidenz von 729,1 die rote Laterne - weil 20 der 2743 Einwohner in den letzten sieben Tagen positiv getestet wurden.

Wird mehr getestet, steigt der Inzidenzwert

Tag24-Redakteur Alexander Bischoff hält die 7-Tage-Inzidenz als Grundlage für politische Entscheidungen für ungeeignet und realitätsfern.
Tag24-Redakteur Alexander Bischoff hält die 7-Tage-Inzidenz als Grundlage für politische Entscheidungen für ungeeignet und realitätsfern.  © Ralf Seegers

Apropos positiv getestet. Inzidenzwerte sind Laborbefunde, die maßgeblich von der Testhäufigkeit abhängen. Wird viel getestet, gibt es logischerweise mehr Positiv-Befunde, steigt der Inzidenzwert. Wird wenig getestet, sinken die "Infektionszahlen" und damit die Inzidenz.

Ein statistischer Effekt, auf den Wissenschaftler wie der Chef-Epidemologe des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung, Gérard Krause (56) und der Medizinstatistiker Gerd Antes (71) die Politik schon vor Monaten hinwiesen.

Als Grundlage für so folgenreiche politische Entscheidungen wie etwa die Schließung von Schulen und Geschäften taugt der Inzidenzwert allein überhaupt nicht! Weit aussagekräftiger zur aktuellen pandemischen Situation sind Angaben über das Alter der Infizierten und die Belegungssituation auf den Intensivstationen.

Dass die Inzidenzgrößen 35 und 50 politisch festgelegte Grenzwerte sind und keine wissenschaftlichen Größen, darauf weist auch immer wieder der Virologe Hendrik Streeck (43) hin. In einem Interview kritisierte er unlängst, dass der Inzidenzwert inzwischen "ein völlig falsches Bild" vermitteln würde, da sich die Teststrategie ständig verändert habe. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Titelfoto: Montage: imago images/Rüdiger Wölk, Ralf Seegers

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